Mitstricken am Schutzmantel

Das Waidspital hat am 14. Mai eine neue Palliativstation eröffnet. Karin Oertle ist seit 24 Jahren als katholische Seelsorgerin im Waidspital. Im Blog macht sie sich Gedanken zur neuen Station.

„Hör mal“, meldet sich eine Bekannte am Telefon, „in der Zeitung steht, dass das Waidspital ein Zentrum für Palliative Care eröffnet. Braucht es denn so was? Mein Nachbar ist im Waid verstorben und seine Frau war mit der Betreuung zufrieden. Auch seelsorglich fühlte sie sich gut aufgehoben. Sehr geschätzt hat sie den Gedenkanlass für die Verstorbenen am zweiten Sonntag im November, zu dem sie als Angehörige eingeladen wurde. Wieso braucht es dann noch eine spezielle Abteilung? Bringt dies den Betroffenen etwas?“

Was bringt eine Palliativstation?

Eine gute Frage. Während meiner 24 Dienstjahre als katholische Seelsorgerin im Waidspital begleitete ich eine grosse Zahl von Menschen mit unheilbaren oder chronisch voranschreitenden Krankheiten auf verschiedenen Abteilungen. Ändert sich durch die Errichtung einer Palliativstation etwas in meinem Umgang mit ihnen?

In meiner Erinnerung tauchen viele Situationen auf: Eine Patientin strickt emsig an einem Viereck, ein Beitrag zur Blätzlidecke, die Verwandte und Freunde ihrer Enkelin zur Hochzeit schenken wollen. „Setzen sie sich“ lädt sie mich ein, „erlauben sie mir, während unseres Gesprächs weiter zu stricken, denn meine Zeit ist begrenzt und ich möchte gern diese Erinnerung noch hinterlassen“.

Eine andere Patientin schickt mich freundlich und bestimmt weiter, da sie an Seelsorgebesuch nicht interessiert sei. Ein Herr sinniert vor sich hin und erwidert meinen Gruss sehr abwesend. Ein anderer Patient fragt mich mit einer tüchtigen Prise Galgenhumor, ob er den Schacherseppli von mir grüssen solle, er werde ihn nämlich bald sehen. Alle diese Personen verbindet das eine: Sie sind Palliativpatienten.

Was zählt, ist das Hier und Jetzt

Sie werden auch dort angesichts ihrer lebensbedrohlichen Krankheit ohne Aussicht auf Heilung sehr unterschiedlich reagieren.

Eines ist auf einer Palliativstation allen gemeinsam: Das Hier und Jetzt gewinnt an Bedeutung. Aufschieben auf später ist nicht mehr angesagt.

Daher rücken auf einer Palliativstation die verschiedenen Disziplinen sozusagen näher zusammen und suchen gemeinsam einen Weg, die letzte Lebensphase für die betreffende Person in möglichst hoher Qualität zu gestalten. Je enger Behandlungsteam, Patienten und Angehörige zusammenwirken, desto schneller können die individuellen Bedürfnisse erkannt und umso besser erfüllt werden.

Bedürfnis nach Gemeinsamkeit und Stille

Um beispielsweise das Zusammensein mit nahestehenden Menschen bei einer selbst zubereiteten Mahlzeit zu ermöglichen, stehen ein Aufenthaltsraum mit grossem Esstisch und eine Kochmöglichkeit zur Verfügung.

Besteht das Bedürfnis nach Rückzug, kann der Raum der Stille genutzt werden.

Alle Patienten werden auch auf das Angebot der Seelsorge aufmerksam gemacht. Wie auf allen Stationen entscheiden sie selbst, ob sie es in Anspruch nehmen wollen oder nicht.

Jede Person, die ich besuche, hat die Freiheit, die Zeit meines Besuches nach ihren Wünschen einzusetzen:

  • Möchte sie sich über allgemeine Themen äussern?
  • Möchte sie über ihre ganz persönlichen Lebens- und Glaubensfragen sprechen?
  • Wünscht sie ein gemeinsames Gebet, den Segen, den Empfang der Kommunion?
  • Oder sehnt sie sich nach gemeinsamer Stille?

Wenn ich mir so recht überlege, stricken alle auf einer Palliativstation symbolisch an einer Wohnlichkeit und Geborgenheit ausstrahlenden Blätzlidecke. Ob und in welchem Muster die Seelsorge mit einem Blätzli beteiligt ist, entscheiden die Patienten und ihre Angehörigen individuell.

Am 14. Mai 2018 wurde die Palliativstation im Stadtspital Waid eröffnet. Wir sind bereit, Hand in Hand am Pallium (Schutzmantel) zu weben.

Karin Oertle ist seit 1994 Spitalseelsorgerin im Waidspital und Hauptverantwortliche für das katholische Seelsorgeteam. Nach Studium an der theologischen Hochschule Chur mit psychologischen Zusatzmodulen spezalisierte sie sich zur Klinikseelsorgerin CPT. Eine Ausbildung in Palliative Care eignete sie sich am interdisziplinären Zentrum für Palliativmedizin der Universität München an.

 

 

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