Franziskus und die vielen ersten Male

«Carissimi fratelli e sorelle! Buona sera!»

Work Mitarbeiter © Franziska Scheidegger

Clemens Studer ist Politik- und Medienberater.

Was war das doch für ein denkwürdiger Auftritt an diesem 13. März 2013, als Jorge Mario Bergoglio als Papst Franziskus auf den Balkon des Petersdoms trat und die im kalten Regen ausharrenden Gläubigen begrüsste. In einer einfachen weissen Soutane stand er da, der Kardinal aus Argentinien, der Secondo aus Buones Aires, der Metropolen-Priester in Dorfpfarrer-Gestalt.

Die Gläubigen auf dem Petersplatz waren ebenso baff wie die meisten Vatikanisti. Bergoglio hat kaum jemand auf der Rechnung, als sich das Konklave in Rom traf. Einige wenige erinnerten sich noch daran, dass es nach der Wahl von Joseph Ratzinger 2005 geheissen hatte, «der Argentinier» sei bis zum letzten Wahlgang im Rennen geblieben. Aber für die Nachfolge Ratzingers galt Bergoglio als zu alt, gesundheitlich zu angeschlagen und zu wenig mit der Nomenklatur verhängt.

Abkehr vom Pomp und Protz

Am Morgen nach seiner Wahl holte der neue Papst eigenhändig die Koffer aus dem Gästehaus ab, in dem er bis zur Papstwahl gewohnt hatte, zahlte die Rechnung aus dem eigenen Sack und ging zu Fuss zurück in den Apostolischen Palast.

Das ist jetzt 45 Monate her und Franziskus feiert diesen Samstag seinen 80. Geburtstag. Er wohnt immer noch im vatikanischen Gästehaus Santa Marta, der päpstliche Palast dient ihm ausschliesslich als Arbeitsplatz.

Diese radikale Abkehr von den pompösen bis protzigen Inszenierungen vieler seiner Vorgänger stiess und stösst auf Misstrauen – in- wie ausserhalb der Kirche. Einige sehen die Würde der Kirche beschädigt durch einen bescheidenen Pontifex, andere wittern Masche statt Mission.

Unbestreitbar ist: Zum ersten Mal seit langem wieder bekommt ein Papst viel Aufmerksamkeit für das, was er tut – und nicht vor allem für das, was er ist. Johannes Paul II., der quasi ewige Papst, berührte die Menschen vor allem in seinen letzten Lebensjahren als Schmerzensmann. Von seiner Krankheit zunehmend schwer gezeichnet und behindert, lebte er allen Skeptikern ein ebenso trotziges wie frommes «Der Herr ist auch nicht vom Kreuz gestiegen» vor. Benedikt XVI. interessierte vor allem, weil er sich als Papst zu inszenieren wusste. Über seine Kleidung war in der breiten Öffentlichkeit mehr bekannt, als über seine Haltungen.

Doch warum bekommt Franziskus so viel Aufmerksamkeit in Kirche und Gesellschaft? Warum setzt ihn zum Beispiel das Gottlieb-Duttweiler-Institut zum zweiten Mal in Folge auf Platz 1 der Liste der «globalen Vordenker»?

Die kurze Antwort: Franziskus ist authentisch. Er lebt, was er sagt. Und was er sagt, ist nahe bei den Menschen – auch wenn sie mit einzelnen Aussagen nicht einverstanden sind.

Für die längere Antwort muss man sich einmal die vielen ersten Male dieses Papstes etwas genauer anschauen.

Der erster Auftritt: Nicht wenige der Gläubigen auf dem Petersplatz und vor den TV-Geräten dürften ein bisschen enttäuscht gewesen sein, dass der neue Pontifex maximus optisch so wenig hermachte. Dass er so bescheiden, ja fast scheu, in die Menge winkte. Der sich vor seinem Segen den Segen der Gläubigen erbat. Doch kaum jemand konnte sich diesem Auftritt entziehen. Er war echt, nicht inszeniert.

  • Sein erstes Interview als Papst gab Bergoglio für die ialienischen Tageszeitung «La Republica» einem erklärten Agnostiker.
  • Seine erste Reise als Papst machte Franziskus auf die italienische Insel Lampedusa: zu den Geflohenen und ihren Betreuern.
  • Sein erstes Lehrschreiben Evangelii gaudium kritisierte die herrschende Wirtschaftsordnung donnernd als «eine Wirtschaft, die tötet».

Selbstverständlich hat Franziskus auch viele falsche Erwartungen richtig enttäuscht. Allen voran von jenen, die erwarteten, dass der neue Pepsi-Chef plötzlich sagen würde, eigentlich sei ja Coca Cola viel besser.

Franziskus ist in innerkirchlichen und moralischen Fragen – Priestertum der Frau, Ehescheidung, Abtreibung, Homosexualität usw. – persönlich eher konservativ. Aber er lässt andere Meinungen zu. Und er setzt bei allem auf Barmherzigkeit statt auf Buchstabentreue. Oder in seinen eigenen Worten:

«Wir können uns nicht nur mit der Frage um den Schwangerschaftsabbruch befassen, mit homosexuellen Ehen, mit den Verhütungsmethoden. Die Kirche hat sich manchmal in kleine Dinge einschliessen lassen, in kleine Vorschriften. Diener dieser Kirche sollten aber vor allem Diener der Barmherzigkeit sein.»

Das Konzept des «heiligen Rests» ist Franziskus völlig fremd. Er wünscht sich die Kirche gross und breit. Im Wortsinn katholisch halt. Das spüren die Menschen und darum hören sie ihm zu. Hoffentlich noch lange!

Tanti Auguri, Heiliger Vater!

 

 

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