Liturgie aufrichtig und aufrichtend leiten

„Liegt es nur an mir, dass immer weniger zum Gottesdienst kommen?“ Ob es auf diese Frage eine Antwort gibt, wollten  60 Frauen und Männer an der Tagung «Die Kunst des Feierns» erfahren. Eingeladen hatte für diesen 14. November 2015 der kantonale Seelsorgerat. Mit viel Charme und Witz, aber auch sehr tiefsinnig gab der Referent Bernward Konermann Impulse, sich selbst als Leiter oder Leiterin der Liturgie, aber auch die Mitfeiernden ernst zu nehmen.

Regisseur gibt Kirche Nachhilfe

Konermann ist eigentlich Theaterregisseur, kein Theologe. Seine kirchliche Laufbahn begann und beendete er als Ministrant. Aber die Unzufriedenheit, dass die katholische Liturgie oft so schlecht ‚gespielt‘ wird, weckte in ihm die Idee, seine Erfahrungen als Regisseur für die Liturgie umzusetzen und Nachhilfe zu erteilen. Vor 15 Jahren hat er sich vom Theater verabschiedet und tingelt seitdem durch alle deutschsprachigen Länder – so erfolgreich und nachgefragt, dass er inzwischen mit seiner Familie davon leben kann.

Workshop_Liturgie_Nov11_FOTO_Rudolf Vögele (5)Der Einstieg in den Tag war ungewöhnlich: Keine Konzertbestuhlung für einen theologischen Vortrag, sondern ein offener Raum empfing die Teilnehmenden. Und dann:

  • bitte die Schuhe ausziehen!
  • Den Boden unter den Füssen spüren!
  • Aufrecht stehen auf dem Boden der Wirklichkeit, aber ausgerichtet gen Himmel!

Sich nicht in die Horizontale hinein verlieren, das ‚Publikum unterhalten wollen‘ durch Selbstdarstellung!

Liturgie muss die Anwesenden mit Gott in Kontakt bringen, sonst ist es kein Gottesdienst, sondern Show!

Und das gelingt nach Konermann auch nur, wenn ich als Akteur oder Akteurin – ob als Priester, Theologin, Lektor oder Katechetin – selbst ‚entflammt‘ bin, das Feuer für Gott in mir brennt. Erde – Feuer – Wasser – Luft:  anhand dieser Elemente erläuterte er (im wahrsten Sinn des Wortes) sehr bewegend, wie bedeutend unsere standfeste und doch bewegende Präsenz im Gottesdienst die richtige Atmosphäre  schafft, dass der Geist Gottes spürbar wird.

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Workshop_Liturgie_Nov11_FOTO_Oliver Sittel(10)Workshop_Liturgie_Nov11_FOTO_Oliver Sittel(14)Workshop_Liturgie_Nov11_FOTO_Oliver Sittel(13)Die Stimme: ein wichtiges Element

Mitfeiernde merken schnell, ob ich einen Text aus Überzeugung vortrage oder nur ablese.

Es ist spürbar, ob der oder die Vortragende einen Bezug hat zum Text, zum Gebet, zum Lied.

An etlichen Beispielen wurde erprobt, dass eine Lesung aus der Heiligen Schrift mehr bei den Zuhörenden ankommt, wenn die persönliche Betroffenheit der Sprecherin bzw. des Sprechers ‚ins Spiel kommt‘. Lieber frei und authentisch – gegebenenfalls auch im Dialekt  – vortragen als korrekt gelesen und dem sofortigen Vergessen preisgegeben.

Ein Segensgebet in einer indischen Landessprache oder auf Spanisch wird emotional genauso gut wie oder gar besser verstanden als in schlechtem Deutsch.

Ein wichtiger Tipp des Theaterregisseurs: die Stimme selbst!

Nicht nur, was ich sage, wirkt, sondern sondern auch wie ich etwas sage: nasal belehrend  oder kehlkopfartig, fast schon entschuldigend, dass ich überhaupt etwas sage, oder eben ‚aus dem Bauch heraus‘, aus dem Zwerchfell.

Provokative Fragen an die Gestaltung von Liturgie

Es gab bisher wohl wenige Tagungen des Seelsorgerats, in denen so viel gelacht wurde, so viel Bewegung war, es aber auch so viel an Tiefsinnigkeit und berührenden Momenten gab. Die Segensfeier am Ende des Tages sowie viele sehr persönliche Bekenntnisse des Referenten zu seiner Liebe und Begeisterung für die katholische Liturgie berührten tief.

  • Beispiel Fürbitten: provozierend fragte Konermann, ob dies nur „Verbesserungsvorschläge an den lieben Gott sind“ – oder ob dadurch den Menschen Raum geben wird, mit Gott selbst ins Gespräch zu kommen?
  • Beispiel eucharistisches Hochgebet: wird nur ein vorgegebener Text genuschelt (Hocuspocus als missverstandene Form von hoc est copus meum) oder ermutigen wir, dass sich die Mitfeiernden mit Brot und Wein selbst verwandeln lassen in den Leib Christi?
  • Beispiel Keuschheit: keusch stammt vom lateinischen conscius und bedeutet eigentlich bewusst, mitwissend. Die Kirche hat aber die Keuschheit unter die Gürtellinie verbannt.

Richtige Keuschheit prägt den ganzen Menschen: mit Herz und Verstand bewusst offen sein für Gott! Und dazu gehört auch die innere Leere, das still Werden und Bleiben vor Gott, damit er uns zu Mitwissenden machen kann.

Trefflich und betroffen machend

Es liessen sich noch viele Beispiel aufzählen mit trefflichen und betroffen machenden Impulsen von Bernward Konermann, der  an diesem Tag, wie es ein Teilnehmer formulierte, „einfach nur beeindruckend war – im wahrsten Sinn des Wortes“.

Generalvikar Josef Annen erlebte diese Tagung als eine Bestätigung seiner Impulse im Pfingstbrief 2015: dort wird betont, wie wichtig es sei, auch in der Liturgie Raum zu geben für das persönliche Verweilen vor Gott.

„Konermann sagte ja heute auch: bitte kein ‚Wortdurchfall‘ im Gottesdienst, sondern Sorge dafür tragen, dass die Seele im Gottesdienst atmen kann – das hat mich besonders begeistert!“ Generalvikar Josef Annen

Eine Teilnehmerin fühlte sich besonders bestätigt durch die Ermutigung, Sinnlichkeit, Ganzheitlichkeit und Stille in Einklang zu bringen. Oder anders formuliert: „Den Spannungsbogen zwischen Heiterkeit und Tiefe, Leichtigkeit und Schwere, individueller Frömmigkeit und gemeinschaftlichem Glauben nicht nur auszuhalten, sondern auch auszureizen.“

Es wundert einem nach so einem Tag mit Bernward Konermann nicht mehr, dass er über Jahre recht gut gebucht ist.  Bedauernswert ist lediglich, dass nur drei Priester und acht hauptamtlich Tätige präsent waren. Konermanns lebhafte und direkte Art, seine Überzeugungen zu teilen, kam gut an und lässt wünschen, dass er in vielen Pfarreien und Dekanaten noch mehr anstecken kann. Dazu, so betonte er mit dem ihm eigenen Charme auf Nachfrage, ist er „sehr, sehr gerne bereit“.

Nähere Informationen zu Bernward Konermann findet man auf  www.gottesdienstwerkstatt.eu.

Ein Kommentar zu “Liturgie aufrichtig und aufrichtend leiten

  1. ljudmila schmid schrieb am :

    Hr. Dr.Konermann war sehr kompetent und überzeugend. Seine Anregungen zur Gestaltung der Liturgie sind für uns Westeuropäer sehr willkommen gewesen. Dafür möchte ich auf die Königin Europas
    bei Tarvisio/I hinweisen, die Ost- und Westeuropa verbindet im Gebet.
    Herzlichsten Dank für dieses Seminar
    und gesegnete Advents- und Weihnchtszeit! Ljudmila Schmid

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