Klerikalismus – eine Pest in unserer Kirche

Für den Papst ist er die Pest in der Kirche. Aber wie sähe eine Kirche ohne Klerikalismus aus? Christian Cebulj, Rektor der Theologischen Hochschule Chur, stellt sich dieser Frage.

In der deutschen Sprache bezeichnet das Suffix „-ismus“ entweder eine Herleitung (Alkoholismus), ein Glaubenssystem (Buddhismus) oder eine ideologische Überhöhung (Islamismus). Wenn Papst Franziskus in einer Pressekonferenz vom 13. Mai 2017 meint: „Bloss kein Klerikalismus, das ist eine Pest in der Kirche“ und später hinzufügt, der Klerikalismus sei schuld an Missbrauch und Vertuschung, dann kritisiert er damit eine ideologische Überhöhung des priesterlichen Selbstverständnisses. Entgegen einer theologisch angemessenen Auffassung des Weihepriestertums meint Klerikalismus z.B., Priester hätten eine größere Nähe zu Gott und mehr Wissen über die Seelen der Menschen; sie wüssten besser, was für die Menschen gut und gottgefällig ist. Priester hätten sogar „Macht über Gott“, wie Papst Benedikt XVI. zu Beginn des Priesterjahres 2009 sagte, als er den Hl. Pfarrer von Ars zitierte: „Sie befehlen Gott, in die Hostie hinabzusteigen, und er tut es“.

Der Jesuit Klaus Mertes ist selbst Priester und möchte seine Aussagen als Selbstkritik verstanden wissen. Er führt fort: Priester können zwar Sünden vergeben, aber es ist auch möglich, dass Priester selbst die eine oder andere Schwäche und Marotte haben.

Aus der Perspektive einer klerikalistischen Überhöhungs-Mentalität entzieht es sich dem Bereich des Vorstellbaren, dass Priester schwere Verbrechen begehen. Es entsteht folglich ein Interesse daran, die Befleckung der Priesteraura durch schwere Schuld nach Möglichkeit nicht zur Kenntnis zu nehmen und sie allein dadurch schon zu vertuschen.

Wenn Jugendliche dann versuchen, ihren Eltern von erlebter sexualisierter Gewalt durch Priester zu berichten und den Satz hören »So spricht man nicht über einen Priester!«, ist das Klerikalismus.

Warum sind gerade junge Priester anfällig?

Leider beobachte ich in den letzten Jahren vor allem unter jungen, neu geweihten Priestern einen zunehmenden Klerikalismus. Weil diese Neupriester eigentlich oft sympathische Typen sind, jedoch sehr klerikal auftreten, versuche ich ihr Verhalten zunächst als Rollenunsicherheit zu deuten. In einer gesellschaftlich stark hinterfragten Berufsrolle haben sie ein starkes Sicherheitsbedürfnis, das gibt es auch in anderen Berufen. Wer andererseits die immer noch erhebliche Macht eines Systems wie der Katholischen Kirche dazu nutzt, um als schwache Person eine starke Rolle zu spielen, hat nicht verstanden, dass am Ende auch die persönliche Glaubwürdigkeit darunter leidet.

Der Klerikalismus entstand historisch, als das Christentum in der Spätantike dominant wurde und sich der innerkirchliche Statusunterschied zwischen Laien und Klerikern immer mehr verfestigte.

Der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher hat darauf hingewiesen, dass sich der Klerikalismus heute ironischerweise aus dem Zusammenbruch genau dieser Konstellation speist: Einerseits sind Priester in der katholischen Kirche immer noch rechtlich privilegiert. Andererseits sind Priester in einer Gesellschaft, in der nicht mehr die Religion die individuelle Lebensführung regiert, sondern biographische Bedürfnisse über die religiöse Praxis entscheiden, mit einem fundamentalen Machtverlust konfrontiert: Nicht sie bestimmen mehr, wie Menschen leben sollen, sondern die Menschen bestimmen, ob sie etwas mit Priestern zu tun haben wollen oder nicht.

Kein kirchlicher Berufsstand muss sich daher gegenwärtig derart neu erfinden wie das Amtspriestertum.

Es gibt viele, die kreativ und flexibel damit umgehen. Ein Gott sei Dank überschaubarer anderer Teil der Priester reagiert jedoch auf diese objektiv schwierige Situation genau mit dem Gegenteil, nämlich mit klerikalistischem Verhalten. Als statusbegründete Selbstherrlichkeit soll es helfen, mit den eigenen Identitätsproblemen fertig zu werden, dabei macht es dieses Problem nur noch schlimmer.

Wenn ein Priester zur Marionette wird

Seit über zehn Jahren bin ich Professor für Katholische Theologie und versuche mein Tun immer mit guten Argumenten zu begründen. Gleichzeitig bin ich ein sogenannter Laie. Als ich kürzlich vor einem Gottesdienst mit einem Bischof einmal den liturgischen Vorschlag machen wollte, dass die Fürbitten nicht vom Ambo, sondern doch aus dem Volk heraus gesprochen werden könnten, erwiderte der Zeremoniar des Bischofs, ein junger traditionalistischer Priester, selbstherrlich, dass sei auf gar keinen Fall möglich. Auf meine Rückfrage nach einem theologischen Argument, warum das nicht ginge, hatte er nur die arrogante Antwort auf Lager: „Am Ende entscheidet immer der Zeremoniar, was gemacht wird“. Das ist Klerikalismus in Reinform, der nur noch in wenigen Nischen unserer Kirche funktioniert. Am Anfang habe ich mich geärgert, dann konnte ich den jungen Priester nur belächeln, weil er mir wie eine Marionette vorkam, die aus sich selbst nichts ist. Eine Marionette ist leblos, sobald der Spieler die Bühne verlässt und die Marionette zur Seite legt.

Klerikalismus beginnt, wo Priester primär an sich interessiert sind und nicht am Volk Gottes, zu dem sie gehören und für das sie da sind, dem gegenüber sie sich aber erhaben und überlegen zeigen. Leider gibt es auch unter Laien eine Form des Klerikalismus, wenn sie auf ihre Weise klerikaler sein wollen als Kleriker.

Wo ist der Ausweg?

Aber es gibt eine Lösung des Problems. Am Ende ist Klerikalismus für mich ein Phänomen des Übergangs, das sich wandeln wird und als strikte Trennung von Priestern und Laien eines Tages zu Ende geht. Biblisch gesehen ist die Kirche der Zukunft das wandernde Volk Gottes auf dem Weg zu Gott. Zu dieser biblischen Sicht von Kirche gehört auch die Einsicht, dass die Kirche eine geschichtliche Größe ist, die ständiger Veränderung unterliegt. Sie ist keineswegs unwandelbar und hat schon viele solcher Änderungen durchlebt: Ich denke nur daran, dass man in unserer katholischen Kirche einmal gegen Demokratie und Menschenrechte war, für Judenmission und Todesstrafe plädiert hat, aber das alles heute aus guten Gründen heute nicht mehr tut. Wenn künftig die Barmherzigkeit Gottes im Mittelpunkt steht und nicht die Eitelkeit von Menschen, wird auch das Phänomen des Klerikalismus ein Ende haben. Denn Papst Franziskus hat Recht: Es ist eine Pest in der Kirche.

Prof. Christian Cebulj

Christian Cebulj ist Rektor der Theologischen Hochschule Chur und Professor für Religionspädagogik und Katechetik.

 

Wer sich vertieft mit dem Thema Klerikalismus beschäftigen möchte, dem sei auch der Beitrag des Zürcher Theologen Bernd Kopp Strukturelle Facetten des Klerikalismus empfohlen.

Einen anderen Ansatz als Kopp wählt der früher in Zürich und heute in Saudi-Arabien wirkende Priester Martin Stewen: Klerikalismus: «Wie das Amen in der Kirche». Beide lesenswerten Beiträge sind veröffentlicht im theologischen Online-Magazin feinschwarz.net

3 Kommentare zu “Klerikalismus – eine Pest in unserer Kirche

  1. Lieber Herr Cebulj, ich danke Ihnen für Ihren Kommentar. Auch ich beobachte einen wachsenden Klerikalismus unter jungen Priestern. Die Nachkonziliare Generation geht in Rente oder stirbt weg. Ich beobachte auch dieses krampfhafte Festhalten an dem überhöhten Priesterbild. Es ist natürlich auch schwierig. Die traditionellen Arbeitsfelder des Priesters werden von säkularen Fachkräften übernommen. Psychologen, Therapeuten, Eventmanager, freie Redner. Dazu kommt, dass es keine „reine katholische Lehre“ mehr gibt. Laien haben durch das Internet Zugang zu Wissen, dass früher dem Klerus vorbehalten war. Die historisch-kritische Bibelarbeit hat Spuren hinterlassen.

    Als rk Priesterin (contra legem) musste ich mich anfangs auch sehr mit dem klassischen Priesterbild auseinandersetzen. Denn ich will ja nicht eins-zu-eins die Fehler der Vergangenheit übernehmen. Es fängt mit der liturgischen Kleidung an und endet bei basisdemokratischen Formen, wie man Gottesdienst feiern kann. Miteinander und nicht von oben herab. Aber auch nicht zu sehr miteinander, weil die theologische und pädagogische Ausbildung, die ich habe, ja auch sinnvoll ist und hilft, das Richtige zu tun. Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für Ihre Arbeit. Und danke für Ihre Gedanken. Mit freundlichen Grüßen: Judith Gigl

  2. David Brüllhard schrieb am :

    Das Beispiel des Zeremoniars hat nichts mit Klerikalismus zu tun. Der Zeremoniar handelt in seiner Funktion als Zeremoniar und nicht als Priester. Auch ein Laie kann Zeremoniar sein und die Situation wäre die gleiche gewesen. Dieses gesuchte Beispiel hat nun wirklich nichts mit Klerikalismus zu tun.

    So wie auch Herr Cebulj als Rektor der Hochschule Entscheide fällen muss, die nicht allen passen, muss dies auch ein Zeremoniar. Entscheide verantwortlicher Personen sind zu respektieren. Ihn dafür als Marionette, die aus sich nichts ist zu bezeichnen ist nicht gerade die feine Art. Ich finde dies sehr beleidigend.

    Ich wünsche mir von einem Hochschulrektor einen respektvolleren Umgang mit Menschen, die eine andere Meinung haben als er. Solche Aussagen sähen doch nur Unfriede und führen zu Streit. Öffentliche Auseinandersetzungen auf diesem Niveau schaden der ganzen Kirche.

  3. Berthold Kreß schrieb am :

    Es scheint so zu sein, dass viele junge Gläubige (und junge Priester) sich vom Glauben der ‚Konzilsgeneration‘ abwenden und sich traditionalistisch orientieren. Die Frage ist, ob man die jungen Leuter verteufeln soll, oder ob man hier nicht eher das Wirken des Heiligen Geistes erkennen darf.

    Der Beitrag scheint ‚Klerikalismus‘ (ein Problem, von dem man bis vor einigen Monaten noch gar nichts gehört hat, und das jetzt an jedem Übel der Kirche schuld sein soll), Autoritarianismus und Traditionalismus gleichzusetzen.

    Jedoch sind die Priester traditionalistischer Gemeinschaften oft nicht aus der Kirchensteuer alimentiert, so dass sie auf die Unterstützung von Freiwilligen angewiesen sind und sich mit diesen arrangieren müssen, während Diözesanpriester in deutschsprachigen Ländern nicht nur gut und regelmäßig besoldet werden, sondern auch Chefs über eine Reihe bezahlter Mitarbeiter sind, die ihren Willen tun müssen.

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