Begegnung: fundamental, radikal, gewaltlos

Pfarrer Christoph Sigrist über 20 Jahre Forum der Religionen

Die Öffentlichkeit spricht seit zwei Jahrzehnten von der „Wiederkehr der Religion“. Das 20-jährige Jubiläum des Zürcher Forums der Religionen nimmt den gleichen Zeitraum in den Blick. Kein Zufall. Falsch ist, dass Religionen einmal von der Bildfläche abgetreten sind. Wahr ist, dass sich die religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung in der Stadt und im Kanton Zürich in diesem Zeitraum in eine unglaubliche Vielzahl unterschiedlicher religiöser Prägungen ausdifferenziert hat. Drei Folgen wirken sich unmittelbar auf den Kanton Zürich aus:

  • Seit 10 Jahren besucht jedes Kind im Kanton Zürich obligatorisch den Unterricht Kultur und Religion, wo ihm die wichtigsten Einsichten aller Religionen und Konfessionen erschlossen wird: „Teaching in religion about“ (über die Religion lehren) wird ergänzt durch „teaching in religion in to“ (in die Religion einführen): Moscheen, Synagogen, Tempel und Kirchen mit ihren Gemeinden und Gemeinschaften führen die Kinder ihrer Mitglieder in die Praxis des religiösen Lebens ein. Religion ist wie Deutsch in der Schule zu lernen.
  • 2003 besuchten geschätzte 100‘000 Personen das Grossmünster, 2016 besuchten mehr als 550‘000 gezählte Gäste den Kirchenraum. Religion und religiöses Erleben wird nicht mehr exklusiv an institutionelles Erleben von Christsein oder Muslimsein gebunden, sondern an den besonders gestimmten religiösen Raum. Sakraltopografien strukturieren die Stadt- und Landkarte.
  • Verstärkt seit 9/11, also seit dem September 2001, als der mächtigste Mann der Erde die „Achse des Bösen“ beschwor, trat der Islam auf die Bühne der Welt und wurde sogleich in die Spirale von Gewalt und Terror hineingezogen. Die grundlegende menschliche Angst vor dem Fremden wurde zur Angst vor der fremden Religion und mutierte zum Hass gegen den muslimischen Taliban.

Gerade die Folge dieser in den letzten Jahren verstärkten Feindlichkeit gegen den Islam verbindet zwei Phänomene: Die Sichtbarkeit der Religion wird mit einer Gestalt religiösen Lebens überblendet, das radikal, fundamental und voller Gewalt ist. Die Erinnerung an die Opfer in Nordirland zwischen radikalen Katholiken und Protestanten ist noch wach. In Ägypten zerstören fundamentalistische Muslime Kirchen, in Zentralafrika fundamentalistische Christen Moscheen. Die Beschwörung der eigenen „christlichen Werte“ wird zur Kampfparole gegen jüdische und muslimische Mitbewohner.

Das Zürcher Forum der Religionen setzt sich seit 20 Jahren in diesem dramatisch zunehmenden Prozess von Stigmatisierung und Sündenbock-Zuschreibungen für die Begegnung zwischen religiösen Gemeinschaften und Kirchen in zivilgesellschaftlichen Lebensbezügen und politischen Debatten ein. Dabei lässt es sich von der Einsicht leiten, die der Dalai Lama im vergangenen Herbst im Grossmünster als Bruder unter den Schwestern und Brüdern im interreligiösen Friedensgebet eindringlich gefordert hat: Jeder und jede soll in seiner Religion und Glauben bleiben. Es gilt, gewaltlos Frieden unter den Religionen zu bewirken und sich dafür einzusetzen.

Das Zürcher Forum der Religionen hat sich zum Ziel gesetzt, „das friedliche Zusammenleben im multikulturellen und multireligiösen Kanton Zürich zu fördern.“ Dabei spielt die Begegnung eine zentrale Rolle:

  • Die Begegnung zwischen den religiösen Gemeinschaften im Kanton Zürich ist radikal an der Basis orientiert. Menschen in ihrem religiösen Zusammenleben treten zu zentralen Themen ihres Glaubenslebens wie Ritualen, heiligen Düften, Essen, Gebeten und geweihten Gegenständen in den Dialog.
  • Die Begegnung ist fundamental am anderen, am Fremden orientiert. Das Leben und Erleben des Fremden leitet das eigene Interesse und ist normativ für das eigene Handeln und Verhalten. Der Gast wird nicht nur in der jährlich durchgeführten Woche der Religionen zum Gastgeber in fremden Räumen, der Gastgeber wird zum Gast in den eigenen vier Wänden.
  • Die Begegnung ist gewaltlos. Die Veranstaltungen wie auch die zunehmenden Beratungen von Gemeinschaften und Einzelnen sind geprägt von einer Haltung der Bitte, des Respekts, des Interesses und der Arbeit, im Dialog zu überzeugen, statt in Machtfülle zu befehlen.

Daraus folgt für die Arbeit des Zürcher Forums der Religionen aktuell und auch in Zukunft:

  • Wir plädieren für reale Begegnungen face to face auf Augenhöhe und verurteilen vereinnahmende Stellungsnahmen von oben herab.
  • Wir plädieren für die Subjektivität jeder religiösen Haltung und verurteilen die Instrumentalisierung zugunsten eigener Zwecke und Absichten.
  • Wir plädieren für einen achtsamen und differenzierenden Umgang mit Menschen fremder Kulturen und Religionen und verurteilen jede Form religiöser Gewaltzuführung und religiöser Sündenbock-Stigmatisierung.

Diese Arbeit ist für Kirchen und religiöse Gemeinschaften ein Dauerauftrag, denn religiöse Überzeugungen entwickeln und verändern sich. So stehen sie auch immer neu in Gefahr, instrumentalisiert zu werden, wie es die aktuelle mediale Empörungskampagne zeigt, die von bestimmten politischen Kräften und ihren selbsternannten „Expertinnen“ und „Experten“ befeuert wird.

Christoph Sigrist ist Pfarrer am Grossmünster und Präsident des Zürcher Forums der Religionen 

 

 

 

 

«Der Mensch hat sich selbst – seit seinen Anfängen – mit Hilfe des anderen Menschen kennengelernt. Durch die Spiegelung des Anderen konnte er sich selbst sehen. Ich bin fest vom gemeinsamen Schicksal der verschiedenen Religionen und Kulturen überzeugt, das gleichsam durch Zusammenarbeit und Verschiedenartigkeit geprägt wird. Auf diesem Weg durfte ich zehn Jahre im Forum der Religionen mit vielen wunderbaren Mitstreiterinnen und Mitstreitern zusammenarbeiten. Mit Menschen, die sich unermüdlich für Zürich, unsere gemeinsame Zukunft in Frieden und gegenseitigem Respekt engagieren.»

Screenshot SRF Rundschau

Screenshot SRF Rundschau

Sakib Halilovic, Imam der Islamischen Gemeinschaft Bosniens in Schlieren

 

 

 

 

«Für die IIsraelitsiche Cultusgemeinde ist die Mitgliedschaft im Forum eine Notwendigkeit und Bereicherung. Es ist für die Mitglieder unserer Einheitsgemeinde eine Selbstverständlichkeit, im Dialog mit anderen Religionen zu stehen. Gemeinsame interreligiöse Events, die das Forum organisiert, führen dazu, Menschen bewusst zu machen, dass wir im Glauben Gemeinsames, aber auch Trennendes  haben, und diese neuen Blickwinkel  sollen wir kennenlernen und respektieren. Dass wir uns gegenseitig im Forum unterstützen, ist ebenfalls eine wichtige Aufgabe und schweisst uns als interreligiöse Gruppe zusammen.»

Ruth Gellis, Israelitische Cultusgemeinde Zürich

Antworten