Wie die Jugendseelsorge psychologisch berät

Der Klient: 18 Jahre alt, in der Lehre zum Kaufmännischen Angestellten. Er kommt seit 3 Monaten in die psychologische Beratung bei der Jugendseelsorge in Zürich. Stefan hat grosse Probleme zuhause mit seinem neuen Stiefvater. Er fühle sich unwohl in seiner Nähe und hat das Gefühl, dass ihn dieser von zuhause rausekeln wolle.

Es gebe zunehmend Streit und auch seine Mutter halte immer mehr zum Stiefvater als zu ihm. Dies führe so weit, dass er sich in der Lehre nicht mehr richtig konzentrieren könne und in der Schule leiden seine Noten sehr darunter.

Sein Lehrmeister hat ihm daher nahegelegt, sich bei einer Beratungsstelle zu melden. Stefan findet die Idee zuerst gar nicht toll. Er brauche doch keinen Psychologen, meint er. Doch als er sieht, dass die Beratungen kostenlos sind und in Zürich gleich in der Nähe vom Hauptbahnhof, entschliesst er sich, wenigstens mal anzurufen und sich das anzuschauen. Nach einigen Sitzungen merkt er, dass er tatsächlich profitieren kann. Die Gespräche mit einer neutralen und unabhängigen Fachperson helfen ihm, sich abzugrenzen von seinen Problemen und seine Lehre wieder in den Griff zu bekommen.

Individuell angepasste kostenlose Beratungen

Seit Februar 2014 arbeite ich bei der Jugendseelsorge Zürich als Psychologin in der Jugendberatung. Zusammen mit meinem Team von insgesamt vier Beraterinnen und Beratern biete ich tagtäglich psychologische Beratung und Therapie für Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 14 und 28 Jahren an. Natürlich sind auch die Angehörigen, Familienmitglieder und sonstige Bezugspersonen willkommen.

Jeder Arbeitstag gestaltet sich sehr unterschiedlich, da jeder Klient und jede Klientin einzigartig ist. Jeder bringt seine eigene Geschichte, seine eigenen Probleme und seine einzigartige Persönlichkeit mit, was meine Arbeit sehr spannend und gleichzeitig herausfordernd gestaltet.

Glücklicherweise habe ich bei der Jugendseelsorge die Möglichkeit, mir für jeden einzelnen jungen Menschen individuell genügend Zeit zu nehmen, und meine Beratungen ganz individuell auf jeden einzelnen anzupassen. Im Unterschied zu psychologisch-psychiatrischen Institutionen und vielen anderen Beratungsstellen können die Jugendlichen bei der Jugendseelsorge kostenlos in die Beratung kommen. Die Anmeldung gestaltet sich sehr niederschwellig und unkompliziert, so dass die Hürden für die jungen Hilfesuchenden möglichst niedrig sind. Es braucht keinen administrativen Anmeldungsprozess und man bekommt innerhalb von einer bis zwei Wochen einen ersten Termin. Da die Beratungen kostenlos sind und keine Abrechnung über die Krankenkasse erforderlich ist, kann eine allzu frühe „Etikettierung“ mit einer psychiatrischen Diagnose“ verhindert werden.

Jedes Thema ist wichtig!

In den Beratungen finden alle Themen Platz, vom kleinsten Liebeskummer über Familienprobleme bis hin zu schwerwiegenderen Lebenskrisen oder sogar Suizidgedanken. Dabei ist es mir wichtig, dass sich die jungen Menschen verstanden und angenommen fühlen. Dazu trägt auch ein einladend gestaltetes Beratungsbüro bei. 1-Mein Beratungszimmer (3)

Meine Rolle als Beraterin ist es, die Jugendlichen auf ihrem Weg zu ihrer Lösung zu begleiten und zu unterstützen. Dabei ist es wichtig, dass die KlientInnen ihre eigene Lösung entdecken und durch die Beratung zurück zu ihren Ressourcen und Stärken finden. So gehen sie in Zukunft gestärkt weiter, da sie die Werkzeuge zur Lösung ihrer Probleme selber erarbeitet haben und jederzeit darauf zurückgreifen können.

Auch Leonie, 26 Jahre alt aus Zürich, kommt in die psychologische Beratung zur Jugendseelsorge. Sie wurde bereits in der Primarschule regelmässig von ihren Klassenkammeraden gehänselt und fühlte sich stets als Aussenseiterin. Nun ist sie an der Uni und hat seit der Jugendzeit ziemlich abgenommen, damit sie von den anderen endlich akzeptiert werde.

Das reicht jedoch noch nicht, sie ist noch nicht mit sich zufrieden, hat das Gefühl, sie sei immer noch gleich dick und hässlich und niemand fände sie gut.

Ihre Mutter beginnt sich grosse Sorgen zu machen und merkt, dass Leonie nur noch sehr wenig isst und auch ständig traurig im Zimmer rumsitzt. Sie sucht im Internet um Rat und stösst auf die Seite der Jugendseelsorge. Für Leonie ist das eine der wenigen Beratungsstellen im Kanton, wo auch junge Erwachsene über 25 Jahren noch kostenlose Beratung in Anspruch nehmen können. Da die Familie über wenige finanzielle Mittel verfügt, ist sie auf eine solche Beratungsstelle angewiesen. Leonie lässt sich von ihrer Mutter zu einer ersten Beratungsstunde begleiten und entschliesst sich danach, weitere Gespräche alleine mit der Psychologin zu vereinbaren.

Leonie merkt, dass ihr die Gespräche bei der Psychologin gut tun. Die Beratung helfe ihr, sich mehr und mehr selber zu akzeptieren und sich zu lieben, so wie sie ist. Zusammen mit der Psychologin lernt sie ihre Stärken und Ressourcen kennen und ihre Lebensfreude kommt langsam wieder zurück. Ihr Umfeld reagiert positiv darauf und sie schafft es sogar, neue Freundschaften aufzubauen.

Einen Unterschied im Leben der jungen Menschen machen

Stolz erzählt sie mir in der heutigen Sitzung mit einem Lächeln im Gesicht, dass sie morgen Abend mit einer Mitstudentin an ein Konzert gehe. Und sie fügt an, dass sie diejenige gewesen sei, die den ersten Schritt gemacht habe!

„Wow, das ist ja super Leonie“! Solche Momente in der Beratung freuen mich sehr und zeigen mir tagtäglich, dass meine Arbeit Sinn macht.

Die Jugendseelsorge als kirchliche Institution trägt dazu bei, Jugendliche und junge Erwachsene im Kanton Zürich in schwierigen Situationen und Krisen zu unterstützen und schwerwiegendere Probleme zu vermeiden. Durch die Niederschwelligkeit des Beratungsangebots können somit junge Menschen in Krisen präventiv frühzeitig aufgefangen werden.

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Claudia Haag ist Psychologin und Psychotherapeutin bei Jugendseelsorge Zürich.

(claudia.haag@jugendseelsorge.ch)

 

 

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