Medien und ihr Umgang mit dem Heiligen

Keine Diskussion: Wenn im Fernsehen eine geweihte Hostie zum „Snack“ wird, dann sind empörte Reaktionen nicht nur programmiert, sondern auch berechtigt. Aus diesem Grund legte sich ein Schatten über die SRF-Sommerserie „Im Schatten der Burg“. Die Frage stellt sich: Wo liegt das wirkliche Problem? Und: Wie gehen wir mit dem um, was andere als heilig empfinden?

Während drei Wochen nahm das Schweizer Fernsehen SRF unter der Woche zusammen mit Radio SRF 1 mit dem Living-History-Projekt „Im Schatten der Burg – Leben vor 500 Jahren“ das Publikum mit auf eine Zeitreise. Ausgerechnet die Sequenz mit dem Sonntagsgottesdienst sorgte für Unmut, weil der Off-Kommentar flapsig die Hostie als „Snack“ bezeichnete. Empörte Reaktionen von Zuschauern liessen nicht lange auf sich warten.

Geweihte Hostie wird in Ledertäschchen gesteckt. Screenshot SRF

Vorsicht: Fettnäpfchen!

Mindestens heftiges Stirnerunzeln hätte schon der Kommuniongang, das Versorgen der Hostie im Ledertäschchen und das Konsumieren der Kommunion nach dem Gottesdienst hervorgerufen. Immerhin hätte man dann der Familie zu Gute halten können, dass sie aus eigenem Antrieb das Problem auf praktische und würdige Art gelöst hat. Dies lässt zumindest darauf schliessen, dass die Familie einen Bezug zur katholischen Messfeier hat und sich des würdigen Kommunionempfangs bewusst ist – und noch besser wäre es gewesen, wenn die Jüngste statt der Kommunion beispielsweise ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet bekommen hätte. Dafür wie auch für eine Drehgenehmigung im Gottesdienst sind die pastoral Verantwortlichen vor Ort zuständig.

Der Kommentar, dass die Hostie vor der Kirche zum „Snack“ wird, hat etliche katholische Gläubige empört. Dies mit gutem Grund, denn für gläubige Katholiken ist in der gewandelten Hostie Jesus gegenwärtig. Wer um diesen zentralen katholischen Glaubensinhalt weiss, versteht, weshalb sich bei einem solchen Kommentar viele verletzt fühlen.

Drei Fragen zum eigentlichen Problem

Dem begleitenden Kommentar im Hintergrund zu unterstellen, er habe mit seiner Bemerkung gezielt und bewusst einen zentralen Glaubensinhalt verunglimpfen oder lächerlich machen wollen, entbehrt jeglicher Grundlage – das eigentliche Problem liegt anderswo:

  • Wie soll jemand, der unter Umständen einer anderen Konfession, einem anderen oder gar keinem Glauben angehört und damit nicht katholisch sozialisiert ist, die problematische Tragweite einer flapsigen Bemerkung über die Hostie erkennen können?

  • Warum fragt SRF gerade bei einem solch sensiblem Thema wie katholischer Messe und Kommunion aus bereits früher und immer wieder gemachten Erfahrungen nicht bei den hausinternen Theologinnen oder Theologen nach? Oder: lässt die Sequenz vor der Ausstrahlung überprüfen?

  • Wie kann SRF auch bei nicht kirchlich sozialisierten Medienleuten darauf hinwirken, dass sie mindestens erkennen, was anderen heilig ist und mit welchem Respekt diesem zu begegnen ist?

Wie wird das Problem gelöst?

SRF hat sehr schnell realisiert, dass es da mit einer ungeschickten Bemerkung in ein Fettnäpfchen getreten ist und hat als erste Massnahme sofort die entsprechende Szene vom Netz genommen sowie auf der Homepage eine Entschuldigung veröffentlicht. In den Tagen nach der Sendung haben direkte Kontakte mit dem verantwortlichen Redaktionsleiter Basil Honegger stattgefunden. Hansruedi Huber als Informationsverantwortlicher des Bistums Basel (in dessen Zuständigkeitsgebiet der Gottesdienst stattgefunden hat) wie ich als Informationsbeauftragter des Generalvikariats Zürich haben offen und sachlich die wunden Punkte angesprochen.

Dass es SRF mit der Erkenntnis des Fehlers ernst ist, zeigt sich daran, dass die stossende Szene bereits vor diesen Kontakten nicht mehr verfügbar war und die entsprechende Sendung umgehend überarbeitet wurde: Die Sequenz mit der Kommunion wurde entfernt und auch der Abspann neu zusammengeschnitten, weil dort die Bilder eingebettet waren. Damit ist auch sichergestellt, dass in der jetzt zum Verkauf stehenden DVD der Sommerserie die korrigierte Fassung verbreitet wird. Diesen grossen Aufwand zum Beheben eines Fehlers gilt es zu anerkennen und damit ist die Sache erledigt.

Im Schatten der Burg – Leben vor 500 Jahren Screenshot SRF

Fünf Erkenntnisgewinne für SRF und Zuschauer

  • Fazit 1: SRF hat – einen Fehler gemacht– den Fehler als solchen erkannt, eingestanden und bereut – um Entschuldigung gebeten – den Fehler behoben – den Vorsatz zur Besserung gefasst.

  • Fazit 2: Eigentlich sind diese Schritte ein gutes Beispiel aus der medialen Welt, das katholischen Gläubigen aus der Beichte vertraut sein dürfte. Und damit ist das Thema für diesmal erledigt und SRF ist darauf sensibilisiert, nächstes Mal im Zusammenhang mit dem, was anderen heilig ist, mehr Fingerspitzengefühl walten zu lassen.

  • Fazit 3: Rasch erfolgte und direkte Kontakte mit Verantwortlichen sowie offene Gespräche sind viel zielführender als papierene Stellungnahmen oder wütende Protestschreiben – und bilden erst noch eine gute Grundlage für eine zukünftige vertrauensvolle und professionelle Zusammenarbeit.

  • Fazit 4: SRF widmet eine ganze Sommerserie einer Zeit vor 500 Jahren, in der die Kirche eine wichtige Rolle spielt. So bekommt auch das Pilgern einen regelmässigen Platz. Darüber dürfen wir uns freuen und die Bemühungen von SRF positiv würdigen – im Bewusstsein, dass positive Kirchenpräsenz auch wieder nicht allen passt und etwa von Hugo Stamm in seinem Sektenblog kritisiert wird.

  • Fazit 5: Eigentlich kann es SRF nur falsch machen, irgendjemand findet immer einen Grund zur Kritik.

Horizonterweiterung durch Gewissenserforschung

Wer mit dem Finger auf jemanden zeigt, muss sich immer bewusst sein, dass gleichzeitig drei Finger auf einem selber zeigen. Gerade in dieser Diskussion sind mir drei Aspekte aufgefallen, die zu einer kleinen selbstkritischen Gewissenserforschung einladen:

  1. In den Kommentarspalten und auf Facebook finden sich vor allem gehässige und beleidigende Kommentare, die mit Wertungen nicht zurückhaltend sind. Es ist richtig und notwendig, den Respekt für das einzufordern, was uns als Katholiken oder Christen heilig ist. Ein klarer und gleichzeitig sachlicher Ton bildet offensichtlich die Ausnahme, wäre jedoch ein glaubwürdigerer Beitrag.

  2. Wenn schon der Respekt für die eigene Religion eingefordert wird, wie steht es dann mit dem für andere Religionen? Überzeugend wäre, wenn die gleichen Stimmen, welche sich bei einem Fauxpas gegenüber dem Katholischen und Christlichen empören mit gleicher Verve auch auf dumme Karikaturen reagieren und sich für den Islam, bei antisemitischen Aktionen oder Witzen für das Judentum einsetzen und den gleichen Respekt einfordern. Schliesslich gilt es auch hier zu schützen, was dem anderen heilig ist.

  3. Sensibilität und Respekt für das, was mir heilig ist, darf ich erwarten, wenn ich selber bereit bin, dem mit Sensibilität und Respekt zu begegnen, was anderen heilig ist.

 

 

 

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