Zwei Jahre „GEISTlabor“. Eine Bilanz.

Mit dem GEISTlabor will die katholische Kirche junge spirituell Suchende erreichen. Gelingt das? Jugendseelsorger und Mit-Initiant Adrian Marbacher zieht nach zwei Jahren eine erste Bilanz.

Ziel: Sinnsuchende ansprechen

Wo genau machen heutige Menschen spirituelle Erfahrungen? Welche Methoden sind ihnen dazu hilfreich? Hat die Kirche den Zug verpasst?  Mit diesen Fragen starteten wir vor gut zwei Jahren Ramona Casagrande und ich das  spirituelle Experiment GEISTlabor. Es schien uns notwendig, sich mit diesen neuen, anderen Ausdrucksformen auseinanderzusetzen und sie nicht vorschnell als esoterischen Kitsch abzustempeln, will man die spirituellen Sehnsüchte junger Menschen verstehen. Als Kooperation zwischen dem JENSEITS im Viadukt und der Jugendseelsorge Zürich sollen junge Sinnsuchende angesprochen werden, die sich am Rande oder ausserhalb der Kirche befinden. Dabei geht es nicht um Rekrutierung, sondern um Erfahrung und Reflexion.

Experiment und vertiefter Austausch

Die Idee ist simpel: Jeweils im Frühling und Herbst an je vier Abenden stellt eine Fachperson seine/ihre bewusstseinsfördernde Methode oder eine Form des spirituellen Ausdrucks vor. So soll jungen Sinnsuchenden die Möglichkeit gegeben werden, in verschiedene spirituelle Gebiete einzutauchen, die sie näher zu sich und zu Gott/zum Göttlichen bringen können. Dabei steht neben der individuellen Erfahrung im Experiment vor allem die inhaltliche persönliche Reflexion im Zentrum. „Experimentiert“ wurde so bereits mit Aura wahrnehmen, Gebetsketten, Vipassana, Kontemplation, Kommunikation mit Engeln, Neuro-Linguistische Programmierung, Pilgern, Jenseitskontakten, Bibliodrama, Schamanismus, psychologischer Handanalyse, Seelenmatrix und vielem mehr. Dabei wurde in jeder Reihe jeweils ein christliches Angebot präsentiert. Anschliessend zur Veranstaltung gab es die Gelegenheit, sich vertiefter auszutauschen.

Ermutigung, aufzubrechen und kritisch zu bleiben

Welche Erfahrungen haben wir bisher gemacht? Gesamthaft lässt sich sagen:

Menschen mit wenig spirituellem Hintergrund fühlen sich motiviert, sich überhaupt auf eine spirituelle Suche zu begeben. Zudem ermutigt es Menschen mit viel Erfahrung im spirituellen Bereich, eine neue Methode auszuprobieren.

Weiter zeigt sich, vor allem anhand der Gespräche mit den Teilnehmenden, dass das GEISTlabor eine einzigartige Plattform für einen niederschwelligen biografie-orientierten, interspirituellen Dialog bietet und somit unterstützend auf die Integration der eigenen Erfahrungen wirkt. Kritische Rückmeldungen werden angebracht, beziehen sich aber meist auf die einzelne Methode  („kann damit eher wenig anfangen“) und weniger auf die Veranstaltung an sich. Die Teilnehmerzahl variiert zwischen fünf bis dreissig Teilnehmenden, abhängig von Thema, Referent, Zeit und Wetter. Positiv wurde aufgenommen, dass die Reihe von der Katholischen Kirche angeboten wurde. Man war überrascht, dass die Kirche so experimentierfreudig ist.

Christliche Angebote in neuem Kontext

Aufgrund der Vielfalt des Angebots werden auch christliche Angebote in einen neuen Kontext gestellt und können unbelastet neu entdeckt werden.

Nicht selten kommt es vor, dass gerade im GEISTlabor Suchende, die sich von ihrer christlichen Tradition entfernt haben, wieder neuen Zugang finden können.

Gleichzeitig wird aber auch die Situation von jungen spirituell Suchenden ernst genommen, die sich nicht nur im christlichen Kontext bewegen.

Grundsätzlich lässt sich jedoch feststellen, dass es bei den christlichen Angeboten tendenziell weniger Teilnehmende hat. Mögliche Ursachen können

  • das vorherrschende Überangebot an christlichen Angeboten sein (jede Pfarrei bietet christliche Spiritualität an),
  • deren „Bekanntheitsgrad“ bei christlich Sozialisierten (weniger reizvoll)
  • oder allgemein die zurückgehende christliche Sozialisation, respektive Abgrenzung vom Christlichen.
  • Zudem könnte aber auch die teilweise ungenügend geleistete Übersetzungsarbeit von christlicher Spiritualität in die heutige Jugendsprache Grund für die geringe Teilnahme sein.

Als wichtiger Bestandteil der Veranstaltungen erweisen sich die Gespräche im anschliessenden Barbetrieb. Persönliche Glaubenserfahrungen werden thematisiert, speziell von Kirchenfernen.

Von Einsichten zu Aussichten

Welche  Konsequenz kann daraus für die Kirche gezogen werden? Grundsätzlich zeigt sich mir ein vermehrtes Bedürfnis nach „spiritual experience“ und es scheint sich zu Bewahrheiten, was der deutsche Theologe K. Rahner im letzten Jahrhundert vorausgesagt hat: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein (einer der etwas „erfahren“ hat) oder er wird nicht mehr sein.“  Nun,  wir leben bereits in dieser Zukunft.

Die Kirche hat einen reichen Schatz an spirituellen Methoden. Leider scheinen sie spirituell Suchenden oft verborgen. Aber die Erfahrung mit dem GEISTlabor ermutigen, offen in den Dialog mit anderen Methoden zu treten.

Verlorenes Terrain lässt sich nicht flächendeckend wieder zurückerobern, aber die eigenen Schätze können als wertvolle Methode wiederentdeckt und selbstbewusst in den interspirituellen Dialog eingebracht werden.

Im November 2016 startet im jenseits IM VIADUKT die fünfte Reihe des GEISTlabors und am 24. November 2016 werde ich selber eine Methode vorstellen: Die Herz-Meditation, einen Weg, um eine persönliche Christuserfahrung machen zu können. Ich bin gespannt, wie viele spirituell Suchende sich davon angesprochen fühlen werden…

Mitarbeiter Jugendseelsorge Zürich

 

Adrian Marbacher ist Beauftragter für Jugendarbeit, Ressort „Jugendspiritualität“ bei der Jugendseelsorge Zürich

Tel. 044 266 69 04
Mail: adrian.marbacher@jugendseelsorge.ch

 

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