Wechselgeld ‚Solidarität’

Wie ein einfaches Portemonnaie aus Gummi zu etwas Heiligem werden kann, hat der Theologe Bernd Kopp aus Hittnau erfahren.

Kürzlich brachte mir meine Tochter von ihrem Engagement auf der griechischen Insel Lesbos ein Portemonnaie mit. In einer kleinen Kooperative produzieren Migrantinnen aus schwarzen Planen funktionale Gebrauchsaccessoires mit Reiss- und Klettverschluss.

Behrouz – ein Stück Malerklebeband auf der Geldbörse verrät den Namen der Näherin. Das persönlichste aller Label.

Die Herkunft des Materials adelt es zum Ergreifendsten, das ich je geschenkt bekam: der Gummistoff stammt von gestrandeten Flüchtlingsbooten! Die liegen am Strand der Insel Lesbos herum, zerfetzt, unbrauchbar, einige leer angetrieben, andere landeten überfüllt mit Menschen: Strandgut der Verzweiflung, aber auch abgelegte Haut der Unterdrückung und Zeichen für Aufbruch und Ankommen.

Vom Salz des Meerwassers umspült, ebenso vom Salz unzähliger Tränen der Panik, der Schmerzen, der Hoffnungslosigkeit und wohl auch von Tränen der Freude, wenn Landung und Rettung gelangen. Flüche musste die Kautschukmischung aushalten, Hilfeschreie und den Biss wütender Zähne angesichts tödlicher Gefahren.

Wann hatte ich je so ein Stück konkreter Rettung in der Hand?

Für mich ist diese Geldbörse etwas wahrhaft ‚Heiliges’. Es berührt mich und will mich unwillkürlich in eine fremde Lebensgeschichte hineinziehen, aber auch in eine Politik, in ein Handeln. Zugleich zieht es mich aus Gleichgültigkeit heraus. Ich bin sehr authentisch andächtig und stelle diese Reliquie auf meinen Schreibtisch. Ein wirksames Zeichen für Heil.

Gelegentlich erlebe ich, wie Junge mit solcher Heiligkeit und Andacht mehr anfangen können als mit allerlei blumiger Religiosität, die jene Begriffe gepachtet zu haben scheint.

Behrouz, ein afghanischer Name, winkt mir zu wie jene Namen und Körper afghanischer Schutzsuchender, die zwei Strassen weiter von mir im Dorf leben. Ich versuche zurück zu winken mit meinem Wechselgeld ‚Solidarität’ in der Hand.

 

Diese Produkte sind bei uns nicht käuflich zu erwerben. Hier mehr Informationen zum Projekt

 Bernd Kopp (66) ist katholischer Theologe, lebt in Hittnau ZH und ist Leiter der Stelle für Gemeindeberatung beim Generalvikariat

 

2 Kommentare zu “Wechselgeld ‚Solidarität’

  1. Wirth, Liliane schrieb am :

    Die Geldbörsen sind auf div. Plattformen im Internet erhältlich…… So ganz heilig sind sie also nicht….… Auch weil es m. E. obszön ist, dass wir unsere Hunderter-Noten dann ausgerechnet in solchen Portemonnais aufbewahren.

  2. Bernd Kopp schrieb am :

    Eine Geldbörse aus Planen ist tatsächlich keine Rarität. Zudem ist Seltenes als solches noch nicht heilig. Aber diese aus dem Material von Flüchtlingsbooten hergestellte Geldbörse hat für mich diese besondere Bedeutung, ganz persönlich. Sie wurde von der geflohenen Behrouz genäht und mir quasi offeriert.
    Und das Portemonnaie wirkt: es will meine Geldausgaben vor obszönem Konsum bewahren und mich ständig daran erinnern: Rettung ist Glaubenssache und Solidarität der wichtigste Name Gottes.
    Bernd Kopp

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