Tipps fürs Überleben des Heiligen Abends

Bald ist Weihnachten. Weihnachten! Ist das nicht schön? Ja, sicher, als Katholik hat man ja eine gottgegebene Pflicht, sich auf das Fest der Feste zu freuen. Das aber vielen vor dem Fest sogar graust, ist ein Tabu. Und der Grund warum, ist noch mehr ein Tabu: Die liebe Familie.

Wenn die Weihnachtsmaschinerie – und so darf man sie ruhig nennen – mal läuft, steuert alles unweigerlich auf das grosse Finale zu: der Heiligabend. Und wie beim grossen Showdown in Italo-Western treibt nur schon der Gedanke vielen den Angstschweiss auf die Stirn: Weihnachten – mit dieser Familie!

Mit «Familie» ist da weniger der enge Kreis gemeint, der einem durch den tagtäglichen Wahnsinn ja bestens vertraut ist. Nein, mit Familie sind alle weiteren Ver- und Zugewandten gemeint, die man als Zugabe zum Familien-Package erhält: Onkel, Tanten, Schwiegermutter, Schwiegervater, Schwager, Schwägerin, Grossmutter, Ex-Partner und neue Partnerin, Hund, Katze, Geliebte, … äh – wie gesagt: Da kommt doch einiges zusammen.

Besser gesagt: Da kommt zusammen, was sonst unter dem Jahr freiwillig nicht zusammengehören will. Oder wenn, dann bitte nicht auf einmal. An Weihnachten aber, so suggerieren es die fröhlichen Menschen in der Werbung, klappt dieses Zusammensein wunderbar.

Das ist aber ein Irrtum: In der Werbung dauert das Harmonie-Weihnachtessen nur 10 Sekunden. Die Party geht aber immer nach den 10 Sekunden los. Wenn der erste Konflikt vom Zaun bricht und nur noch ein notfallmässiger Biss in den Braten ein unbedachtes Wort vermeiden kann.

Apropos Braten: Auch in diesem Punkt lauern an Weihnachten Tretminen.

Waren es bisher nur die vom lieben Gott geschaffenen verschiedenen Charaktere, die das Weihnachtsessen zum emotionalen russischen Roulette werden liessen, sind es heute die Ess-Sitten: Vegetarier, Veganer, Lacto-Vegetarier, Frutarier und dazu ein ansprechendes Sortiment an Allergien und Unverträglichkeiten, von denen die Zölliakie nur der Auftakt ist und keineswegs verharmlost werden soll – sie alle machen die Essenswahl pikant.

Bei 20 eingeladenen Personen einen gemeinsamen ernährungstechnischen Nenner zu finden ist oft schwerer, als in der UNO-Vollversammlung einen Mehrheitsbeschluss zu finden. Vom Konfliktpotential der Geschenke und dem die Zungen lösenden Alkohol wollen wir jetzt gar nicht reden.

Was aber tun, um Weihnachten (und uns allen) trotzdem eine Chance zu geben?

Fussballer würden sagen: Schön den Ball flach halten. Akzeptieren, dass Weihnachten im Familienkreis eben auch ein Hort des Wahnsinns ist, den niemand bändigen kann. Akzeptieren.

Kein Wunder gibt es darüber auch Filme, die dies wunderbar karikieren. Empfohlen seien hier der Sketch «Familie Hoppenstedts Weihnachten» von Loriot. Acht Minuten, die entspannen. Und wer sich noch optimaler vorbereiten möchte: «Schöne Bescherung» mit Chevy Chase. Da geht das fulminante Martyrium mit einem Haus voll Gäste gleich 90 Minuten. Da werden Sie genüsslich nachher ein Lavendel-Bad nehmen und denken: «Habe ich es gut».

Darin liegt wohl der Kern des Ganzen. Nicht zu viel von sich und den anderen an Heiligabend erwarten. Selbst wenn einem die Bilderbuchfamilien in diesen Tagen anderes weissmachen wollen.

Und ganz ehrlich: Möchten Sie in solchen Bilderbuch-Familien leben –  365 Tage im Jahr? Eben.

In dem Sinne: Frohe Weihnachten!

 

Oliver Kraaz ist Kommunikationsbeauftragter von Katholisch Stadt Zürich (Stadtverband).

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