Wenn fasten, dann fasten. Wenn Wurst, dann Wurst

Rückblick von Abt Urban Federer auf das ökumenische Wurstessen von Sonntag, 4. Februar.

Ich stehe am Sonntag vor dem Kulturhaus Helferei neben dem Grill und gebe Würste aus. Das erinnert mich an meine Kindheit und meine «Klosterjugend»: Immer schon habe ich gerne andere bedient. In den Ski-Ferien etwa wollte ich über die Mittagspause keine Siesta einlegen, sondern stand hinter der Hotel-Theke und gab den vielen Skilehrern Essen und Trinken aus. Und im Kloster war ich von Beginn an im Element, wenn ich den Gästen und Mitbrüdern das Essen auftischen konnte. So ergeht es mir nun auch wieder neben dem ökumenischen Grill (ein katholischer Metzgermeister grillt Zwingli-Würste…): Ich komme mit den Menschen ganz anders ins Gespräch als beim vorausgehenden Gottesdienst im vollen Grossmünster. Beim Grill herrscht der unmittelbare Dialog vor. Ich schaue in viele frohe Gesichter und jede Wurst, die ich ausgebe, ist von einem kurzen Schwatz begleitet.

Auch im Gottesdienst war ich im Dialog: Pfrarrer Christoph Sigrist und ich begegneten uns in einer Dialogpredigt, der wir die Bibelstelle Lukas 5, 27–39 zugrunde gelegt hatten. Der Anlass für diesen ökumenischen Gottesdienst ist das Wurstessen vom 1. Fastensonntag 1522 im Hause des Druckers Christoph Froschauer. Huldrich Zwingli ass dabei zwar, wie berichtet wird, keine Wurst, predigte aber wenig später von der christlichen Freiheit im Umgang mit Fastengeboten. Danach beschimpften sich Befürworter und Gegner der Fastengebote nicht nur, sondern sie verprügelten sich auch.

Ich bin zu diesem Gottesdienst gekommen, weil ich froh bin, dass wir heute einander nicht mehr schlagen, sondern wir miteinander feiern. Das Fasten sollte kein Anlass zur Trennung sein, sondern möchte näher zu Gott und den Mitmenschen führen.

Der Mönch soll «zwar» immer fasten

Meine Lebenshaltung ist auf den ersten Blick durchaus nicht zwinglianisch. In der bald 1’500 Jahre alten Benediktsregel, dem Leitbild meiner Klostergemeinschaft, schreibt Benedikt von Nursia: «Ein Mönch sollte zwar dauernd ein Leben führen, wie man es in der Fastenzeit zu beobachten hat.» Mir gefällt dieses (hier ja auch für Zwingli verwendete) «zwar». Benedikt fährt tatsächlich sehr realistisch weiter, heutige Mönche würden das ja kaum mehr schaffen – und meinte damit bereits seine eigene Zeit. Darum rät er, wir Mönche und Nonnen sollten wenigsten in den Tagen der Fastenzeit konsequent so leben, wie es unser ganzer Lebensentwurf vorsieht. Dabei spricht unsere Regel in Bezug auf das Fasten wenig vom Essen und vom Trinken.

Beim Fasten sollen wir Menschen vor allem die Spannkraft der Seele neu gewinnen: Fasten soll die Selbstbezogenheit überwinden und die Möglichkeit geben, sich neu für Gott zu öffnen.

Wenn Zwingli auch heute noch daraus sicher kein Gebot machen würde, wäre die Grundhaltung benediktinischen Fastens wohl in seinem Sinne. In der Regel heisst es im Kapitel zum Fasten: Der Mönch und die Nonne «erwarte das heilige Osterfest in der Freude und Sehnsucht des Geistes». Die Perspektive des Fastens ist demnach Ostern. Auf diese Hoffnung hin zielt das ganze christliche Leben.

Wenn der Bräutigam da ist, wird gefeiert

Diese österliche Perspektive ist auch gegeben, wenn Jesus im Evangelienabschnitt nach Lukas von sich sagt: «Könnt ihr denn die Hochzeitsgäste zum Fasten anhalten, solange der Bräutigam bei ihnen ist?» Schon Johannes der Täufer hat Jesus als den Bräutigam bezeichnet (vgl. Joh 3,29). Er sagt damit über Jesus aus, dieser sei der Messias. Wer fastet, bereitet sich demnach vor und wartet auf den Messias. Wer hingegen den Bräutigam, den Messias hat, feiert. Fasten tut der gläubige Mensch erst wieder, wenn ihm oder ihr – so Lukas weiter – der Bräutigam wieder genommen ist.

Abt Urban Federer und Pfarrer Christoph Sigrist bei der Dialogpredigt im Grossmünster. Foto: Simon Spengler

Abt Urban Federer und Pfarrer Christoph Sigrist

Der Ausdruck «Bräutigam» betont besonders die Beziehung, die Christus und damit Gott zu den Getauften hat: Es ist jene der Liebe, des vertrauten Umgangs mit einem Du. Im Mittealter ist in dieser Perspektive die Brautmystik entstanden, die im Protestantismus etwa über den Pietismus ihre Spuren hinterlassen hat. Wer fastet, nimmt sich zurück, um wieder offener für anderes, für ein Du zu sein.

Wer fastet, versucht die eigene Seele auf die Begegnung mit dem Bräutigam zu bereiten. Es geht hier also nicht um die Wurst, überhaupt primär nicht um Essen. Die Wurst war auch 1522 ein Luxusproblem: Nur Froschauers und andere gute Betuchte konnten sich solche Würste leisten. Damals schon ging es nicht um die Wurst, sondern um die Botschaft, die mit dem Fastenbruch verbunden war. Auch in einem Benediktinerkloster geht es beim Fasten nicht um die Wurst, vielmehr würde ich unser Fasten ein «Sinnenfasten» nennen: die Ohren verzichten auf Töne wie jene der Orgel, die Augen auf helle Farben oder auf den Blumenschmuck, und für die Nase gibt es wegen der fehlenden Feste weniger Weihrauch.

Es geht nicht um die Wurst, sondern um Beziehung

Lesen wir die Stelle bei Lukas weiter, müssten wir feststellen: mit Jesus beginnt keine Reformation, keine Erneuerung des schon Bestehenden, sondern eine Revolution! Zu den Pharisäern meint er: Der Messias kommt nicht, um einfach das besser zu machen, was schon ist. Vielmehr sucht Jesus den Menschen ganz anders, ganz neu. Wer Neues nur einfach auf das Alte draufsetzt, riskiert, dass der ganze Stoff nicht hält. Wer alten Wein liebt, soll dabei bleiben. Jesus aber will neuen Wein in neuen Schläuchen! Christliches Fasten darf also kein Gebot sein, das der Mensch danach als geleistet abhaken kann. Es führt in die Dynamik von Ostern: nicht rückwärtsgewandt, sondern hoffnungsvoll vorwärts, auf das neue Leben in Jesus Christus hin.

Mit dem Wurstessen wollte Zwingli die christliche Freiheit betonen – ich mit dem Fasten auch. Und so gebe ich neben dem Grill Würste aus. Und ich weiss dabei: Bei Protestanten und Katholiken geht es nicht um die Wurst, sondern um eine lebendige Beziehung. Untereinander und mit dem Bräutigam Jesus Christus.

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