Gastfreundlich statt fremdenfeindlich

Im Stadtzürcher Quartier Hard lädt die Pfarrei St. Felix und Regula in Zusammenarbeit mit dem Solidaritätsnetz Zürich Flüchtlinge zu Deutschkursen und Mittagstisch ein. Sie tut dies respektvoll und ohne Spektakel seit Mai 2011. In der derzeitigen Flüchtlingskrise ist das solidarische Angebot aber doppelt wichtig.

Teame T., 21-jährig, Almas S. , 38, und ihre Tochter Lidia S., 18, sitzen in der Herbstsonne draussen auf der Terrasse des Café Felix und Regula und geniessen den Eintopf mit Reis und Gemüse. Alle drei stammen aus Eritrea: Sie wirken angespannt und sprechen nur bruchstückhaft deutsch. Teame redet vom totalitären Regime in seinem Land. Almas sagt, dass ihr Mann verschollen sei und auch von ihrem Sohn weiss sie nicht, wo er ist und ob er überhaupt noch lebt. Ihre Tochter Lidia meldet sich nicht zu Wort.
Kontakt zur Heimat haben alle drei nicht mehr. «Hier in der Schweiz ist alles gut» sagt Teame, der seit einem Jahr in der Schweiz lebt und gerne Schreiner werden möchte. Almas versteht den Landsmann und lächelt. Am Morgen hat sie wie jeden Mittwoch den zweistündigen Deutschkurs besucht. Sie habe viel gelernt:

«Der Tisch», «die Banane», «die Tomate» und «chicken – Huhn».

DSC00838fl_eritrea15

Deutschkenntnisse verbessern

Almas ist nicht die Einzige, die in den von der Pfarrei St. Felix und Regula zur Verfügung gestellten Räumen Deutschkurse besucht. Rund 70 Personen verbessern wöchentlich in den bis zu acht Klassen ihre Deutschkenntnisse. Freiwillige erteilen die Lektionen: Die wenigsten sind Lehrerinnen oder Lehrer, freuen sich aber am Unterrichten und an Menschen aus fremden Kulturen, sie unterstützen möchten.

Ein ehrenamtlich tätiger Mann sagt:

«Die Sprache ist nicht nur der erste Schritt zur Integration, sie ist schlicht lebenswichtig».

Die Flüchtlinge müssten sich doch in der fremden Umgebung orientieren und allenfalls auch sagen können, wo sie Schmerzen hätten. Er redet aber offen von «Alphabetisierungskursen», da die Sprachkenntnisse vieler Leute sehr rudimentär seien. Da die Flüchtlinge vielfach aus Sprachgebieten mit anderer Schrift und einem anderen Alphabet kommen, ist es für sie doppelt schwierig, deutsch zu lernen.

Eine Lehrerin meint, selbst wenn ein Teil der Asylsuchenden wieder ausgewiesen werde, könnten die Frauen und Männer hoffentlich gewisse Impulse von den Kursen mitnehmen. Eine weitere Unterrichtende sagt, dass sie den Flüchtlingen durch ihr Engagement etwas Gutes tun und ihr Leben erträglicher machen wolle. Dann meldet sich wieder der Mann zu Wort: Manchmal kämen die Leute plötzlich nicht mehr in die Kurse, dann wüssten die Unterrichtenden nicht, ob sie weitergezogen, ausgeschafft oder untergetaucht seien oder ob ihnen die Kurse aus irgendeinem Grund nicht gefallen hätten.

«Diese Ungewissheit ist schwer zu ertragen», meint er.

Zu den Kursen kommen laut dem Koordinator des Angebots, Wolfgang Hablützel, aktuell vor allem Flüchtlinge aus Eritrea, aus Tibet, aus Afghanistan und Südamerika. Andere kommen aus dem Niger, der Elfenbeinküste oder aus Vietnam. In Zukunft werden vermutlich Asylsuchende aus Syrien dazukommen.

Pfarrei engagiert sich

Die Theologin Gertrud Würmli, Gemeindeleiterin von St. Felix und Regula, ist froh, dass ihre Pfarrei angesichts des Flüchtlingselends etwas Hilfreiches anbieten kann. Sie sagt:

«Wer seine Heimat verlassen musste, lebt an einem Ort, wo er keine Verwandtschaft, Freunde und Besitz hat. Flüchtlinge verdienen Respekt, Solidarität und Sicherheit. Der Flüchtling, ob er nun aus politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Gründen geflüchtet ist, steht unter Gottes Schutz und soll deswegen gut behandelt werden».

Die Pfarrei engagiert sich laut der Gemeindeleiterin in dreifacher Hinsicht:

  • Sie stellt Räumlichkeiten sowohl für die Deutschkurse wie für den Mittagstisch zur Verfügung.
  • Weiter kann Regula Hagmann, die Sozialarbeiterin von St. Felix und Regula, Arbeitszeit für die Flüchtlingsarbeit aufwenden.
  • Ausserdem sprach die Kirchenpflege Gelder für die spezielle Arbeit.

Regula Hagmann unterstreicht, dass der Mittagstisch und die Deutschkurse nur dank der kompetenten und verlässlichen Arbeit der Freiwilligen durchgeführt werden können. Die Pfarrei St. Felix und Regula arbeitet eng mit Solinetz Zürich zusammen: Der Verein wurde im September 2009 mit dem Ziel gegründet, sich für eine menschlichere Asyl- und Ausländerpolitik einzusetzen.

Sozialarbeiterin Regula Hagmann (l.) mit Gemeindeleiterin Getrud Würmli

Sozialarbeiterin Regula Hagmann (l.) mit Gemeindeleiterin Gertrud Würmli

Engagiertes Küchenteam

Bereits im Einsatz für Flüchtlinge ist das Küchenteam vom Mittagstisch in St. Felix und Regula. Immer mittwochs kocht ein achtköpfiges Team ein einfaches Menü für rund 100 Personen: Neben den Flüchtlingen, die nach dem Deutschkurs für die warme und kostenlos abgegebene Mahlzeit Schlange stehen, kommen auch einige Pensionierte aus dem Quartier. Das Team setzt sich begeistert für die gute Sache ein.
Zum Team gehört auch Aron J., ein 30-jähriger Flüchtling aus Afghanistan, der seit drei Jahren in der Schweiz lebt. Er erzählt, dass er vor 17 Jahren zuhause aufgebrochen sei, als sein Vater im mörderischen Bürgerkrieg umkam und seine Mutter ihn wegschickte, um zu überleben. Eine wahre Odyssee führte ihn schliesslich über viele Jahre über Pakistan, den Iran, die Türkei, Griechenland und Italien in die Schweiz. Von seiner Mutter und seiner Schwester weiss er nicht, wo sie sind und ob sie noch leben. Aron J. wirkt höflich und gepflegt, spricht relativ gut aber sehr leise deutsch, so dass man ihn kaum versteht. Er sagt, er sei zufrieden und möchte in der Schweiz bleiben.

Text und Fotos: Viviane Schwizer

Antworten