Dalai Lama: Friedensgebet und Züri-Gschnätzlets

Rahel Walker Fröhlich ist Theologin und hat den Besuch das Dalai Lama in der vordersten Reihe miterlebt. Sie engagiert sich als Vertreterin des Generalvikars im Forum der Religionen und hat das interreligiöse Gebet im Grossmünster mitgestaltet.  Im Folgenden schildert sie, wie sie persönlich den Besuch erlebt hat.

Interreligiöser Dialog setzt Zeichen

Als mich Christoph Sigrist anfragte, ob ich als Vertreterin der Katholischen Kirche im Forum der Religionen das Gebet mit dem Dalai Lama im Grossmünster mitgestalten möchte, habe ich spontan zugesagt. Der interreligiöse Dialog, und noch mehr ganz einfach das Zusammenkommen von Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Religionen ist mir seit vielen Jahren ein wichtiges Anliegen. Gerade in einer Zeit, wo aus religiösen Gründen in Europa Gewalt ausgeübt wird, scheint es mir wichtig, Zeichen zu setzen.

Bedenkliche oder bedenkenswerte Verehrung des Dalai Lama?

Kaum zugesagt, beschlichen mich schon erste Bedenken. Denn die Art der Verehrung des Dalai Lama bei uns im Westen finde ich durchaus bedenkenswert. Das „Gurutum“ ist aus meiner Sicht dem Christentum durchaus fremd.

Wir sind Monotheisten. Wir brauchen keinen geistlichen Lehrer, weil Christus unser Lehrer ist. Wer sich von Gott geführt fühlt, braucht keine anderen Heilsbringer.

Wie soll ich den Dalai Lama ansprechen, etwa mit „Seine Heiligkeit“? Ich bin auch sonst mit der Verwendung von religiösen Titeln sehr zurückhaltend und spreche die Menschen am liebsten nur mit Namen an.

Auch fand ich es seltsam, dass die Redezeit der anderen Religionen auf
5 Minuten beschränkt war, während der Dalai Lama im Grossmünster eine längere Rede halten sollte. Man kann das als Gastfreundschaft sehen, doch auch als nicht ausbalanciertem religiösen Dialog.

Als Frau und Theologin war es mir aber wichtig, bei diesem Anlass präsent sein, da ich aus Erfahrung ahnte, dass die anderen Weltreligionen wahrscheinlich männliche Vertreter schicken würden.

Neugier und Vorfreude

Die Neugier und Vorfreude wuchs, je näher das Ereignis kam. In der Sakristei des Grossmünsters warteten schon der Imam und der Rabbi in ihren farbigen Gewändern auf mich. Zusammen mit Zürcher Politikern warteten wir unter grossem Sicherheitsaufgebot auf den Dalai Lama.

Um Viertel vor Zehn, der abgemachten Zeit, war er jedoch noch nicht angekommen, sondern immer noch in seinem Hotelzimmer.  Jede Minute des Dalai Lama wird von seinem Sicherheitspersonal überwacht. Das Protokoll ist übergenau. Die Sicherheit seiner „Heiligkeit“ geht über alles. Gekommen waren allerdings die Menschen, das Grossmünster war eine Viertelstunde vor Beginn rappelvoll. Wir kirchlichen Vertreterinnen und Vertreter schauten uns belustigt an: normalerweise ist um diese Zeit die Kirche noch leer. Aber eben, wenn der Dalai Lama kommt, wird Zürich plötzlich ganz fromm.

Ankunft des Dalai Lama. Foto: zvg

Ankunft des Dalai Lama. Foto: zvg

Der Dalai Lama sagt Bekanntes – dies aber überzeugend

Nun, der Dalai Lama kam dann doch, und kaum ausgestiegen aus dem Auto, überzeugte er alle Anwesenden mit seinem Charme. Wir empfingen ihn bei der Kirchentüre. Beim Händedruck waren auch meine Bedenken verflogen. Und der positive Eindruck verstärkte sich noch während der Feier im Grossmünster.

Nicht, dass der Dalai Lama viel Anderes gesagt hat als das, was viele Glaubende, wohl aller Religionen, ohnehin schon wissen: dass unsere Taten wichtig seien, dass wir Verantwortung für unsere Welt übernehmen sollen, auch dass der Dschihad im Islam eine innerliche Anstrengung sei, ein inneres Ringen, wussten wohl schon einige interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer. Aber das „Wie“ des Dalai Lama hat mich überzeugt.

Wenn man bedenkt, dass dieser Mann seit Jahrzehnten um die Welt reist, und von vielen Menschen verehrt, wenn nicht vergötzt wird, dann scheint dieser Mensch überraschend menschlich geblieben zu sein. „Sein Leben war das eines Menschen.“ Mir kam dieses Zitat aus dem Philipperbrief (Phil 2,9) in den Sinn, das sich eigentlich auf Christus bezieht.

Angesichts der Aufgaben, welche wir Menschen auf dieser Erde noch zu bewältigen haben, ist diese demütige Haltung möglicherweise gerade das, wovon sich Menschen über die gesellschaftlichen Milieus und religiösen Grenzen hinaus ansprechen lassen.

Und warum nicht einen Menschen ehren, der sein Leben in den Dienst des Friedens stellt, und dafür auf vieles verzichtet?

Höhepunkt: Interreligiöses Gebet

Der Höhepunkt des Anlasses war für mich aber nicht die Rede des Dalai Lama, sondern das interreligiöse Gebet, das ausdrücklich auf Wunsch des Dalai Lama an den Anfang gestellt worden war.

Dalai Lama im Grossmünster. Foto: Dominik Fröhlich

Dalai Lama im Grossmünster. Foto: Dominik Fröhlich

Im Grossmünster, in der Kirche und am Ort, wo Zwingli gewirkt hat, die Bibel ins Deutsch übersetzt wurde, aber auch die Reformation in Zürich in Gang gebracht wurde, an diesem Ort, der auch die Christenzeit gespalten hat, beteten nun verschiedene Religionen friedlich miteinander. Rabbi, Imam, Hinduistin, katholische und reformierte Seelsorgerin, sie kamen zusammen, um symbolisch mit den Zuhörerinnen für den Frieden zu beten. Und dieses Symbol ist in unserer Zeit wirklich friedensstiftend.

Das Grossmünster ist die repräsentative Kirche der Stadt Zürich, und in ihrem Kern hat es Platz für alle Weltreligionen, zumindest in diesem Moment.

Gottes Geist öffnet weiten Raum

Ein weites Bild, ein Raum hat sich mir aufgetan.

Ich realisierte, wie Gottes Geist auch in anderen Religionen wirken kann und alle Menschen guten Willens zusammenführen möchte, in Verschiedenheit, aber in gemeinsamer Zielrichtung. Freude erfüllte mich.

Auch wurde mir bewusst, dass ein historischer Kirchenraum wie das Grossmünster eine andere Wirkung erzielen kann als etwa ein „Haus der Religionen“. Hier kann die Kirche wirklich der Gesellschaft etwas Relevantes bieten, Religionen zusammenführen und wird auch entsprechend geschätzt.

Züri-Gschnätzlets für den Dalai Lama

Beim anschliessenden Mittagessen beobachtete ich als Vegetarierin etwas belustigt, dass der Dalai Lama als buddhistischer Mönch Fleisch isst, Züri-Gschnätzlets, auf seinen ausgesprochenen Wunsch hin.

Der Dalai Lama hat eben begriffen, was schon Paulus gesagt hat: „Allen bin ich alles geworden“. Wer sich den Menschen anpasst, der kann sie für seine Anliegen gewinnen.

Nun, wer jede Nacht wie der Dalai Lama um 03.00 Uhr aufsteht, um für den eigenen inneren Frieden und Ausgeglichenheit zu meditieren, darf gerne auch dann am Mittag schlemmen.

 

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