Ein Fussballtrainer als Prophet und Glaubensheld

Diego Maradona und der Trainer der kroatischen Elf Zlatko Dalić trainierten früher Teams in den Arabischen Emiraten. Grund für Martin Stewen, Priester in der dortigen Diaspora, beide Männer genauer auzuschauen: der eine ein «Fussballgott», der andere ein Glaubensheld.

Die Weltmeisterschaft 2018 ist Geschichte. Und Frankreich ist Weltmeister – nicht ganz unerwartet, aber den Kroaten hätte ich es ja auch gegönnt. Shaheen, das emiratische Fussball-Orakel – ein Kamel natürlich – hat daneben gelangt. Wohl Zeit für die Pfanne. Der WorldCup war auch hier in den Wüstenstaaten vier Wochen lang das grosse Thema. In vielen Beizen in Abu Dhabi und auch bei uns im Pfarrsaal wurden täglich alle Spiele übertragen und regelmässig fand sich eine beachtliche Zahl von Zuschauern ein. Die Arabische Wüste hat zu dieser Weltmeisterschaft schliesslich auch einen ganz besonderen Bezug und das liegt unter anderem an zwei Männern, die bei dieser WM in sehr unterschiedlicher Weise aufgefallen sind.

Diego Maradona gehört nun zu jenen Namen, die eigentlich jedes Kind kennt, selbst wenn man gar keine Ahnung von Fussball hat.

Der einstige argentinische Weltklasse-Fussballspieler, zusammen mit Pelé zum Fussballer des 20. Jahrhunderts gekürt, ist heute nur mehr das, was ein Leben jenseits des Gesunden von ihm übrig gelassen hat.

Die Unterstützung seiner Heimatmannschaft in Russland endete auch einmal mehr in einem peinlichen Auftritt, mit dem die ehemalige Fussballlegende auch noch das letzte Bisschen guten Ruf in Grund und Boden wirtschaftete.

Aber Hand auf’s Herz: Kannten Sie den Namen «Zlatko Dalić» vor der WM (ausser Sie sind Kroate/Kroatin)? Nein?  Nun: Er ist seit 2017 Trainer der kroatischen Nationalmannschaft, der das Team in Russland von Erfolg zu Erfolg geführt hat und schliesslich vor dem ganz grossen Ziel scheiterte.

Es ist nicht viel, was diese beiden Fussballmänner miteinander verbindet – für den arabischen Fussball aber spielt es eine Rolle. So haben sie beide über mehrere Jahre zwei gegnerische Fussballmannschaften trainiert, die nur zwei Autostunden voneinander entfernt sind: in der Wüste der Vereinigten Arabischen Emirate.

Diego Maradona war Trainer des Fussballclubs von Fujairah, gelegen am Golf von Oman, am östlichen Rand der Arabischen Halbinsel. Und Zlatko Dalić trainierte von 2014 bis 2017 das Fussballteam der Oasenstadt Al Ain, 130  Kilometer südöstlich von Abu Dhabi.

Nachdem Maradona das Fujairah-Team letztens nicht zu dringend benötigten Erfolgen führen konnte, hat er die Arabischen Emirate Richtung Belarus verlassen. Maradonas glanzvolle Karriere scheint sich mehr und mehr von den himmlischen Gefilden eines Fussball-Gotts in die Unterwelt der Fussballgeschichte hinabzustürzen: In einer Analogie zu Michelangelos «Erschaffung des Adam» im Gebäude des argentinischen Fussball-Club Sportivo Pereyra in Buenos Aires ist zu sehen, wie Maradona an der Stelle Gottes den Fussball-Adam Lionel Messi zum Leben bringt. Das war dann wohl einmal. Das grosse Idol für Generationen junger Argentinier hat sich von einem Vorbild zu einem Schreckbild entwickelt.

Ganz anders der leise Kroate: Dalić’ Spur führt über verschiedene Orte in Saudi-Arabien schliesslich nach Al Ain, wo er das örtliche Team drei Jahre lang erfolgreich coachte. Im vergangenen Jahr wechselte er nach Kroatien, um das dortige Nationalteam auf die WM vorzubereiten. Hier in Abu Dhabi und an anderen Orten in Arabien ist Dalić nun zu einem Helden aus einem ganz anderen Grund geworden.

Während einige seiner  Spieler sich bei der WM (wie vermutlich auch zuvor schon und danach) in üble nationalistische Geschichten verstricken, scheint sich Dalić soweit skandalfrei allein dem Sportlichen des Fussball verschrieben zu haben. Und dem Spirituellen.

In unserer katholischen Diaspora wird alles, was irgendwie nach christlichen Glaubensaussagen ausschaut, sehr genau wahrgenommen. So ist den aufmerksamen Augen der hiesigen Fussballfans auch Dalić’ flüchtige Geste des Kreuzzeichens am Rande des Fussballfeldes während des Halbfinals nicht entgangen. Sein Halt sei sein fester Glaube, materialisiert in einem Rosenkranz, den er beständig in der Tasche trägt, hat der Nationaltrainer in einem Interview mit einem kroatischen Radiosender zu Beginn der WM öffentlich gemacht. Die schüchterne und zurückhaltende Geste des Kreuzzeichens trifft hierzulande in Arabien die Herzen von Christinnen und Christen viel mehr als die theatralischen Glaubensbezeugungen mancher Spieler zu Beginn eines Spiels. Und – klar: Mit seiner ‘arabischen Vergangenheit’ ist Dalić natürlich irgendwie auch ein bisschen «einer von uns», der seinen Glauben innerhalb eines muslimischen Lebensumfeldes gelebt und nicht verloren hat und nun andere ermuntert, ihm gleichzutun. Ein Fussballtrainer als Prophet und Glaubensheld.

Der Weg vom Vorbild zum Zerrbild ist oft kurz. Manchmal wesentlich kürzer als zwei Autostunden.

 

Martin Stewen, Churer Diözesanpriester, zur Zeit im Auslandseinsatz auf der Arabischen Halbinsel mit Wohnsitz Abu Dhabi (mehr hier: www.martinstewen.com)

Über diesen Beitrag

  Abgelegt unter Hintergrund Tags:

Ein Kommentar zu “Ein Fussballtrainer als Prophet und Glaubensheld

  1. Zeno Cavigelli schrieb am :

    Lieber Martin
    Eben habe ich bei mir zu Hause ein Foto aus der NZZ aufgehängt: Maradona in eindeutig handballerischer Pose. Mein Titel für das Bild natürlich „Die Hand Gottes“. Die Ironie ist meine heimliche Geliebte.
    Und gestern habe ich die Perspektiven-Sendung von SRF mit Deinem Bischof Paul angehört. Ich glaube, ihr macht das gut da unten und seid für so viele ein Segen. Dagegen ist ein Zauberkünstler Schall und Rauch.
    Ich wünsche Dir und Deiner arabischen Kirche, und vor allem all den Menschen, die zu euch kommen, alles Gute! Zeno Cavigelli.

Antworten