Predigt zur Abdankung von Pfarrer Ernst Sieber

Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist zum Abschied von Ernst Sieber, Donnerstag, 31. Mai.

„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk, das Volk, das er zu sich eigen machte.“ (1. Petrusbrief 2,9a)

Liebe Sonja, Raphael und Alain Ott, Michael Grassart mit Joel, Patrice Robert und Emese Blättler mit Estelle und Joelle, Martina und Edwin Lüscher mit Kristina, Ilona und Daniel Schmid mit David, Kevin und Gabriel, Jethro und Janira, Nourri und Sandra Sieber-Zysset mit Luca, Jasmin und Donat Koller mit Angelina und Dean, liebe Truurgmeind.

Unzähligi Bilder und Gschichte vom und mit dem Pfarrer Ernst hät Stadtseel in der vergangene Täg verzellt, uf de Gass und i de Hüser, uf de Bank und im Ratshus, uf unzählige Kanzle und i de Konsumtempel isch er in dene Täg präsent. Wann de Tod chunnt, dann chummt mer is verzelle, obwohl er totestill macht, de Tod. Es isch, wie en bsundere Geischt ein derzue triibt, d’Stille zum Klinge z’bringe. Was isch das für en Geischt? En Geischt, wo em Tod, wo still macht, totestill, is Wort fallt?

Was er au immer isch, es in en Geischt, wo ein mit Engelshand füert zum richtige Ort zum richtige Augeblick. Am Ernscht sini Auge händ mini troffe. Ich verzell vo eim vo mine Bsüech bi ihm im Spital. Mir lueged denand a, eifach lang und tyf. Ich gseene ihn an unzählige Bett staa, viele Händ hebbe, bäte und s’Chrüz zeichne. De Ernst hät mi gleert, kei Berüerigsängscht z’ha, wänns um de Mänsch gaat, wo in Not isch. Er, wo unendlich viel am Bett gstande isch, wo gstorbe wird, liit jetzt sälber im Bett. „Ich wett hei.“ Er zeigt mit dem Hand nach ufe. De Lift nach ufe, uf de hät er jetzt gwartet.

Min Blick wandered sinere Hand nach a d’Decke, as Faischter und dann uf de Tisch. Wasch isch das? Ich staane uf und gaane here. Ich gseene d’Bible vom Ernscht, verläse bis zur letschte Siite. De Buechdeckel fehlt, abgrisse. Ich gseenen vor mir, wie n’er mir als Student i sim Studierzimmer mit em typische Augebraueufhsclag seit: „Christoph, me müend als Chrischte d’Bible frässe. Es muess us em Mage choo, d’Süüre und d’Stärke, mir müend d’Wort vo Gott verdaue. Und dänn wärdets zur Chraft, wo dich triibt zum Nächschte, dich bewegt zum Hungrige.“

Ich muess schmunzle. Ich wett scho wieder zum ihm as Bett. Doch halt! Ich nimm sini Bible und da staat eigenhändig uf de erschte Siite ufgschriebe:

„Zu Pfingsten. 1. Petrusbrief Kapitel 2. Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk, das Volk, das er zu sich eigen machte. Dazu das Bild vom Steinbau – das von Behörden nicht bewilligt wurde.“

Wie dur Engelshand bini zum e Ufriss vonere Pfingstpredigt gfüert worde, woner us de Bible use konzipiert hät. Em Pfarrer Ernst Sieber sine Schrift i de heilige Schrift isches, wo mich zum Predigttegscht vo sim Abschied hüt füert. Lueged mer hi, wohi eus die Spur füert.

De Geischt isch de Geischt vo Pfingschte. Und a Pfingschte, das hämmer sit Chindsbeine glehrt und dervor verzellt jede Gospel und jede Choral, chunnt en Geischtwind, wo Mänsche us allne Völcher und Natione zämetriebt. Ob arm oder riich, alli werdet zum Volk vo Gott, zunere Familie vo Gott, wo hilft und heilt. Das Volk isch d’Chille, und well de Geischt kei Halt macht vor de dickschte Chilletüre, giits ghörig Durchzug i de Chille und uf de Gass, wänn de Geischt vo Pfingschte blast. Nöd mir schaltet uf Durchzug! Sondern d’Chilletür schlaat’s uff, und im Durchzug chömmed d’Mänsche nächer. Sie schenked denand s’Ohr, aus s’Herz. Und me verstaat ein, au wänn das, wo er verzellt, eim Spannisch vorchunnt. De Geischt übersetzt alles i die gliich Sprach, i d’Sprach vo de Liebe. D’Liebi isches, wo für de Durchzug i de Chille sorged.  E erschti Spur.

Im Durchzug wird mängi Ordnig durenandgwirbled und viele gsetzti Abläuf ussert Chraft gsetzt. Da chönd Sie all Bänd dervoo schriebe, wi de Ernscht das gmacht hät: Als Künstler, Schriftsteller, Politiker, Mediator, Puur, Ehemaa und Vater, als Pfarrer. Sätz vo ihm sind i de letschte Täg ghörig i mir drin durenandgwirbled worde. Er hät si im Buch Menschenware, wahre Menschen ufgschriebe:

Ohne Liebe und Diakonie fehlen der Kirche die Füsse. Sie macht wenn möglich eine Himmelfahrt, aber ohne Jesus Christus.

Diakonie hilft, den Menschen nicht zu verkirchlichen, sondern die Diakonie zu vermenschlichen.

Diakonie kann politisch sein, wenn sie für den Menschen kämpft. Diakonie muss politisch werden, wenn die menschlichen Ordnungen gottlos sind.

De Geischt zieht eus uf de Bode als sis eigete Volk us allne Natione, macht d’Chille mänschlich, well Gott Mensch worde isch und laat d’Mänsche i Gott’s Name politisch werde, wänns um die Mänschlichkeit i de Gsellschaft gaat. De Geischt gäred i mir drin sit Chind aa, sit dem Augeblick, wo min Vater, Diakon i de Enge, zum erste Mal en Obdachlose vom Helvetiabunker heibracht hät. De Obdachlos hät uf eusere Matratze im Garte vo de Grütlistrass z’nacht g’schnarcheld. S’Wasser hät er bi dene Räbstock glöst, wo nachene Trubesaft füers Abigmahl gee hät. Was lies ich bin Ufriss vo de Pfingstpredigt i de Bible vom Ernst: „2. Der gärende Moscht in der Flasche….“ D’Chille isch Hüeteri vo de Säft und de Möscht i de Fläsche vo de Gsellschaft, wo gäred vo de Liebi vo Gott für alle Mänsche. E zweite Spur.

Und wer jetzt meint, dass de Moscht nur i de Chille isch, gar nur i de reformierte Chille, nöd au i de kath., christkatholische und orthodoxe Chilene, i de Synagoge, de Moscheene und de Tempel, de hät sich ghörig verschätzt. De Pfingstgeischt schottet nöd ab, riist d’Türe uf und d’Mänsche strömed us allne Himmelsrichtige zäme. En Leitsatz vom Himmel.

De Geischt bewegt s’Herz und au d’Hand. Ich bin wieder am Bett vom Ernscht. Er winkt mit de Hand. Wettsch es Papier? Ich gange use und verlang vom Pfleger es Papier. Ich hebe das Papier an d’Wand. De Ernscht schriebt langsam: Buechstabe für Buechstabe. „Es geht um das Dorf, Kirche.“ Er druckt mini Hand. Er luegt mi lang aa. Es gaat um de Steibau: „So lönd er oi au sälber wie läbigi Stei ufboue als geischtlichs Huus.“ So läsed mer bim Predigttegscht vo Pfingschte. Öb mit oder ohne Obdach, mir alli sind Stei, läbigi Stei, wo boued an dem Huus, a de Chile, de Diakonie-Chille z’mitzt im Dorf, i eusere Stadt. Die dritte Spur.

D’Chille im Durchzug vo de Liebi, d’Diakonie im politische Gärprozess, S’Chilledorf vo de Diakonie i Züri, die drüü Spure sinds, wo eus de Predigtentwurf vo Pfingschte vom Ernscht Sieber higfüert hät.

Er isch am Pfingschtsamschtig gstorbe. A Pfingschte händ d’Mänsche begeischtered verzellt vo Christus, das er läbt und das er uferstande isch. Mänge hät gseit, sie sind bsoffe, viele händ gsee, wie heiter dass sie sind. Sie händ chrampfed und boue, Dorf um Dorf, Chille um Chille, bis hüt.

So wahr dass ich da stane: Ich kämpfe für s Dakonie-Huus i eusere Stadt, Ich ha de Traum vo de Diakonie-Chile, vom Dorf für alli i de Chile und vo de Chile vo allne z’mitzt im Dorf Züri. Ich träume vo Behördene, wo bewilliged und Mänsche als läbigi Stei. Ich stane uf em Fundament, em Eckstei, wo Jesus Christus isch, euse Diakon, nöd allei, zäme mit Ihne, i Erinnerig an Ernscht.

Denked mer dem Gedanke näch im Klang vom Johann Sebastian Bach mit sim Lied, wo Du, Sonja, viel a Beerdigunge mit em Ernscht gsunge häsch:

Bist du bei mir, geh ich mit Freuden
zum Sterben und zu meiner Ruh.
Ach, wie vergnügt wär so mein Ende,
es drückten deine schönen Hände
mir die getreuen Augen zu!

Gseemer mer ihn? Er kämpft nüme um sis Dorf und d’Chile, er predigt nüme vo de Kanzel. Er isch achoo, dihei, bis sim Christus, eusem Christus. Christus git im Brot, er schänkt em de Bächer randvoll ii.

Ghöred mer ihn? „Kämpft weiter, ich habs‘ heiter!“ Amen!

Antworten