Der alte Mann und der Pfingstgeist

Spitalseelsorgerin Nadja Eigenmann war Sprecherin des „Worts zum Sonntag“ und begegnete Pfarrer Sieber bei einem TV-Dreh. Dies ist ihr ganz persönlicher Nachruf:

„Mama, der Pfarrer Ernst Sieber ist tot.“

Diese SMS sandte mir am Abend des Pfingstsonntags unsere jüngere Tochter. Ich bin zurzeit in den Ferien in Deutschland auf einer nordfriesischen Insel. „Oje, hebst Du bitte die Zeitungen auf?“ – habe ich ihr zurückgeschrieben. Ich tat, was ich sonst nicht in den Ferien mache: Ich schaute die Tagesschau auf SRF1 auf dem Smartphone nach, wo berichtet wurde, dass Pfarrer Ernst Sieber am Samstag, den 19. Mai, friedlich eingeschlafen sei.

Spontan dachte ich: Ernst, du durftest an Pfingsten in die Ewigkeit hinübertreten, heim zu Gott! Das jährliche Pfingstfest, das die Kirche feiert, das Pfingstereignis, von dem die Bibel berichtet, ist Ernst sehr wichtig gewesen! … Er erzählte mir während der Vorbereitungen unserer gemeinsamen Aufnahme zum 60jährigen Jubiläum des „Wort zum Sonntag“ im Juni 2014:

„Weischt, Pfingschte muss spürbar si.“

Und er erzählte mir vom gärenden Süssmost in der Flasche, deren Zapfen im richtigen Moment der Predigt mit Wucht abzischen musste, um so die Dynamik und Kraft des Pfingstereignisses den Menschen verständlich zu machen!

Überzeugender Christ und Familienmensch

Dankbar bin ich, dass ich Pfarrer Ernst Sieber persönlich kennenlernen durfte. Er ist für mich als Christ überzeugend gewesen. Und ja, er war ein Mensch mit besonderen Talenten gewesen: sein Charisma vor Menschen zu sprechen, seine über lange Jahre begnadete Gesundheit, er malte ausdrucksstarke Bilder und gestaltete bewundernswerte Skulpturen wie die Kreuzesgruppe „Jesus lebt für uns“ auf dem Horgener Friedhof, wo wir das „Wort zum Sonntag“ drehten.

Während der Vorbereitungen zur Aufnahme – er zeigte mir, wo die Skulpturen gegossen wurden und wer sie gegossen hatte – und nach dem Dreh sind wir mit der Filmcrew zu Mittag in ein Gasthaus eingekehrt, assen Suppe und Brot. Einmal sprach Ernst das Tischgebet, das andere Mal ich. Das Tischgebet ist ihm wichtig gewesen! Eine wichtige Tradition, die ich auch in meiner Familie gelernt habe und die mein Mann und ich unseren Töchtern weitergeben. Ernst hat mir als katholische Theologin und Seelsorgerin Wertschätzung entgegengebracht.

Er erzählte mir von Sonja, seiner Ehefrau, dass sie die Liebe seines Lebens sei. Er erwähnte auch, dass er vor ihr sterben wolle und wenn der Herrgott es gut mit ihm meine, würde sein Wunsch in Erfüllung gehen. (Das ist kein Geheimnis.) Ernst beendete kein Telefongespräch ohne einen Gruss an meinen Mann und unsere Töchter. Er war ein Familienmensch.

Lieber Ernst, Du bist nun beim „gekreuzigten Auferstandenen“, wie du es beim Dreh sagtest. Ich schreibe diesen Text auf der Rückseite des Gezeitenplanes von Ebbe und Flut, denn ich habe in meinen Ferien keinen Laptop dabei. Ich habe auch keinen gärenden Süssmost hier.

Aber im Gedenken an Dich sende ich ein Foto der Windmühle in den Süden, in den Kanton Zürich. Zu Pfingsten hat bei der Windmühle ein evangelisch-lutherischer Gottesdienst mit der Inselpastorin und anschliessendem Mühlenfest stattgefunden. Die Windmühle symbolisiert für mich auch die Kraft des Heiligen Geistes: Eintreten in ein Leben mit Gott, Danke sagen für das tägliche Brot, wie Christus es tat, der Heiligen Geistkraft vertrauen, die Flügel verleiht, kraftvoll, liebevoll und mit Besonnenheit! (vgl. 2 Tim 1,7)

Mis Dach isch der Himmel vo Züri

Vielleicht kannst du, Ernst, nun mit der himmlischen Engelsschar auf deiner Gitarre spielen und das Lied singen, das du so gern für und mit den Obdachlosen gesungen hast: „Mis Dach isch de Himmel vo Züri…“ und vielleicht, wenn der Herrgott es so will, wirst du ein Schutzengel für die Menschen in Not unter dem Himmel von Züri.

 

 

 

Nadja Eigenmann ist katholische Spitalseelsorgerin im SeeSpital Horgen. 

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