„Religion gehört ganz genuin zum Film“

Daria Pezzoli-Olgiati über Religion im Film, die Macht der Bilder und eine Frau aus dem Mittelalter, die einen Erfolg auf der Leinwand verdient hätte.  Die Religionswissenschaftlerin ist Mitglied in der Jury für den Filmpreis der Zürcher Kirchen am Zurich Film Festival.


Erstmals mischen die Kirchen am Zürcher Filmfestival mit und vergeben einen eigenen Preis. Wie muss ein Film gemacht sein, der einer kirchlichen

Jury gefällt?

Ausschlaggebend ist für die Jury die künstlerische Qualität. Dann sollen die Filme eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Fragen des Lebens, der Menschlichkeit und der Menschenrechte bieten. Die Filme sollen uns etwas zu sagen haben, eine universale Perspektive vertreten und im biblischen Sinn eine Zusage zur Welt enthalten.

Daria Pezzoli-Olgiati

Geht es um Ernsthaftigkeit und Tiefgang oder haben auch lustige Filme eine Chance?

Alle Produktionen können für uns interessant sein! Man kann gute Komödien machen, die viel über den Menschen aussagen. Themen wie Liebe, Eifersucht, interkulturelle Miss­verständnisse oder interreligiöse Begegnungen können sehr humorvoll erzählt werden.

Mit dem Preis zeigen die Kirchen, dass ihnen gutes Filmschaffen etwas wert ist. Was steckt hinter dieser Haltung?

Der Film war im
mer ein wichtiger Ort der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Wenn die Kirchen also teilhaben wollen an der Reflexion über die Welt, in der wir leben, über Glaubensfragen und Religion, die im Kino aufgeworfen werden, ist die Beschäftigung mit dieser Kunstform zentral und inspirierend.

Heute prägen audiovisuelle Medien gesellschaftliche Kommunikation grundlegend und der Film ist ein wichtiger Teil davon. Ein Beispiel: Wir sind permanent mit Bildern von Menschenmassen auf Booten oder in Zentren als Illustrationen von Migration konfrontiert.

Diese oft entwürdigenden Darstellungen haben Auswirkungen, wie wir mit dem Thema umgehen. Sie prägen normative Vorstellungen über Menschen auf der Flucht. Zahlreiche Autoren- und Dokumentarfilme antworten kritisch auf diese Bilder und präsentieren alternative Sichten auf Migranten als Menschen mit Würde und einer eigenen Biographie. Werke von Mano Khalil und Samir sind gute schweizerische Beispiele dazu.

Kirchen und Religionen waren immer auch Stofflieferanten. Was macht sie für Filmemacher attraktiv?

Das Kino hat seit Beginn biblische Themen, insbesondere das Leben und die Passion Jesu, bearbeitet. Erstens, weil dies Themen sind, die alle kennen. Und zweitens wegen ihrer religiösen und kulturellen Bedeutsamkeit. Als neues Medium war der Film darauf angewiesen, sich mit ernsthaften Fragen zu etablieren. Damit zeigte das Kino, dass es solche Themen einem grossen Publikum vermitteln kann. Wohl auch deshalb bemühten sich die Kirchen früh darum, den Film zu nutzen, zu prägen und zu unterstützen. Kirchliche Filmbüros entwickelten Strategien der ästhetischen und moralischen Bewertung.

Gerade dabei gab es auch viele Reibungspunkte zwischen Filmschaffenden und der Kirche …

Einige Filme wurden im kirchlichen Rahmen in der Tat sehr kontrovers debattiert: «Je vous salue, Marie» oder «The Last Temptation of Christ» sind passende Illustrationen dazu.

Luther kam vor ein paar Jahren in die Kinos, 2019 zieht Zwingli nach. Welche Figur aus der Kirchengeschichte hätten Sie gern einmal auf der Leinwand?

Christine de Pizan hätte ein grosses Publikum verdient und gäbe Stoff für einen starken Film. Sie war eine Gelehrte aus dem 14. Jahrhundert, geboren in Venedig. Ihr Vater war Astronom und Arzt. Mit ihm gelangte sie an den französischen Königshof. Dort wurde sie selber zu einer ankerkannten Schriftstellerin und Intellektuellen, die sich in kritischer Weise mit der Philosophie- und der Religionsgeschichte auseinandersetzte und dabei die gesellschaftliche und religiöse Gleichstellung von Frauen einforderte.

Erlebt die Religion derzeit ein Revival auf den Leinwänden? Oder war sie gar nie weg?

Sie war nie weg. Religion gehört ganz genuin zum Film. Auch wenn nicht immer explizit oder plakativ davon die Rede ist.

Religiöse Dimensionen werden sichtbar, wenn Figuren auf der Suche nach Orientierung und Identität sind, im Kampf von Gut gegen Böse, bei Themen wie dem Tod. Auch die dunklen Seiten der Religion fliessen ein.

Das Interview führte Christian Schenk, Chefredaktor der reformierten Zeitschrift notabene.

Daria Pezzoli-Olgiati, ist Professorin für Religionswissenschaft und Religionsgeschichte an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität München. Film und Religion gehört zu ihren Forschungsschwerpunkten. www.media-religion.org

Der Filmpreis der Kirchen ist mit 5000 Franken dotiert und wird am 5. Oktober im Rahmen des 13. Zurich Film Festival  (28. September bis 8. Oktober) übergeben. 

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