Mit moderner Musik die Herzen erobern

Pop und Jazz ist Alltagsmusik. Menschen aller Altersgruppen lassen sich von den Grooves und Melodien, vom Gesang und den Harmonien der Popmusik ergreifen und berühren. Das ist die Musik, die die meisten Leute kennen, mögen und auch verstehen. Deshalb gehört diese Musik auch in die Kirche.

Zeitgemäss verstandene Kirchenmusik spannt den Bogen der Musik ganz weit und betreibt und fördert gleichermassen alle Musikformen und Musizierweisen, die Menschen heute ansprechen und berühren – ganz gleich ob Gospel, Gregorianik, Bach oder Blues. Die gottesdienstlichen Inhalte mit moderner Musik zu transportieren und umzusetzen, funktioniert wunderbar. Ich sehe darin eine wichtige Chance für die Kirche: Diejenigen Leute, welche sich mit der traditionellen Kirchenmusik nicht zurechtfinden, erhalten durch Pop und Jazz im Gottesdienst einen Zugang, der ihnen entspricht. Ich möchte den Gottesdienstbesuchern die Möglichkeit geben, ihren Glauben in einer Musik auszudrücken, die nahe an ihrem alltäglichen Musikerlebnis ist. Die Stärken der kirchlichen Tradition miteinbeziehen, aber unbedingt zeitgemässe Gottesdienste gestalten. Damit die Kirche nicht zu etwas Fremden wird, sondern sich die Leute sich mit dem Gottesdienst-Stil identifizieren können und Heimat finden.

Auf den Sound und die Qualität kommt es an

Es ist sinnvoll, wenn wir die Qualität von Popmusik im Gottesdienst mal unter die Lupe nehmen. Häufig wird Popmusik im Gegensatz zur Kunstmusik als „einfach“ und „trivial“ bewertet: Harmonisch einfach und angenehm klingend; die Melodie leicht einprägsam; wenig komplexe, durchgehende Rhythmen sowie ein sanfter, melodiebetonter Gesang. Diese Charakterisierung von Popmusik als „einfach“ folgt zumeist einer bewussten oder unbewussten Gegenüberstellung mit klassischer Musik, die in der
 Regel rhythmisch, harmonisch und melodisch vielschichtiger ist.

In dieser Einfachheit der Popmusik sehe ich aber verschiedene Chancen: Es ist eine zugängliche Musik, für niemanden zu komplex. Und immer wieder mache ich die Erfahrung, dass es doch oft die einfachen Dinge sind, welche unser Herz berühren – klare Wahrheiten, schlichte Melodien.

Und eine simple Melodieführung lässt einen relativ rasch in ein unbekanntes Lied einstimmen, ohne Noten lesen zu können.

Als Beispiel für einen populären Song  gibt es hier „10 000 Gründe“ der Gruppe deutschen „Outbreakband“ zu hören. Schon die amerikanische Original-Version war ein Hit.

Bei der Liedauswahl für einen Gottesdienst achte ich nebst den inhaltlichen Aspekten darauf, dass Lieder gesungen werden, welche die Leute kennen und mögen. Neue Lieder leite ich an, damit die Gemeinde sie lernt. In den meisten Formationen sind Sängerinnen oder Sänger dabei, was beim Lernen von neuen Liedern hilfreich ist und ohnehin motiviert, ins Lob einzusteigen.

Pop-Musik und ihr Sound

Die erwähnte Einfachheit der Popmusik ist aber erst die halbe Wahrheit: Gehaltvoll wird nämlich diese Musik durch ihr Klangbild, ihr musikalisches Arrangement, durch ihren „Groove“ und die Energie, welche freigesetzt wird. Popmusik lebt vom Sound-Design, von der rhythmischen Präzision und einer reibungslosen Performance. Diese Aspekte machen Popmusik zu einer Kunstmusik. Wenn man das in der Gemeinde umsetzen möchte, dann braucht es Keyboard, Schlagzeug und E-Gitarre – sowie ein solides musikalisches Niveau der Mitwirkenden, damit Popmusik auch gelingen kann.

In vielen Kirchgemeinden fehlt es an gut ausgebildeten Musikern, welche diesen Ansprüchen von Jazz und Pop genügen. Hier greift das Weiterbildungsangebot der Zürcher Hochschule der Künste: Die Studierenden werden im Zusammenspiel geschult und werden ausgerüstet, andere beim Musizieren anzuleiten. Jeder Teilnehmende lernt auch andere Instrumente zu spielen, damit er deren Funktion in der Band versteht. Wir besprechen die Funktion von Pop und Jazz im Gottesdienst und führen Coachings in den Kirchgemeinden der Studierenden durch.

Unsere Arbeit dient dem Ziel, dass Pop und Jazz in den Gottesdiensten stattfinden kann, und dies in einer überzeugenden Qualität.

Band und Chor sind für mich übrigens viel mehr als „nur“ musikalische Gefässe: Sie sind Orte der Begegnung, Orte des zwischenmenschlichen Austauschs. Da hat die Kirchenmusik auch einen sozialen und pädagogischen Auftrag: Wo musiziert wird, treffen sich Leute und teilen Leben; es geht um das gemeinsame Musizieren mit anderen, um die Förderung von Interessierten und Talentierten.

Foto: zVg

Musik und Inhalt spielen miteinander

Gelegentlich musiziere ich im Gottesdienst einer reformierten Kirche. Für die Liederauswahl spreche ich mich mit der Pfarrperson über den Inhalt des Gottesdienstes ab und suche dann Lieder, welche zum Thema passen. Wort und Musik sollen „aus einem Guss“ kommen und miteinander im wahrsten Sinne des Wortes ineinander „spielen“, das heisst sich ergänzen und decken.

Grundsätzlich erlebe ich bei den Gemeindeleitern eine Offenheit gegenüber der modernen Musik, weil sie auch wissen, dass viele Menschen diese Art von Musik schätzen. Schlussendlich ist Musik immer eine Frage des persönlichen Geschmacks – und das ist gut so! Deshalb begegne ich anderen Musikstilen mit Respekt und freue mich aber auch über eine Grosszügigkeit gegenüber der modernen Musik, gerade von Leuten, die sagen: „Ich habe Bach lieber.“

Der musikalische Inhalt muss auch bei Pop- und Jazz-Musik authentisch und eigen sein, immer im Dienst des gemeinsamen Feierns, wo Wort, Stille und Musik einen Spannungsbogen ergeben. Als Musikerinnen und Musiker sind wir „Dienstleister“: Unsere Musik soll Ohren und Herzen erfreuen. So verstehe ich meinen Auftrag – auch aus der Motivation heraus, Gott zu ehren.

Gallus Hächler (34) ist Studienleiter des CAS Kirchenmusik Pop & Jazz an der ZHdK, wo er ein Klavierstudium in der Jazzabteilung absolvierte sowie einen Master in Schulmusik II. Zudem wirkt er als freischaffender Pianist, Arrangeur und als Bandleader in verschiedenen Projekten mit, begleitet Chöre und spielt in Duo-Formationen und Musicalproduktionen. Ausserdem unterrichtet er Musik am Literargymnasium Rämibühl in Zürich.

 

 

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