Sichere Orte für junge Menschen schaffen

Wie können Kinder und Jugendliche in kirchlichen Organisationen noch besser vor sexueller Gewalt geschützt werden? Die Jugendseelsorge Zürich stellt sich der Herausforderung.

Wir sind uns einig: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sollen in der Kirche einen sicheren Ort vorfinden. Sie sollen bei uns ihre Talente entdecken, Kirche mitgestalten und unbekümmert ihre Freizeit verbringen können.

Moralische Fallhöhe ist hoch

Viele Pfarreien und andere kirchliche Institutionen ermöglichen ein vielfältiges Freizeitangebot in Gruppenstunden und Projekten sowie Lagern und Weekends.
Diese und andere Veranstaltungen bieten jungen Menschen tolle Erfahrungen und Erlebnisse in der Gemeinschaft.

„Wir wissen aber auch, dass dort, wo Menschen miteinander Leben teilen, das Vertrauen von jungen Menschen missbraucht werden kann.“

Die Frage, ob Kinder und Jugendliche in der Kirche sicher sind, ist daher eine polemische. Denn die Frage stellt sich keineswegs nur kirchlichen Organisationen, sondern vielen anderen auch, wie z.B. den vielen Sport- und Freizeitvereinen, der kommunalen Jugendarbeit usw.

Wenn es allerdings „in der Kirche“  zu Missbrauch kommt, ist die moralische Fallhöhe – und das völlig zu Recht –  herausragend hoch!

Kultur der Achtsamkeit

Für Organisationen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten – ob kirchlich oder nicht kirchlich– stellen sich dieselben Fragen:

  • „Bieten wir unseren Jugendlichen genug Schutzraum?“
  • „Bemerken wir Mobbing der Kinder untereinander?“
  • „Sind wir sensibel für Grenzverletzungen und Übergriffe?“

Diese und weitere Fragen zeigen: Es geht vor allem darum, dass sich die Kirche als Organisation die richtigen Fragen stellen muss. Denn entscheidend für „sichere Orte“ ist eine Kultur der Achtsamkeit.

Die Kultur der Achtsamkeit ist Grundvoraussetzung für eine Präventionsarbeit, die grenzüberschreitende Handlungen missbilligt.

Fokus: Schutz vor sexueller Gewalt

Deshalb rücken wir als Dienststelle Jugendseelsorge Zürich anlässlich des Jugendseelsorgeforums das Thema in den Fokus. „Schutz vor sexueller Gewalt – sichere Orte für Kinder und Jugendliche“ lautet der Titel unserer Veranstaltung, auf der Fachpersonen ihre Expertise miteinander und vor Publikum vorstellen, austauschen und diskutieren.

Expertinnen und Experten sprechen in diesem Kontext von drei Stufen sexueller Gewalt:

  1. Grenzüberschreitung
  2. Übergriff
  3. Missbrauch (Straftat)

Was genau sind Grenzüberschreitungen und Übergriffe?

Definition Grenzüberschreitung: Eine (sexuelle) Grenzverletzung passiert, wenn Personen mit ihrem Verhalten bei anderen eine Grenze überschreiten. Beispiel: Beim Spielen fasst ein/e Jugendliche/r einem Kind versehentlich an die Genitalien.

Definition Übergriff: Ein (sexueller) Übergriff ist dann passiert, wenn Personen grenzverletzendes Verhalten trotz Ermahnung nicht korrigieren, sondern wiederholen. Beispiel: In einem Lager gibt eine Leiterin jedem Kind aus guter Tradition einen Gutenachtkuss. Dieses Ritual setzt sie mit Hinweis auf die Tradition fort, obwohl zwei Buben sich darüber beschwert haben.

Pfadi-Anlässe bringen Kinder und Jugendliche zusammen

Grenzverletzung oder Übergriff?

Es wird also klar: Der Hauptunterschied liegt darin, dass bei Übergriffen zumeist eine mutwillige und bewusste Handlung zu Gründe liegt. Wohingegen bei einer Grenzverletzung unbewusstes Handeln vorliegen kann. Der Übergang von einer Grenzverletzung zu einem Übergriff ist nicht eindeutig oder exakt zu definieren.

Wehret den Anfängen

Umso wichtiger ist es, dass Organisationen sexuelle Gewalt an ihrer Wurzel bekämpfen.

Wirksam werden wir als Kirche aus meiner Sicht nur dann, wenn wir uns mit aller Kraft gegen Grenzüberschreitungen und Übergriffen und deren begünstigenden Faktoren einsetzen. Das bedeutet, dass Organisationen grundsätzlich auf verschiedenen Ebenen aktiv werden müssen:

  • Kinderrechte: Wir müssen Kinder stark machen und sie befähigen, ihre Rechte zu kennen und diese einzulösen. Kinder sollen lernen, NEIN sagen zu dürfen.
  • Aus- und Weiterbildung: Hauptberufliche, Freiwillige und Jugendliche müssen für die Thematik geschult werden. Sie brauchen pädagogisches und psychologisches Know-how, um Grenzüberschreitungen und Übergriffe zu erkennen, diese anzusprechen und zu verhindern.
  • Sensibilisierung: Wir müssen als Kirche ganz unterschiedliche Zielgruppen für dieses Thema sensibilisieren. Das schlimmste ist, nicht darüber zu reden, das Schweigen. Dabei geht es überhaupt nicht darum, mit dem Zeigefinger Drohungen oder Verbote auszusprechen. Vielmehr geht es darum, im Kleinen Dinge zu erkennen, um proaktiv handeln zu können.

Wo dies gelingt und wo eine Kultur der Achtsamkeit herrscht, profitieren alle Akteure und Beteiligten davon, ganz besonders diejenigen, die uns Organisationen unausgesprochen einen Vertrauensvorschuss geben: die Kinder und Jugendlichen.

Die Jugendseelsorge Zürich lädt zu einer Weiterbildung ein:

Jugendseelsorgeforum „Schutz vor sexueller Gewalt – sichere Orte für Kinder und Jugendliche“ Donnerstag, 05.10.2017 von 09.00 -13.00 Uhr im Volkshaus Zürich.

Die Einladung samt Anmeldetalon kann hier runtergeladen werden. Der Eintritt inklusive Apéro ist frei. Um Anmeldung wird gebeten!

 

Frank Ortolf, Dienststellenleiter Jugendseelsorge Zürich

Antworten