«Kino im Kopf» – Abt Urban Federer über Bilder

 

Als ich von Zürich nach Einsiedeln umzog, war dies nicht nur ein Wechsel von der Stadt auf das Land. Ich kam auch von der Nüchternheit Zürichs in die «katholische Wucht» der Bilderwelt einer barocken Klosteranlage; ich nehme hier mit dem Begriff «Wucht» bewusst den Titel einer Zürcher Tageszeitung zur laufenden Ausstellung im Landesmuseum über das Pilgern nach Einsiedeln auf.

Je mehr ich begann, mich in dieser Bilderwelt zurechtzufinden und sie zu verstehen, desto mehr hatte ich «Kino im Kopf». Denn ein Blick auf diese Bilder und Figuren genügte – und ganze Geschichten begannen sich in meinem Kopf abzuspielen: Weihnachten natürlich, auch das letzte Abendmahl. Sobald ich hingegen Bilder sah, die mir nichts sagten, ergaben die auch keine bewegende Geschichte, also kein Kino im Kopf. Dazu musste ich zuerst Geschichten hören – von den Patroninnen und Patronen Einsiedelns etwa. Erst dann konnte auch diese Wucht von Bildern mich bewegen.

Bilder bewegen!

Und sie können es noch mehr, wenn sie eine Geschichte richtig transportieren. Diese Erfahrung mache ich heute auf ähnliche Art, wenn ich im Religionsunterricht zum Thema «Freiheit in Christus» den Klassiker «Matrix» zeige.

Meine Schülerinnen und Schüler sehen zuerst einmal Action. Die dahinter stehenden religiösen Geschichten können sie nicht abrufen, weil sie sie kaum kennen oder sie in ihrer Verfremdung nicht lesen können. In der Action alleine bewegt sich zuerst einmal der Film, nicht unbedingt der Mensch, der zuschaut. So haben meine Schülerinnen und Schüler bei «Matrix» alles andere, nur kein biblisch bewegendes Kino im Kopf. Erst beim Eingehen auf Namen und Handlungen sind sie verblüfft, wie viel an religiösen Themen und Geschichten darin verarbeitet ist und wozu diese dienen.

Ob sie danach verstehen, was Freiheit ist, hat aber weniger mit meinen Erklärungen zu tun, als mit der Wucht der Bilder: Je besser sie die Botschaft transportieren, desto mehr bewegen diese Bilder.

Unbewusste Sehnsüchte und Grenzerfahrungen

Ich rühre hier nun nicht die Werbetrommel für den religiösen Film: religiöse Geschichten als Folien für moderne Fragen und Themen machen nicht schon einen guten Film aus! Interessanter scheint mir eben die Frage nach der Macht der Bilder in Kino und Kirche: Was machen Bilder mit uns? Das Kino zeichnet Bewegung nach (das ist die wörtliche Übersetzung von Kino), und auch die Bibel ist voller Geschichten von Bewegung. Kino und Bibel können unterhalten. Darüber hinaus können sie aber auch ein Kino im Kopf erzeugen: über Geschichten bewegen.

Menschen werden dann nicht nur auf der Leinwand oder in den Geschichten der Bibel an ihre Grenzen geführt. Über die Macht dieser Bilder auf uns erfahren wir unsere eigenen Grenzen im Denken und Fühlen. Wir werden dort bewegt, wo wir uns im Alltag nicht bewegen würden. Das Bild löst in uns Grenzerfahrungen und Sehnsüchte aus, die wir uns sonst kaum oder sogar ungern bewusst machen. Der bewegte Mensch muss die Kirchen darum auch im Film interessieren, denn in unserem Glauben sucht Gott den Menschen, um ihn zu bewegen, bis dieser Ruhe und Sinn findet in Gott.

Überall, wo sich der Mensch mit seinem Menschsein auseinandersetzt und davon in Geschichten erzählt, interessiert dies auch die Kirchen.

Deshalb ist es sinnvoll, dass sich Kirche im Kontext eines Filmfestivals präsentiert. Auch sie ist Spezialistin für das bewegende Bild und bringt so das Kino in den Kopf des Menschen. Ein Film erhält von den Kirchen keinen Preis, wenn dieser nicht bis zu den Grenzen des Menschseins und so ganz allgemein den Menschen bewegt.

(Abt Urban Federer schrieb diesen Text als Grusswort für die Preisverleihung des 1. Filmpreis der Zürcher Kirchen, der Anfang Oktober erstmals am Zurich Film Festival verliehen wurde. Den Preis gewann der Film „Blue my Mind“.

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