„Wo zwei oder drei“… Gottes Geist beim Singen

„Du hast nen Freund in mir, badabap…“ tönt es an einem sonnigen Septembersonntag aus dem kleinen Saal im Pfarreizentrum. Zum gefühlt zwanzigsten Mal bleiben die Sängerinnen und Sänger an der gleichen Stelle hängen.

„Ganz ruhig, nur nicht die Nerven verlieren“, rede ich mir selbst gut zu, denn in genau einer Woche sollen wir nebenan im grossen Saal unser mit Spannung erwartetes Filmmusikkonzert geben.

Vivien Siemes.

Mit einem Augenzwinkern greife ich den „Stolperstein“ auf und versuche die Anspannung bei allen zu lösen. Die Sängerinnen und Sänger bilden keinen festen Chor im klassischen Sinne, sondern sind Teilnehmer an einem Projektchor, der zu wechselnden Themen Gottesdienste oder weltliche Anlässe gestaltet. Menschen, die einfach gerne singen, ohne eine jahrelange Verpflichtung einzugehen. Früher wäre das für mich als Chorleiterin undenkbar gewesen. Konzert-Projekte zu starten, ohne zu wissen, wohin die führen – bloss nicht! Mittlerweile bin ich viel entspannter geworden, steht doch der Weg im Fokus meiner Arbeit, erst in zweiter Linie eine musikalisch einwandfreien Aufführung. Klar arbeite ich an einem schönen Chorklang und möchte eine gelungene Aufführung bieten, aber mindestens genauso wichtig ist, was zwischen den Menschen entsteht.

Gottes Geist beim Singen

Nach den Erwachsenen kommt auch der Jugendchor zur Probe für das anstehende Konzert. Gute Stimmung, Umarmungen zur Begrüssung, dann fokussiertes Proben. Jeder merkt: Er ist wichtig und Teil des Ganzen. Mit vielen verschiedenen Menschen zu singen, die gute Stimmung aufzunehmen – diese Augenblicke berühren mich immer wieder und lösen eine ganz eigene kreative Kraft aus. In meinem Kopf kommt mir der Kirchenlied-Klassiker „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ in den Sinn. Hier ist er mittendrin dabei, hier ist das Reich Gottes ganz nah, und ich bin ein Teil davon. Ein gutes Gefühl!

Montagabend – Feierabendzeit!

Nicht so bei einigen Mütter und Vätern des Kinderchores. Ein Musical steht mal wieder an, es heisst „Immanuel, Immanuel“. Tiere spielen die Hauptrollen und so wird auch an diesem Abend entworfen, gewerkelt und genäht. Fast 80 Kinder brauchen Kostüme. Der Pfarrsaal wirkt wie ein Wertstoffhof. Auch ich sitze mit meiner Nähmaschine mittendrin und nähe fast im Akkord. Oft höre ich in Gesprächen mit Aussenstehenden: „Warum kauft ihr eure Sachen nicht einfach? Das wäre doch viel einfacher.“ Ja, das wäre einfacher, aber es fehlt auch etwas Entscheidendes.

Eine Mutter kam zu mir – ihre beiden Kinder sind ganz neu im Chor. Sie sagte mit einem Strahlen in dem ganzem Chaos: „Ich hab bei so etwas noch nie mitgemacht. Ich wusste auch gar nicht, ob ich das kann. Aber das Ganze hier macht mir einen riesigen Spass!“ Und stolz blickte sie auf das von ihr und anderen Eltern gebaute Bühnenbild. Es ist schön, die Menschen bei ihren Talenten zu packen. Sie werden Teil des Ganzen.

Sie sind die lebendigen Bausteine, die Petrus in seinen Briefen beschreibt, die Gemeinde bunt machen. Sie bringen sich auf ihre Weise ein. Ein in die Gemeinschaft – ein in die Gemeinde.

Dienstag – Mittwoch – Donnerstag: Probe mit den Chören

Nach der üblichen Kinderchorprobe am Dienstag folgen die Kleinsten, die Chilemüüsli am Mittwoch. Heute sind vier Jungs zwischen vier und sechs Jahren müde und unmotiviert. Noch bevor die Probe beginnt, mag sich Aurelia nicht von ihrer Mama trennen. Zehn Minuten später nach den ersten Einsingübungen sind alle voll bei der Sache und trällern die Kindermusicalmelodien. Als wir mit „Tuff tuff tuff die Eisenbahn“ abschliessen, stehen viele Mütter zusammen und tauschen sich über Gott und die Welt aus. Gemeinsam gehen viele Kinder noch auf den nahe gelegenen Spielplatz. Diese grosse Kinderschar „mischt“ natürlich auch immer wieder den Gemeindegottesdienst auf. Durch den Kinderchor und die Chilemüüsli haben wir eine ganz andere Atmosphäre in den Familiengottesdiensten.

„Es ist immer so lebendig, wenn die Kinder da sind.“

Die Lebendigkeit und Unbekümmertheit der Kinder bringt dem Gottesdienst Nähe, Authentizität und Wärme. Der grösste Teil unserer Gemeindemitglieder schätzt dies sehr. Gerade hier wird Gott erfahrbar, kommt er mir nah, berührt mich, und ich spüre wieder diese inspirierende Kraft in mir, ausgelöst von den singenden Kindern.

Am Donnerstag im Kinderchor fliessen, noch bevor die ersten Töne erklingen, Tränen bei Emilia, weil ihre Freundinnen nicht mir ihr vor der Chorprobe spielen wollten. Schnell übernehmen die Grossen und klären die Situation – ungefragt.  Heute proben wir auf der Bühne.  Hier übernehmen meine grossen Sängerinnen und Sänger die Verantwortung und ordnen die singende Schar. Es dauert fünf Minuten, aber dann können wir mit gesungenen afrikanischen Worten unseren Aufzug auf die Bühne proben. Dort herrscht eine grosse Hilfsbereitschaft und ein unkompliziertes Miteinander.

Auch hier ist er wieder zu spüren – Gottes Geist. Für mich ist er nicht abstrakt oder unverständlich. Ich spüre ihn ganz deutlich zwischen den Kindern, zwischen mir und den Kindern, zwischen allen Beteiligten.

Ich glaube, deswegen liebe ich diese eigentlich sehr anstrengenden Phasen, in denen die Projekte zur Aufführung kommen. Alle Beteiligten rutschen noch enger zusammen und geraten in einen regelrechten Flow. Das Adrenalin tut sein übriges.

Manchmal höre ich Kritik: „Das sind doch kurze Strohfeuer, das ist doch nichts Nachhaltiges.“

Ich teile diese Einschätzung nicht, auch wenn einige Menschen nur eine kurze Strecke mitgehen. Es bleibt so vieles. Gemeinschaft, Freundschaften, der Glaube an seine eigene kreative Kraft, positive Erinnerungen, einfach Gottes guter Geist.

Dieser Einbezug so vieler Menschen, die sich zum Teil eher als distanziert zur Institution Kirche sehen, ist ein Gewinn für unsere Gemeinde. Meine Aufgabe sehe ich so: Kirche als etwas persönliches, kreatives und lebendiges erfahrbar machen.

Sonntagskonzert der Chöre. Foto: zVg

Und so gelingt am Sonntagnachmittag im Konzert nicht alles 100% perfekt, aber mit viel Passion und dieser inspirierenden Kraft – auch der Klassiker aus Toy-Story „Du hast nen Freund in mir“. Das wissende Lächeln aller Akteure, die strahlenden Augen. Ich bin überzeugt: Hier ist mein Gott mir ganz nah.

Vivien Siemes 

Die Religionspädagogin arbeitet im Seelsorgeraum Maria-Krönung/St. Anton in Zürich. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder, die ebenfalls in ihren Chören mitsingen. 

Immanuel, Immanuel: Aufführungen am Sonntag, 19.11., Samstag, 25.11., Sonntag, 26.11. jeweils um 15 Uhr, Einlass 14.45 Uhr, grosser Saal Maria-Krönung

www.maria-kroenung.ch

 

2 Kommentare zu “„Wo zwei oder drei“… Gottes Geist beim Singen

  1. Thomas Taxacher schrieb am :

    Ein sehr guter Artikel. Kirche als lebendigen Ort erfahrbar machen! Toll, dass es so engagierte Menschen in der Gemeinde gibt, die Gottes Geist überzeugt weitergeben und dem Evangelium ihr Gesicht geben! Danke!

  2. Marlen Hafen schrieb am :

    Liebe Vivien

    Dein Artikel ist sehr lebendig und hat mich oft zum Schmunzeln gebracht. Zwischen den Zeilen schwebt der Geist Gottes, verbindet Gross und Klein durch die verschiedensten Töne.
    Ich bewundere dich und dein TUN sehr und wünsche mir, dass dein Feuer in dir noch lange brennt und du mit deiner Freude viele Menschen anstecken kannst……

    Auch wenn Einige nur eine kurze Strecke mitgehen, bleibt Gottes guter Geist.

    Danke für diese wunderbare Botschaft.
    Herzlich, Marlen

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