Meine Reise zu mir selbst: Ralph Wicki am Pilgern

Ralph Wicki pilgerte im Sommer zusammen mit vier Radio-SRF 1-Hörerinnen und –Hörern ins «Leben vor 500 Jahren». Anlässlich der Ausstellung im Landesmuseum «Kloster Einsiedeln. Pilgern seit 1000 Jahren» erinnert sich der Nachtclub-Moderator an seine eigene Pilgerreise. Pilgern damals und pilgern heute – ganz anders, und doch nicht so ganz.

Copyright: SRF/Oscar Alessio

Diese prächtige Monstranz! Diese perlen- und diamantengeschmückten Kelche! Diese seidigen Priestergewänder! Wie viele Ablässe damals auf Pilgerreisen wohl verkauft worden sind? So viel «Reichtum» und «Heiligkeit» in der Ausstellung «1000 Jahre Kloster Einsiedeln und Pilgern» im Landesmuseum haben mich beinahe erschlagen.

Mein Zugang zur Ausstellung war ein ganz praktischer: Die Rückbesinnung auf meine eigene Pilgerreise als Herausforderung, die ich nie mehr vergessen werde.

Mein Pilgern führte nicht zum Ablass meiner Sünden, aber raus aus der Komfortzone und hinein in ein gewagtes Selbstexperiment: In 12 Tagen zu Fuss auf Pfaden des Jakobwegs von Basel nach Fribourg, rund 240 Kilometer, inklusive ein paar Höhenmeter. In Kleidern und Schuhen wie 1517 und selbstverständlich ohne Smartphone und, für mich fast noch schlimmer, ohne Tagebuch. Wohin mit den vielen Eindrücken? Auch das Essen mit Roggenbrot, Nüssen, Rüebli, Äpfel, Speck und das Übernachten in Höhle, Kloster, Stall, Siechhuus – alles wie damals.

«Ich bin am Widerkäuen.»

Seit rund vier Monaten bin ich nun wieder zurück, 500 Jahre ins Vorwärts und Heute geschleudert. Und noch immer nicht ganz richtig angekommen.

Mein Smartphone ist mir immer noch eine Spur zu schnell.

Diese zwei Wochen ständigen Unterwegsseins, dieses Gefühl, etwas geschafft zu haben, woran ich selbst zweifelte, diese Flut an wohlwollender Unterstützung von Menschen, denen ich unterwegs begegnet bin, all diese Eindrücke müssen noch verdaut werden. Ich bin am Widerkäuen.

Das Pilgern hat mich verändert. Diese Schinderei – ja so empfand ich‘s sehr oft, wenn ich am steilen Hang stand – dieses Schritt für Schritt Abquälen, hat mich zum Weichei gemacht. Ich bin noch empfindsamer geworden. Aber auch gelassener.

Was soll mir jetzt noch passieren im Leben?

Pilgerregeln

In der Ausstellung im Landesmuseum sind mir die alten Pilgerregeln des Priesters Johannes Geller von Kaysersberg (1445-1510) aufgefallen. Sie erinnerten mich an meinen eigenen Pilgeralltag. Und sie zeigten mir: Pilgern vor 500 Jahren war doch nicht nur ganz anders als pilgern heute.


«Der ideale Pilger»

Vor Aufbruch hat sich der Pilger Ledersack, Hut, Stab, Mantel und Schuhe zu beschaffen. Mit dem Bild des idealen Pilgers zeichnete der bedeutende Volksprediger begriff eine Metapher, um ein frommes Christenleben im Allgemeinen zu beschreiben. So war es denn auch bei mir: Am Vorabend der Pilgerreise fasste ich Stab, Mantel, Hut, Schuhe, Leinensack und die Wasserflasche aus Ton. All diese Gegenstände – die meine wichtigsten für die Reise werden sollten – kamen mir im Hotelzimmer unwirklich vor, wie gespielt.

Das änderte sich beim Losmarschieren frühmorgens schlagartig. Innert Minuten ging‘s 500 Jahre zurück. Rein in die alten Kleider, weg mit dem Handy. Ab sofort wurde der Pilgerstab mein neuer und vertrautester Freund, ich kenne jede seiner kleinen Wölbungen. Auf den ersten Schritten zum Basler Münster beschäftigte mich dann das mit der Frömmigkeit. Wir sollten ja während unserer zweiwöchigen Reise noch an einige ‚Kraftorte‘ kommen. Was, wenn ich dort nichts spürte?

Nun konzentrierte ich mich auf’s Pilgern: Im Rhythmus gehen, achtsam Schritt für Schritt, im eigenen Tempo, den Pilgerstab als drittes Bein bei jedem Schritt hören, Schmerzen an den Füssen wegdenken, weiter gehen. Den Kampf gegen das Aufgeben aufnehmen. Müde sein, hungrig und durstig, kalt und heiss haben, frustriert sein über den schweren Weg und euphorisiert an dessen Ende.


«Bevor der Pilger seine Reise antritt, ist er angehalten, sein Testament zu schreiben, da er stets mit dem Tod rechnen muss.»

Ein Testament habe ich bis heute nicht geschrieben. Anfangs wurde mir beschieden, es wären pro Tag 10 bis 15 Kilometer zu wandern. Während der Reise waren es dann 20 bis 30 Kilometer. Spätestens da hätte ich abspringen sollen. Aber ich pilgerte ja schon im Kopf. Diesen Weg wollte ich unbedingt gehen. In der Hoffnung darauf, dass es dann schon nicht so schlimm kommen würde.

Es kam anders, eine Spur härter. Von Null auf Hundert am ersten Tag. Da blieb kein Zweifel: Den Radio- und Fernsehverantwortlichen war’s bitter ernst mit dem Pilgern. Die Tage waren mit bis zu 17 Stunden ‚unterwegs sein‘ viel länger als die vorher errechneten 9 Stunden; die täglichen Strecken in Schuhen wie vor 500 Jahren mühsamer als gedacht. Und die von mir anfänglich verschmähte Gemüsesuppe wurde mir täglich lieber. Unser Mahl und die erste Nacht verbrachten wir in einer Höhle.

Mit dem Tod rechnete ich nicht. Dass mir aber so viel Leben entgegenschlägt, hätte ich auch nicht erwartet. Wieder mal Bienen zu hören, Geissenglockengebimmel, den Wind in den Bäumen, das Grunzen der Schweine, nur schon dieses Hören und Wahrnehmen – ein Geschenk!


«Der Pilger muss auf dem Weg Spott und Verachtung ertragen.»

Da haben sich die Zeiten definitiv geändert! So viel Achtung und wohlwollende Unterstützung auf so wenigen Kilometern! Das erlebte ich noch nie beim Unterwegssein. Dieses gute Karma der Menschen, die zum Teil bis drei Stunden am Wegrand auf uns warteten, nur um uns ein paar Äpfel und ein «Macht weiter so und viel Glück» auf den Weg zu geben, diese guten Seelenschwingungen beflügeln. Ein Pilger, der unterwegs ist, tut nichts Böses. Wer heute etwas Gutes für sich tut und dabei niemand anderem Böses zufügt, läuft bestimmt nicht falsch. Spott hin oder her.


«Der Pilger verabschiedet sich von seiner Frau und anderen ‚Hausgesinden‘. Auf seiner Pilgerreise muss er auf irdische und geistige Freuden verzichten.»

Auf das Smartphone zu verzichten, ja, das war als Newsjunkie nicht so einfach. Wie sollte ich diese Zeit überstehen? Ehrlich: Ich habe das Handy nie vermisst! Auch auf irdische Freuden musste ich nicht verzichten. Das Gefühl, als ich da oben auf dem Gipfel des Weissensteins stand, das Mitteland in seiner ganzen Weite vor mir, verband mich im stillen Denken mit meinen Liebsten. Verbunden sein braucht kein Handy.

Definitiv gefunden habe ich Seelenfrieden. So viel, dass ich heute wieder pilgern möchte. Schritt für Schritt. Gedanke für Gedanke. Dieses Pilgern war die Reise überhaupt, weil es nie ums Weglaufen ging. Dort, wo’s am schwierigsten wurde, bin ich gewachsen. Wer weiss, vielleicht führt meine nächste Pilgerreise auch am Kloster Einsiedeln vorbei.

Ralph Wicki, 56, ist seit 2014 Moderator der Sendung «Nachtclub» beim Radio srf1. Früher arbeitete der Luzerner als Musikredaktor bei verschiedenen Radios. Und 2017 wurde er während rund zwei Wochen zum Pilger bei Radio und Fernsehen srf in Kleidern und Schuhen wie vor 500 Jahren.


Ausstellung
Kloster Einsiedeln. Pilgern seit 1000 Jahren
Noch bis zum 21. Januar 2018

Bilder
Titelbild: Kloster Einsiedeln in der Ausstellung im Landesmuseum: Aschi Rutz
Bilder zu den Pilgerregeln: Bildfolge aus: Johannes Geller von Kaysersberg, Ein nutzlich buchlin das man nennet den Pilgrim, 1499, Augsburg

2 Kommentare zu “Meine Reise zu mir selbst: Ralph Wicki am Pilgern

  1. Wallfahrtspater Kloster Einsiedeln schrieb am :

    Schön, dass die Ausstellung „Kloster Einsiedeln – Pilgern seit 1000 Jahren“ die Pilgererfahrung von Ralph Wicki wiederaufleben lassen durfte.

    Die Monstranz und die wertvollen Kelche aus dem 17. Jahrhundert sind übrigens kein Ausdruck von Ablass. Während Ralph Wicki zeigt, wie das Pilgern den Menschen prägt, verdeutlicht die Ausstellung im Landesmuseum, wie die Menschen einen Pilgerort prägen, indem sie ihn besuchen und mithelfen, sakrale Objekte von grossem künstlerischem Wert zu schaffen. Unsere Kultur wäre um einiges ärmer ohne solche Zeichen der (Volks-) Frömmigkeit.

    Wir Mönche des Klosters Einsiedeln würden uns freuen, Herrn Wicki bei uns willkommen zu heissen.

  2. Wallfahrtspater Kloster Einsiedeln schrieb am :

    Gott sei Dank ist die Monstranz im 17. Jahrhundert kein Ausdruck von Ablass mehr, sondern von derselben Sehnsucht, von der Ralph Wicki schreibt. Natürlich ist er herzlich willkommen, nach Einsiedeln zu kommen. Die Wallfahrt dorthin ist lebendig und wohl tuend!

Antworten