Vom Segen einer Grundsteinlegung

Am Kantonsspital Winterthur entsteht ein neues Bettenhaus.
Spitalseelsorgerin Veronika Jehle berichtet, wie sie die Segnung des Grundsteins erlebt hat.

Wir sind rund 40 Leute, die sich einen gelben Helm aufsetzen und jenen Ort betreten dürfen, der momentan zu den sichtbarsten auf dem Spitalareal zählt: die grosse Baustelle des neuen Bettenhauses des Kantonsspitals Winterthur. Einen Namen hat das Projekt schon, Didymos wird es genannt, heute soll sein Grundstein gelegt und gesegnet werden. Die Stimmung ist fröhlich, die Luft eisig kalt.

Es sei seine erste Rede, die er mit Handschuhen halten würde, eröffnet Direktor Rolf Zehnder launig und erzählt, wie es zu dem heutigen Anlass gekommen sei. Ideengeber dafür seien unsere beiden Leiter des katholischen und reformierten Seelsorgeteams gewesen. Michael Eismann und Axel Fabian hatten beim Austausch im Büro des Direktors hoch über der damals noch jungen Baustelle den Gedanken an eine Grundsteinsegnung in die Welt gesetzt.

Wer Träume ausspricht, hat eine Chance darauf, dass sie in Erfüllung gehen. Und so kam es, dass neben Zahlen, Zeitplänen und ökonomischen Überlegungen für diesmal die existenzielle Seite der vielfältigen Bemühungen unzähliger Menschen rund um unser Didymos im Vordergrund steht. Existenzielle Seite?

Nicht nur Grundsteinlegung, auch Grundstein-Segnung? Überraschend und durchaus mutig, in einer Zeit, in der säkulare Vorsicht sichtbare Zeichen nicht nur hinterfragt, sondern oft auch verunmöglicht.

Belohnt wurde der Mut, so scheint mir, in einer gemeinsamen Erfahrung: die Versammelten teilen Werte und engagieren sich als Menschen, auch jenseits ihrer Rolle, Funktion und Funktionalität. Bleibt der erleichternde Eindruck, dass wir zusammen vieles erreichen – und doch nicht alles machen können.

Persönlich fühle ich mich bestärkt, in diesem Haus, im Kreis dieser Menschen und in dieser Haltung gerne als Seelsorgerin im Einsatz zu sein. „Der Mensch im Mittelpunkt“ – das betont dann auch Direktor Zehnder und erinnert an die vielen, vielen Geschichten, die hinter den grossen Zahlen steckten. Etwa eine Million werde es in Zukunft sein, eine Million Menschen, die dieses Haus Didymos belegen würden, mehrere hundertausend würden wohl hier geboren werden, mehrere zehntausende hier sterben.

Diakon Michael Eismann segnet die Zeitkapsel , rechts Imam Abduselam Halilovic und Pfarrer Axel Fabian. Foto: Lutz Hartmann

Auch Christoph Rothenhöfer, stv. Kantonsbaumeister, freut sich offenbar, dass ihm mit diesem Anlass endlich (wie er tatsächlich mit Nachdruck sagt) die Gelegenheit geboten werde, sich wieder einmal mit mehr zu beschäftigen, als mit blossen Fakten. Angetan hat es ihm der antike römische Architekt Vitruv, mit dem er die Vorstellung guter Architektur teilt: nicht nur um Festigkeit und Nützlichkeit gehe es, auch um Schönheit. Diese drei Funktionen seien aber gerade nicht Selbstzweck der Architektur. Sie werden erst sinnvoll, wenn sie für jene erlebbar würden, die das Haus bewohnten und benützten.

Nach diesen schönen, weil sinnvollen Worten dürfen dann die Zeichen sprechen. Sechs Menschen drücken ihre Hand in eine Gipsplatte, stellvertretend für die vielen, die hier be-hand-elt würden.

Unsere beiden christlichen Seelsorger beten und segnen eine Zeitkapsel mit Weihwasser. Imam Halilovic trägt einen Vers aus dem Koran vor. Als diese Zeichen zusammen mit der Zeitkapsel im Boden versenkt sind, fliesst weicher Beton darauf. Die drei Gottesmänner in ihren zum Teil bunten, zum Teil auch liturgischen Gewändern machen sich an einem Rührgerät zu schaffen – mitten auf der verschneiten Baustelle. Und wer sich ein wenig umsieht, der entdeckt in vielen Fenstern des umliegenden Spitals Gesichter, die wohl etwas bemerkt haben: hier geschieht etwas, das nicht alle Tage passiert.

Hier weitere Infos zum imposanten Projekt „Didymos“

 

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