Die Benediktinerinnen beim Papst – ein (Alb)Traum

Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr träumt vom Miteinander von Frauen und Männern in der Kirche – und erwacht im Albtraum.

Vor ein paar Wochen hatte ich einen Traum: Benediktinerinnen aus aller Welt treffen Papst Franziskus. Die Schwestern haben aus ihrer Heimat Tücher mitgebracht, handgewoben aus Wolle, feine Stoffe aus Seide oder Baumwolle, bunte Gewebe mit verschiedenen Mustern, gestreift, bestickt oder bemalt, Textilien, wie sie in ihrer je eigenen Kultur hergestellt werden. Papst Franziskus steht inmitten dieser frohen Schar von Ordensfrauen. Er nimmt die Tücher in Empfang, schaut sie sich genau an und hört zu, was die Frauen ihm berichten. „Diese Tücher sind Sinnbild für unser Leben in Gemeinschaft“ erklärt eine der Frauen.

„Stoffe entstehen durch das verweben von Kett- und Schussfäden. Und so ist es auch in der klösterlichen Gemeinschaft.

Das Leben von Frauen unterschiedlicher Generationen und Herkunft. Die Mitte unserer Gemeinschaften ist der Auferstandene. Auch das Miteinander der Gemeinschaften mit ihrem Umfeld ist wie ein Gewebe. Die Klöster öffnen ihre Türen für Gäste und Oblatinnen, für Menschen, die seelsorgerliche und geistliche Begleitung wünschen. Die Klostergemeinschaften sind da für Arme, für Kinder und Jugendliche, für betagte und kranke Menschen. In den Klöstern finden Menschen neuen Zugang zu sich selber und zu Gott, sie erfahren Glaubensgemeinschaft und schöpfen neue Hoffnung. …“

Papst Franziskus hört aufmerksam und interessiert zu. Plötzlich kommt einer seiner „Aufseher“, ein Mann in bischöflicher Kleidung, und erklärt: „Heilige Vater, schicken Sie diese Frauen auf die Stühle, so wie es im Protokoll vorgesehen ist, damit die Audienz beginnen kann!“

„Lieber Bruder“, sagt Papst Franziskus ruhig und dennoch bestimmt: „Menschen wie diese Frauen verkünden uns das Reich Gottes. Von diesen Frauen können wir lernen! Sie zeigen uns, wie Kirche heute lebt!“

In diesem Moment klingelt mein Wecker und holt mich in die Realität des Alltags zurück. Ein paar Tage später werde ich nochmals aufgeweckt. In den Vatican-News lese ich, dass 120 Benediktinerinnen bei Papst Franziskus eine Audienz hatten. Auch ein paar Bilder dokumentieren dieses historische Ereignis. In Reihen sitzen sie schweigend da, die Benediktinerinnen aus allen Kontinenten, Frauen, die in ihren Gemeinschaften und Klöstern eine verantwortungsvolle Leitungsaufgabe innehaben. Frauen, die vor Ort Zeugnis geben von der frohen Botschaft. Am Rednerpult steht der Abtprimas und erklärt dem Heiligen Vater, wer diese Frauen sind und dass sie sich in diesen Tag in Rom zu ihrem Symposium versammeln.

Dass bei einer Begegnung der Benediktinerinnen mit Papst Franziskus im 21. Jahrhundert ein Mann erklärt, wer diese Frauen sind und nicht die Frauen sich selber dem Heiligen Vater vorstellen, ist für mich völlig unverständlich, ein Albtraum!

Ich bin dankbar um den wunderbaren Traum, der mir vor ein paar Wochen geschenkt wurde. Diesen Traum möchte ich weiterträumen und hoffe, dass weitere Menschen, Ordensfrauen- und –Männer, mit mir träumen. Mehr noch, dass Menschen aufstehen und einstehen für eine geschwisterliche Kirche, für eine Kirche, in der die Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht auf Augenhöhe miteinander sprechen können.

 

Irene Gassmann ist Priorin des Benediktinerinnenklosters Fahr bei Zürich.

 

Im soeben erschienenen Bildband „Im Fahr“ erlaubt die Schwesterngemeinschaft einen einmaligen Blick hinter die Klostermauern. In eindrücklichen Porträts berichten die Klosterfrauen über ihre verschiedenen Lebenswege.

Die Texte hat Susann  Bosshard-Kälin verfasst, die Fotos stammen von Christoph Hammer.

Erhältlich für Fr. 39.- im Klosterladen oder in der Buchhandlung.

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