Erste Gedenkfeier für Verstorbene in der Psychiatrie

In den Akutspitälern ist es längst üblich, an einem bestimmten Tag der Verstorbenen eines Jahres zu gedenken. Erstmalig findet eine solche Feier nun auch in der Unipsychiatrie Zürich statt. Hinterbliebene können hier auf die vielleicht schwierige letzte Zeit des geliebten Menschen zurückblicken.

Menschen sterben. In der Schweiz sind es täglich circa 178 Personen. Sie sterben zu einem Drittel in den Spitälern und Kliniken, zu einem weiteren Drittel in den Alters- und Pflegeheimen. Nur 16.8 % daheim[1]. Auch in den psychiatrischen Kliniken, in denen es Altersstationen gibt, wird gestorben. Dies im Beisein von kompetenten Pflegepersonen, in einem interdisziplinären Team und auf Wunsch auch im Beisein einer KlinikseelsorgerIn.

Trotzdem ist nach wie wie vor  das Sterben innerhalb einer Psychiatrie ein Tabuthema.

Schweres und Leichtes soll an der Feier am 10. November in der Spitalkirche der Unipsychiatrie thematisiert werden: Die letzten Wochen, Monate – mit einer fortschreitenden Demenzerkrankung und anderen Leiden – waren vermutlich herausfordernd. Der Schritt, in die Klinik einzutreten und auf eine Verbesserung der Allgemeinsituation zu hoffen, nicht leicht. Schmerzlich vielleicht auch zu begreifen, dass die Mutter, der Vater ihren Lebenswillen schliesslich trotz aller Bemühungen aufgaben.

Zusammen mit der Ergotherapeutin wurden Steine vorbereitet, welche den Angehörigen die Möglichkeit geben werden, das Schwere rund um diese letzte Zeit in einem Ritual Ausdruck zu geben und dann am Ort des Geschehens abzulegen. Aber auch die Erleichterung darüber, dass die Mutter, der Vater, der geliebte Ehepartner, Bruder, Schwester, „Näni“ oder das „Grosi“ , der beste Freund friedlich gehen konnten, bekommt die Möglichkeit des Ausdruckes durch die Mitnahme einer leichten Feder.

Sterben in der Klinik?

Das Sterben an einem solchen Ort geschieht – entgegen negativer Assoziationen – sehr aufmerksam, liebevoll und gut umsorgt! So ist der Personalschlüssel in den Akutkliniken zum Beispiel deutlich höher als in den Pflegezentren. Einzelzimmer werden ermöglicht. Angehörige können kommen, bleiben, gehen. Das Personal ist einfühlsam und professionell. Ruhe, Achtsamkeit, vorbildliche Pflege, Verminderung von Schmerzen und eine angepasste Umgebung sind Standard.

Die Klinikseelsorge klärt die Bedürfnisse seitens des Patienten möglichst schon im Vorfeld ab. Die Angehörigen geben Hinweise. Vieles kann erspürt werden. Die Sterbenden werden immer wieder besucht und deren Hinweise, auch die nonverbalen, wahrgenommen.

Es kommt der Moment, da geht die „Reise nach innen“.

Da verliert das Äussere seine Bedeutung. Zeit und Raum werden relativ. Der Mensch geht durch seine eigenen seelischen Prozesse. Themen des Lebens werden nochmals individuell durchlebt. Auf die Stimme der Angehörigen, letzte Worte oder gegenseitige Entschuldigungen, mit allen Sinnen reagiert. Es ist eine wertvolle Zeit, wo alles im Leben auf einen unumkehrbaren Punkt zusteuert. Die seelisch-geistige Wachsamkeit erscheint allseits erhöht, auch wenn der Sterbende äusserlich ruht.

Die letzte Strecke geht jeder Mensch allein. Aber begleitet mit vielen Gedanken, den Geschichten des Lebens, den letzten Wünschen Nahestehender und allen Gebeten, die da sind. Es geht um das grosse „Loslassen“ und Vertrauen. Für uns Christen um die Glaubenswahrheit, dass wir von einem liebenden, persönlichen Gott umfangen und „abgeholt“ werden und das Bruchstückhafte unseres Lebens durch Seine Liebe und Gnade ergänzt werden wird.

 

Sabine Zgraggen ist seit 15 Jahren Psychiatrieseelsorgerin, davor war sie Pflegefachperson auf einer Intensiv-Überwachungsstation. Sie durfte schon viele Sterbende begleiten.

 

 

 

 

[1] Statistisches Jahrbuch der Stadt Zürich 2012 und Bundesamt für Statistik 2014

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