Kirchen sind dort, wo es passiert – im Leben

Es sind bald 50 Jahre her, dass ich im Studium der Sozialen Arbeit begriffen habe, dass das Geld Armut bekämpfen kann, nicht aber die Not. Und in all den vielen Jahren, wo ich als Sozialarbeiterin und dann auch als Sozialpolitikerin gearbeitet habe, wurde das immer deutlicher. Geld und materielle Sicherheit sind unerlässliche Voraussetzungen für ein Leben in Würde, aber sie genügen nicht.

Die nun vorliegende Studie «Kirchliche Tätigkeiten mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung im Kanton Zürich» zeigt deutlich, dass die offiziellen Strukturen des Sozialstaates nicht genügen. Während die einen rufen, das sei alles schon viel zu viel, die andern alles wegsparen und durch Kritik unglaubwürdig machen, zeigen sich die scharfen Kanten unseres Wirtschaftssystems immer deutlicher.

Es gibt Verlierer und es gibt Bedürftige. Das kann im materiellen Sinn sein – vielleicht mehr als es in der modernen reichen Schweiz den Anschein macht – und es gibt die menschliche Bedürftigkeit.

10 Prozent der Zürcherinnen und Zürcher sind arm und sind auf Unterstützung angewiesen. Caritas ermöglicht in Winterthur und Zürich mit drei Märkten armutsbetroffenen Menschen günstiges Einkaufen. Foto: Peter Knup

Das hat auch mit den «normalen» Lebensaltern zu tun: Kinder, Jugendliche, Menschen in Krisen, überforderte Familien, kranke, behinderte, alte Menschen – sie alle brauchen neben der materiellen Sicherung Zuwendung und Fürsorge.

Der Staat kann nicht lieben

Ich freue mich, dass die Studie bei allen angesprochenen Partnern genau das erfahren hat: ohne zusätzliche Akteurinnen und Akteure geht es nicht. Das Leben passiert nicht auf Ämtern, in Einrichtungen, in Akten. Es ist viel banaler, aber realer. In den offiziellen Strukturen – dafür habe ich mich jahrelang eingesetzt – soll Gerechtigkeit hergestellt werden, gemäss Verfassung und Gesetz korrekt gehandelt werden. Aber der Staat kann nicht lieben. Das ist einfach eine Tatsache und auch verständlich.

Für die Zuwendung braucht es andere Möglichkeiten: Nähe, Menschen und eben eine besondere Haltung. Die Bedürftigkeit der Menschen ist nur so zu heilen.

Seelsorge im Zürcher Spital Triemli. Foto: Peter Knup

 

Die staatliche Sozialhilfe wird heute ganz eng geknüpft, baut auf dem Verdacht auf, dass Menschen, die nicht für sich selbst schauen können, betrügen. Mit dieser falschen Grundannahme kann den betroffenen Menschen keine positive Dynamik vermittelt werden, sicher keine Hilfe, die auch ein Versprechen auf eine neue Zukunft gibt. Sie ist keineswegs partnerschaftlich, sondern obrigkeitlich und meist auch sanktionierend. Jeder Fortschritt wird gleich mit weniger Mitteln bestraft. So – das zeigt die Geschichte – entstehen beschädigte Menschen.
Ich wundere mich oft: die Menschen sehen den Film «Verdingkinder» und wischen sich mehr oder weniger heimlich eine Träne ab und gehen dann an den «Stammtisch» und schimpfen über die Faulen, die Schmarotzer, die Ausländer, die nur…

Bedingungslose Akzeptanz des Menschen

Und immer waren es die NGOs und selbstverständlich – tatsächlich selbstverständlich – die Kirchen, die sich engagieren und diese andere Not anpacken, diese zusätzliche Arbeit tun. Sehr oft unentgeltlich, freiwillig, ehrenamtlich. Leider meist mit wenig öffentlicher Wertschätzung. Die Haltung, mit der dann diese Arbeit geleistet wird, ist entscheidend.

Denn neben Wissen und Können ist die Haltung der dritte unentbehrliche Pfeiler, der die Soziale Arbeit als fachliche Arbeit qualifiziert, Menschen zu Menschen macht und sie weiterbringt, im Alltag wirklich hilft.

Und mit Haltung ist in diesem Fall eine bedingungslose Akzeptanz gemeint, weil du ein Mensch bist, achte ich dich. Das heisst nicht – wie ja oft irrtümlich oder böswillig insinuiert wird – dass jedes Verhalten, auch jedes fehlerhafte Verhalten akzeptiert wird. Nein, aber der Mensch wird erst mal angenommen wie er ist. Vielleicht ist das die grösste Leistung – wenn man dem überhaupt so sagen kann – die unsere christlichen diakonischen Werke anbieten.

Partnerschaft oder neudeutsch win-win Situation

Kirchen, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihre vielen freiwillige Tätigen sind eine Ressource, wie das ja heute heisst, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Betreuung von Flüchtlingskindern. Foto: Priska Alldis

Ich erinnere an die Tätigkeit während der offenen Drogenszene durch Ernst Sieber, an die Gassenarbeit engagierter Männer und Frauen von Freikirchen in der Sexszene, an die breite Unterstützung, die heute die Kirchen leisten bei der Integration von Asylsuchenden und Flüchtlingen.

Zürich – so bin ich überzeugt – hat ein diakonisches Netzwerk, das unsere Stadt und das «Millionenzürich» trägt, auch die liebesbedürftige Seite. Dieses Netz ist fast grenzenlos «vermehrbar» und kann wachsen. Und dies ohne Umweltschäden!

Aber damit das geschehen kann, braucht es minimale Grundlagen, etwas Geld und die Freiheit, sich zu entfalten. Die Partnerschaft zwischen Staat und Kirche im Kanton Zürich ist wichtig und muss erhalten werden.

 

Monika Stocker ist diplomierte Sozialarbeiterin und Erwachsenenbildnerin und hat einen Master in Angewandter Ethik. Sie war von 1987 bis 1991 Nationalrätin und leitete von 1994 bis 2008 als Stadträtin von Zürich das Sozialdepartement.
Heute führt Monika Stocker ein Atelier für strategische Beratung und Coaching und nimmt verschiedene Lehraufträge und ehrenamtliche Aufgaben wahr.
Sie ist verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Kindern und engagiert in der Grossmütter(R)evolution.
www.monikastocker.ch

 

Über diesen Beitrag

  Abgelegt unter Standpunkt

Antworten