Vinzenz Wyss über Kirche und Service public

Spätestens nach dem öffentlichen Kirchenaustritt von Natalie Rickli wegen eines kritischen Textes im Blog des Katholischen Medienzentrums ist das Thema „Service Public“ auch in der Kirche angekommen. Um was geht es wirklich? Wir fragten den Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss.

Das katholische Mauerblümchen im öffentlichen Diskurs zum medialen Service public

In der Schweiz ist der öffentlich ausgetragene Streit um die Zukunft des medialen Service public in vollem Gange. Das ist gut so. Vor folgenschweren politischen Entscheidungen sollen sich möglichst viele Stimmen am öffentlichen Diskurs beteiligen. Dies gilt selbstverständlich auch für die Debatte zur Legitimation des öffentlichen Rundfunks im digitalen Zeitalter, in dem die Medienlandschaft durch einen tiefgreifenden Strukturwandel herausgefordert wird. Auch in dieser wichtigen Debatte gibt es keine Instanz, die für sich legitimiert in Anspruch nehmen könnte, das bessere – wahre – Argument ins Feld zu führen. Vielmehr prallen auch hier Diskurse und Argumente aufeinander, die sich jeweils an ganz unterschiedlichen Weltbilden und Logiken orientieren.

Dieses Aufeinanderprallen veranschaulicht beispielhaft ein Blick in die Medienberichterstattung der letzten Tage:

  • Der SRG-Generaldirektor Roger de Weck etwa führt den Begriff vom föderalistischen, öffentlichen Medienhaus ein und argumentiert unermüdlich medienpolitisch, dass eine Schwächung der SRG nicht zu einer Stärkung der Schweiz führe.
  • Juristen streiten aus rechtlicher Perspektive darüber, ob der Bund die Möglichkeit habe, auch Fördermassnahmen für Online-Angebote zu ermöglichen.
  • Wirtschaftsprofessoren argumentieren ökonomisch und fordern auf der Basis einer vom Verlegerverband bezahlten Studie, man müsse primär über Leistung und Preise reden.
  • Der Germanist und  CVP-Politiker Gerhard Pfister wiederum argumentiert moralisch, wirft der SRG «Zwei Welten»-Rhetorik vor und krönt seine Analyse mit einem ökonomistisch-technizistischen Glaubensbekenntnis, „die wirklichen Kräfte, die die Medienlandschaft langfristig auch in der Schweiz zum Besseren ändern werden“, seien „der Markt und die Technologie.“
  • Selbstverständlich fehlt auch die medien- und kommunikationswissenschaftliche Perspektive nicht in dieser Debatte. So betont etwa der Journalismusforscher Manuel Puppis, dass Medien eben nicht bloss Wirtschaftsgüter und Medienpolitik mehr als nur die Beseitigung von Marktversagen seien. Eine nichtkommerzielle, zur Rechenschaft verpflichtete und auf neuen digitalen Plattformen aktive Organisation sei für die Zukunft des Service public zentral; private Medien und – eine allenfalls werbefreie – SRG könnten nur gemeinsam eine vielfältige Medienlandschaft sichern.

So weit so diskursiv. Wo bleibt jedoch der Beitrag der Religionsgemeinschaften in dieser angeheizten medienpolitischen Debatte, in der neben rechtlichen, wirtschaftlichen, moralischen und wissenschaftlichen auch künstlerische, sportliche oder pädagogische Argumente eingebracht werden?

Wo bleibt die Katholische Kirche mit ihrem Bezug auf katholische Werte?

Gerade sie, die ja für sich in Anspruch nimmt, auch Teil des diskutierten Service public, für alle Menschen da zu sein, als öffentlich-rechtlich anerkannte Institution gelten will und nicht zuletzt ein gutes Angebot an  journalistischen Sendungen zu religiösen Themen in allen Landessprachen erwartet. Soll „die Kirche das Politisieren“ zum medialen Service public tatsächlich „den Parteien und Politikern überlassen“, so wie das jüngst die SVP-Nationalrätin Natalie Rickli gefordert hat?

Nein! Wie scheintot muss eine Kirche sein, die solche wichtigen Fragen zum Zusammenleben in unserer Gesellschaft im öffentlichen Diskurs einfach den andern überlässt, auch wenn das manchen gerade recht wäre.

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Diese Haltung vertritt wohl auch Charles Martig, der sich auf seinem Blog bei kath.ch in die Debatte einschalten wollte; auf einem Blog nota bene, der erklärtermassen „die persönliche Meinung der Einzelnen widerspiegelt und nicht die Position von kath.ch oder der römisch-katholischen Kirche“.

Drei Überlegungen müssen den Theologen und ausgebildeten Medienwissenschaftler dazu bewogen haben, in seinem Blog die Medienlogik zu bedienen und eine katholische Perspektive in den Diskurs einzubringen:

  • Erstens befürchtet Charles Martig, dass im politischen Diskurs Kräfte die Oberhand gewinnen, welche die ökonomische Logik den anderen Perspektiven überstülpen wollen; dass also auch in der Service public Debatte zunehmend die Haltung salonfähig werde, die sich am Markt durchsetzenden Partikularinteressen seien per se wertvoller als ein staatlich ermöglichtes Tun als Beitrag für die gesamte Gesellschaft.
  • Zweitens rezipiert das aktive Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft regelmässig medienwissenschaftliche Literatur und weiss, dass gute Medienangebote eben auch so genannte „meritorische Güter“ sind, die im freien Markt in geringerem Masse produziert und nachgefragt werden, als dies gesellschaftlich wünschenswert wäre. Diese empirische Evidenz widerspricht für ihn dem ökonomistischen Diskurs, in dem das Publikum bloss auf die Rolle des Konsumenten reduziert wird.
  • Und drittens weiss der Direktor des katholischen Medienzentrums nur zu gut, dass die Kirche es schwer hat, sich in der medialen Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen, wenn nicht gerade Ostern oder Weihnachten ist, pädophile Priester skandalisiert werden oder CVP-Politiker den folgenschweren Seitensprung beichten. Er weiss, dass er personalisieren und provokativ irritieren muss, damit ein Diskursangebot aus dem Mauerblümchendasein der katholischen Ecke von den Medien aufgegriffen wird.

Und so kam es, dass der Blogger Charles Martig zur spitzen Feder griff und seinen Widerspruch an der zunehmend ökonomistisch geführten Debatte in eine personalisierte Kritik an der Präsidentin der Nationalratskommission für Verkehr und Fernmeldewesen münden liess, deren Interessenbindung an ein privates Werbevermarktungs-Unternehmen ihn aufhorchen lässt.

Ob es ihm gelungen ist, mit seinem Rekurs auf katholische Werte sein Publikum davon zu überzeugen, dass sich „die katholische Soziallehre“ entschieden „gegen die ökonomistische Vorstellung vom Menschen wendet, der nur noch den Prinzipien der Gewinnmaximierung und der Effizienz unterworfen wird,“ bleibt offen. Offen bleibt auch, ob der Konter von Natalie Rickli überzeugt, das Subsidiaritätsprinzip in der katholischen Soziallehre stütze eine grundsätzliche Kritik an einer starken SRG. Und es bleibt schliesslich offen, inwiefern der von Charles Martig angestossene Diskurs die Schweizer Bischöfe herauslockt, sich daran zu beteiligen, oder ob es dabei bleibt, dass das konservative Bistum Chur unter dem durchschaubaren Deckmäntelchen des Religionsdiskurses den Steilpass für den innerkirchlichen Machtdiskurs intrumentalisieren will, indem aus der steilen Hierarchie der Weltkirche lapidar verkündet wird, Jesus Christus habe nie etwas zum Service public gesagt.

*Dr. Vinzenz Wyss ist Professor für Journalistik an der ZHAW. Er leitet zudem die Bildungskommission der Trägerschaft SRG Zürich Schaffhausen

 

 

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