Arnold Landtwing_FOTO_Marly Knörle

Salamitaktik säbelt Sonntagsruhe ab

Die Sonntagsruhe wird weiter ausgehöhlt. Deshalb geht der Abbau leise und unspektakulär über die Bühne. Als Antwort erhebe ich laut die Stimme und halte gegen diese Salamitaktik.

Wer ein Projektmanagement auf die Beine stellt, will ein grosses Ziel erreichen. Er setzt dann Zwischenziele, nennt diese feierlich „Meilensteine“ und feiert sie gebührend.

Letzt Woche habe ich beim Zeitungslesen gestutzt. Da war nämlich beinahe nebenbei von einem grossen Meilenstein in der Stadt Zürich die Rede, zuerst in der Lokalinfo und später dann im Tages-Anzeiger. So richtig gefeiert hat man den aber nicht – und das aus gutem Grund! Der besagte Meilenstein bedeutet nämlich einen weiteren Schritt in der Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten. Zum ersten Mal darf nämlich ein Laden in der Stadt jeden Tag, also auch jeden Sonntag und jeden Feiertag von morgens früh bis abends spät geöffnet sein.

Sonntagsruhe mit Checklisten aushebeln

Möglich macht das eine Definition des SECO, dem Staatssekretariat für Wirtschaft. In der „Checkliste für Nacht- und Sonntagsarbeit in Betrieben für Reisende“ gelten „Terminals des öffentlichen Verkehrs“ als Ergänzung zu Bahnhöfen, Flughafen oder anderen grossen Knotenpunkten. Die Stadt Zürich sieht einen „Terminal mit einem Betrieb für Reisende“ dort, wo pro Tag mehr als 15‘000 Leute vorbeikommen. Auch wenn es jetzt in der Stadt nur um einen ersten solchen Terminal geht, erfüllen mehr als 20 andere Bus- und Tramstationen quer durch die ganze Stadt die Voraussetzung auch.

Was die einen zufrieden als Meilenstein zur Kenntnis nehmen, ist meiner Meinung nach nichts anderes als eine Scheibe mehr in der Salamitaktik zum Abbau des Sonntags.

Sonntagsruhe ist Burnoutprophylaxe

Der Rhythmus des Lebens braucht neben Arbeit auch regelmässige Ruhezeiten. Dies für mich als einzelnen und erst recht für uns als Gemeinschaft und ganze Gesellschaft.

Es ist eine uralte Errungenschaft, die sich als tiefe Weisheit auch in der Bibel niedergeschlagen hat: Einen Tag in der Woche soll alles ruhen. Die ganze Schöpfung. Der Mensch. Die Sklaven. Die Tiere, jeder Esel. So klingt 3000 Jahre alte Burnoutprophylaxe!

„Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen, nicht die Menschen der Wirtschaft“ Alt-Abt Martin Werlen

Alt-Abt Martin Werlen bringt es auf den Punkt, um was es geht. Ich bin dankbar für seine klare Ansage. Sie ist aktueller denn je.

Regelmässige Sonntagsruhe dient allen

Wenn die Sonntagsruhe Scheibe für Scheibe abgesäbelt wird, dann ist es eine Frage der Zeit, bis nicht nur das Einkaufen am Sonntag alltäglich ist, sondern auch gerade noch ein Abstecher an den Arbeitsplatz dazugehört. Es gibt heute schon genug Berufstätige, etwa im Gesundheitswesen oder im öffentlichen Verkehr, welche nachts und sonntags unentbehrliche Dienste für die Gesellschaft leisten müssen.

Ein weiterer Ausbau von Sonntags- und Nachtarbeit opfert auf dem Altar von Konsum und Profitmaximierung nicht nur die Gesundheit derer, die arbeiten müssen, sondern riskiert auch einen Schaden an der Zivilgesellschaft. Das Hamsterrad des ständigen In-der-Arbeit-sein dreht schon schnell genug, wir dürfen es nicht weiter antreiben. Es gibt bereits zu viele Menschen, die ausgebrannt und abgelöscht sind. Der Preis ist zu hoch – wir müssen dem Sonntag Sorge tragen!

Der Sonntag ist ein Ruhetag und gehört uns allen. Mir. Ihnen als Leserin und Leser dieses Blogs. Uns als Gesellschaft. Nur ein ruhiger und erholsamer Sonntag kann zum Segen für die ganze folgende Woche werden.

 

Diese Gedanken habe ich unter dem Titel Sonntagsruhe im „Wort zum Sonntag“ vom 21.10.2017 auf SRF erstmals veröffentlicht.

 

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