Ökumene in der Krise? Mein Blick auf die Predigerkirche

Die Zürcher Predigerkirche gilt als Paradebeispiel gelebter Ökumene. Personalquerelen und die getrübte ökumenische „Grosswetterlage“ gefährden das wegweisende Projekt. Ein Mahnruf.

 

Zürich ist reformiert, Luzern ist katholisch. München ebenso, Wien auch.

In Wien pflegen (noch) etwa 30% der Bevölkerung den Kontakt zur Kirche, so äusserte sich kürzlich ein dortiger Seelsorger.

Zürich ist reformiert. Seit fünfzehn Jahren lebe ich in der Altstadt. Alle Altstadtkirchen sind älter als die Reformation, stammen also aus katholischer Zeit. Nur wenige Gläubige der Altstadt pflegen (noch) den Kontakt zu ihrer reformierten Kirche. Das ist mein Eindruck.

Das Altstadthaus, in dem ich  Wohnung fand, gehört(e) zum Besitz der Predigerkirche.

Ich durfte erleben, dass in der Predigergemeinde – und vor allem bei den Verantwortlichen dort – die Erinnerung an die vorreformatorischen Wurzeln wachgehalten wurde.

Es waren die Predigerbrüder, die Dominikaner, die im Mittelalter Kirche und Kloster erbauten. Ich glaube, dieses bewusste sich erinnern an die „Herkunft“ aus einer katholischen Ordenstradition war die gute Basis für die beginnenden ökumenischen Begegnungen der letzten Jahrzehnte, die 2005 mit der Anstellung des Dominikanerpaters Franz Müller als Seelsorger in der reformierten Predigerkirche institutionalisiert wurden. Sie gingen in den Anfängen sogar über die christlichen Konfessionen hinaus, indem auch interreligiöse Kontakte gepflegt wurden.

Predigerkirche
Zürcher Altstadt

In meinem ehrenamtlichen Engagement an der Predigerkirche stiess ich auf grosse Offenheit für den ökumenischen Gedanken. Die Anstellung eines katholischen Seelsorgers war von viel Behutsamkeit begleitet und von den zuständigen Obrigkeiten beider Kirchen gewollt und unterstützt. So lange keine Schwierigkeiten im Ökumene-Alltag auftreten, ist dies für die Verantwortlichen auf beiden Seiten ein Leichtes.

Kirchenvertreter auf höchster Ebene sprechen mit klugen Worten über die Notwendigkeit der Ökumene. Auf zweithöchster Ebene tönt es ähnlich. Jedoch: Wie es sich anfühlt, zum Beispiel zu einer gemeinsamen sonntäglichen Gottesdienstgestaltung zu finden, das berührt ihren Erfahrungsbereich wenig bis gar nicht.

Aber genau hier an der Basis geht es in der Vorbereitung um das erforderliche, vielgepriesene Fingerspitzengefühl, um Toleranz, um Wertschätzung der je anderen Konfession und um Dialog auf gleicher Augenhöhe.

Im Hintergrund derjenigen, die vielleicht aufrichtig ringen, steht auch noch das, was die eigene Konfession zulässt, fordert, für das Gemeinsame erlaubt oder nicht erlaubt.

Zudem können Gottesdienstbesucher/innen bei aller wortreichen Begeisterung für die Ökumene unerwartet zurückfallen in überholte Vorstellungen von dem, was richtig oder falsch ist. Wer fängt die Kritik auf, wenn sie in Briefen an die jeweilige höhere Stelle gerichtet wird? Sollen die Inhalte überhaupt den Gottesdienstleitenden bekannt gegeben werden?

Hier lauern Spannungen, Missverständnisse und Vertrauensschwund, wenn eine offene Kommunikation mit den Beteiligten versäumt wird.

In den letzten Jahren geriet die ökumenische Entwicklung in der Predigerkirche ins Stocken. Einmal im Monat zelebriert ein externer Priester, der nicht in das gesamte Ökumeneprojekt eingebunden ist, eine Eucharistiefeier. Die Liturgie wird ziemlich streng nach offiziellen Regeln durchgeführt. Der Gestaltungsraum ist für mein Empfinden (zu) stark eingegrenzt. Das macht nicht die Ökumene aus, was sicher den Verantwortlichen bewusst ist.

Ökumene „kann“ man nicht einfach. Ökumene muss geübt werden auf unterschiedlichen Ebenen.

Trotz leidvoller Vorkommnisse an der Predigerkirche, die im Laufe dieses Jahres zu Tage getreten sind und im Januar den Weggang des katholischen Seelsorgers zur Folge hatten, möchte ich das Projekt nicht einfach als gescheitert betrachten. In meinen Augen braucht ein Neustart klare Vorgaben und Abmachungen zwischen den Verantwortlichen beider Kirchen.

Es muss Übereinstimmung erreicht werden darüber, was unter Ökumene verstanden wird, auch gerade von denen, die das Projekt gemeinsam in die Hand nehmen. Sie brauchen einen weiten Gestaltungsraum. Und es darf keine „Vorherrschaft“ aufkommen, weder auf der einen noch auf der anderen Seite.

Ein hoher Anspruch! Ich weiss es. Doch das Projekt darf weder inhaltlich noch strukturell hinter einen hohen Anspruch zurückfallen, soll es den Menschen dienen, die noch oder neu diese Kirche aufsuchen werden.

Ingrid Grave, Dominikanerin

Ingrid Grave, ein bekanntes Gesicht in der Zürcher Altstadt. Foto: Simon Spengler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Personalquerelen und Kompetenzstreitereien gefährden das ökumenische Projekt an der Predigerkirche.: kritischer Artikel des Tagesanzeiger vom 10. Oktober 2017

 

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