Schiffsunglück auf dem See: Notfallseelsorge im Einsatz

Letzten Sonntag auf dem Zürichsee: Bei einem tragischen Bootsunglück stirbt eine junge Frau. Polizei, Rettungsdienste und Notfallseelsorge sind im Einsatz, unter ihnen der reformierte Pfarrer Ruedi Steinmann. Im Gespräch mit Arnold Landtwing blickt er zurück.

Es war der letzte Tag einer ruhigen Pikettwoche und kurz vor dem Nachtessen, als die Einsatzleitzentrale von Schutz und Rettung Zürich den Grüninger Pfarrer Ruedi Steinmann alarmierte: „Einsatz nach Bootsunfall auf dem Zürichsee“, gefolgt von Ortsangabe und kurzen Informationen, welche und wie viele Personen direkt betroffen sind. Die Kantonspolizei Zürich informierte mit einer Medienmitteilung über das Unglück und wies darauf hin, dass auch die Notfallseelsorge im Einsatz war.

Kein Blaulicht für Notfallseelsorger

Als aktiver Feuerwehrmann in Grüningen ist Steinmann gewohnt, aus seinem Alltag als Pfarrer herausgerissen zu werden und zusammen mit seinen Kollegen für einen dringenden Einsatz auszurücken. Bei einem Einsatz für die Notfallseelsorge macht er sich alleine auf den Weg zum Ereignisort. Nach einer kurzen Stärkung und einem kurzen besinnlichen Moment fährt er los. Das Auto ist ausgerüstet mit allem, was er braucht: Getränke, gute Schuhe, Einsatzkleidung, Schutzdecken, Merkblätter.

Ruedi Steinmann, wie bereiten Sie sich unterwegs auf den Einsatz vor?

Für mich als Notfallseelsorger gelten auf der Fahrt zum Einsatzort die ganz normalen Verkehrsregeln, also innerorts 50 km/h. Dies gibt mir noch gewisse Zeit, um zu überlegen. Ich mache mir ein inneres Bild, welche Situation ich antreffen könnte und frage mich

  • In welchem Zustand treffe ich die Leute an?
  • Wie finden wir den Kontakt zueinander?
  • Wer braucht in dieser Situation was?

Sie kommen am Ereignisort an: Wie gehen Sie vor? Wie wissen Sie, um wen Sie sich kümmern müssen?

Vor Ort melde ich mich zuerst bei der Einsatzleitung und bekomme Informationen über den aktuellsten Stand. Polizei und Rettungskräfte sind froh, wenn ich ihnen als Notfallseelsorger mit dem Betreuen von Betroffenen den Rücken freihalte, damit sie ihren spezifischen Auftrag ausführen können. Ich habe den Überblick, wer von den Betroffenen wo ist und wie es ihnen geht. Im Fall des Bootsunglücks waren wir mehrere Notfallseelsorger auf dem Platz. Wir mussten mehrere Angehörige und Betroffene betreuen. Nähere Angaben zu den Personen will ich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht machen.

Nehmen wir an, da sind Direktbetroffene, Erwachsene, Jugendliche und Kinder auf dem Platz. Was können Sie in einer solchen Situation machen?

Es gibt kein fixfertiges Rezept, weil jede Situation einzigartig ist. Ich gehe auf die Leute zu, stelle mich vor und informiere sie, dass ich von der Polizei aufgeboten worden bin. Ein paar der Grundfragen helfen dann schon mal weiter:

  • Wie ist es Ihnen zumute?
  • Was geht in Ihnen vor?
  • Was haben Sie erlebt?
  • Was brauchen Sie jetzt?

Und dann schaue ich, wie die angesprochene Person reagiert. Die eine hat das Bedürfnis, vom Erlebten zu erzählen. Da höre ich aktiv zu. Jemand anders schweigt lieber, schätzt es aber, dass jemand einfach da ist und das Schweigen aushält. Wenn jemand Hunger oder Durst hat, kann ich kleine Verpflegung anbieten.

Notfallseelsorger Ruedi Steinmann im Einsatz_(Symbolbild)

Die Verunglückte wurde erst einen Tag später tot gefunden. Waren die Notfallseelsorger bis dann im Dauereinsatz?

Solange die Befragung der Polizei stattfand, habe ich eine der betroffenen Gruppen betreut. Unseren Einsatz haben wir abgeschlossen, indem wir überprüften, wie das weitere Vorgehen für den Folgetag aufgegleist ist.

  • Wer geht morgen zur Arbeit?
  • Wer geht zur Schule?
  • Wer bleibt zu Hause?
  • Gibt es jemanden, der für Betreuung sorgen kann?
  • Bei welchen Kontaktadressen kann man sich bei Bedarf melden?

Wichtig ist, dass die Betroffenen selber wieder Fuss fassen und den Alltag bewältigen können.

Wenn all dies geklärt ist, sorgen wir dafür, dass alle sicher nach Hause kommen, trinken vielleicht nochmal etwas miteinander und verabschieden uns. Für späteren Kontakt stehen dann Blaulichtorganisationen oder der Einsatzleiter zur Verfügung. Als Notfallseelsorgende verabschieden wir uns und ziehen uns zurück. Beim kurzen Abschied bei der Einsatzleitung wechseln wir noch ein paar Worte und fahren dann wieder nach Hause.

Nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz: Es gilt, alles Material zu überprüfen und für den nächsten Einsatz vorzubereiten. Ein Teil der Verarbeitung ist das Schreiben des Einsatzrapportes. Mein Einsatz endete an diesem Sonntag gegen Mitternacht.

Wie geht der Kontakt weiter? Nehmen Sie an der Beerdigung teil?

Ich habe noch nie an einer Beerdigung und Abdankung eines Unfallopfers teilgenommen und würde auch keine durchführen. Als Notfallseelsorger bin ich nur für den ersten Moment da für  „Erste Hilfe für die Seele“. Darauf folgende Beratung und Begleitung über Tage und Wochen ist nicht mehr „Notfall“ im Sinne der offiziellen Einsatzdoktrin. Diese sollte am Wohnort und im Lebensraum der Betreuten angesiedelt sein, dort also, wo ihr Leben nach dem Notfall weitergeht. Auf Wunsch stellen wir als Notfallseelsorger aber gerne einen Kontakt zu entsprechenden Unterstützungs- und Beratungsstellen her, etwa indem wir örtliche Seelsorger/innen mit den Betroffenen zusammenbringen. So schaffen wir eine Brücke vom Notfall zum Weiterleben, ohne aber selber weiterhin involviert zu sein. Ich glaube, es würde die Person des Notfallseelsorgers zu sehr in den Vordergrund rücken, wenn er sich nach dem geleisteten Dienst nicht auch wieder zurücknehmen würde (als würde er sich für unentbehrlich halten!)

Screenshot ZSZ

Was ist Ihre Motivation, sich für die Notfallseelsorge einzusetzen?

Wer blaulichgeil ist oder ein Helfersyndrom hat, ist in der Notfallseelsorge am falschen Ort. Meine Motivation ist es, für diese Menschen in einer herausfordernden und belastenden Situation einfach da zu sein und sie bestmöglich zu unterstützen. Die Notfallseelsorge wird ökumenisch von den Kirchen finanziert und organisiert. Dies ist eine der zahlreichen Dienstleistungen, welche die Kirchen für die gesamte Gesellschaft erbringen und die  auch eine kürzlich erhobene  Studie als sehr wertvoll ausweist.

Wie verarbeiten Sie persönlich einen solchen Einsatz?

Mit dem Ablegen der Einsatzkleidung, dem Auffüllen des Materials und dem Schreiben des Rapports schliesse ich den Einsatz ab. Oftmals bin ich zwar nachdenklich, aber nicht belastet. Um so mehr schätze ich jeweils meine Familie und bin wieder viel dankbarer für die vielen kleinen Selbstverständlichkeiten des Alltags. In fürbittender Anteilnahme denke ich zwischendurch an die Menschen, die ich begleitet habe und wünsche ihnen viel Kraft in ihrer belastenden Situation.


Die ökumenische Notfallseelsorge Zürich

Die ökumenische Notfallseelsorge hat im Jahr 2016 so viele Einsätze wie noch nie. 254 Mal rückten die Seelsorgerinnen und Seelsorger an besondere Ereignisse aus, standen dabei insgesamt 793 Stunden im Einsatz und betreuten 920 Personen. Aufgabe der speziell ausgebildeten und vom Nationalen Netzwerk Psychologische Nothilfe zertifizierten Spezialisten ist die Erstbegleitung von betroffenen Menschen bei aussergewöhnlichen Todesfällen, Suiziden, tödlichen Verkehrsunfällen oder bei potentiell traumatischen Ereignissen. Flächendeckend über den ganzen Kanton sind fünf Regionalteams das ganze Jahr rund um die Uhr abrufbereit. Aufgeboten wird die Notfallseelsorge durch die Einsatzleitzentrale von Schutz und Rettung Zürich

Zertifikat des nationalen Netzwerks Psychologische Nothilfe für die ökumenische Notfallseelsorge im Kanton Zürich

 

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