Muslimische Seelsorge live in Zürich

Muslimische Seelsorge gibt es in Zürich seit mehr als zehn Jahren. In Notfällen steht Imam Muris Begovic in vielen Spitälern und auch der Polizei als Ansprechperson zur Verfügung. Im Blog gibt er Einblick in sein Wirken.

Imam Muris Begovic unterwegs in Zürich FOTO_zhkath

Bei Fragen zur muslimischen Seelsorge, Betreuung von muslimischen Patientinnen und Patienten oder allgemeinen Fragen zum Islam stehe ich seit über zehn Jahren den öffentlichen Institutionen im Kanton Zürich zur Verfügung. Ohne dies jemals gezielt geplant zu haben, wurde ich in vielen Spitälern zur Ansprechperson und übernahm die Verantwortung. Meine Unterstützung wird angefordert, wenn jemand verstorben ist, oder auch wenn der Tod kurz bevorsteht.

Todesfall mitten in der Nacht

Mitten in der Nacht läutet das Handy. Aus dem Schlaf gerissen, schaue ich auf das Display und stelle fest, dass eine unbekannte Nummer anruft. Ich nehme das Gespräch an. Auf der anderen Seite meldet sich die Kantonspolizei Zürich. Der Polizist erklärt mir kurz worum es sich handelt und bittet mich, so rasch wie möglich zu kommen.

In diesem Fall handelt es sich um eine Frau, die kürzlich geheiratet hat und seit einigen Monaten in der Schweiz lebt. Die einzige Person, die sie hier kannte und mit der sie sich verständigen konnte, war ihr Ehemann. „Der Ehemann ist vor wenigen Stunden verstorben und die Frau ist ganz alleine da“ sagt der Polizist am Telefon.

Muttersprache, Tee und Koran

In der Wohnung angekommen, treffe ich im Wohnzimmer zwei Frauen an. Die eine weint ununterbrochen, die andere sitzt einfach daneben und tröstet sie ohne ein Wort zu sagen. Sie steht auf, begrüsst mich und stellt sich als Nachbarin vor. Ich begrüsse die weinende Frau in unserer gemeinsamen Muttersprache und für einen Sekundenbruchteil nehme ich in ihren Augen eine Erleichterung wahr.

Sie bricht wieder in Tränen aus und beginnt zu erzählen. Wie sie wie immer zu Bett gegangen sind und dann ihr Mann ohne irgendein Anzeichen gestorben ist. Sie raucht eine Zigarette nach der anderen. Ich merke, dass sie erschöpft ist und ihre Kehle ausgetrocknet. Ich bitte sie in die Küche, damit ich ihr dort einen Tee zubereiten kann.

Manchmal ist es ein Wort, dann eine Tasse Tee oder ein Glas Wasser. Und manchmal einfach das Aushalten des Schweigens. Es ist in diesen Momenten der Stille unterstützend, jemanden an seiner Seite zu wissen, der bereit ist, diesen Moment mitzutragen.

Dann wird die Stille gebrochen und es wird meistens eine Frage oder Bitte geäussert. Oft ist es die Bitte, ein Gebet zu sprechen oder den Koran zu rezitieren. Ich habe gelernt, dass es in solchen Momenten wichtig ist, darauf zu warten, dass dieses Bedürfnis von der betroffenen Person geäussert wird.

Mitfühlen, nicht mitleiden

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo ich mich wieder verabschiede und zurückziehe. Ich fahre zurück nach Hause und all die Bilder der letzten zwei oder drei Stunden sind präsent. Sie sind so real, als wäre ich noch immer in dieser Wohnung und als ob das Leid der Frau zu meinem Leid geworden ist. Zuhause angekommen gehe ich sofort ins Bad und stelle mich unter die Dusche. Ich fühle eine grosse Last und verspüre das Bedürfnis, diese Last von mir wegzuwaschen.

Das Leid des anderen ist nicht mein Leid. Es wird mir klar, dass ich mitfühlen und nicht mitleiden soll.

Ich verspüre eine Erleichterung und bin wieder bei Kräften und dankbar, in dieser schwierigen Situation einem Menschen beigestanden zu haben.

Der Einsatz ist noch lange nicht zu Ende

In der schwierigen Situation, in der aus dem Schweigen das Bedürfnis erwachte, ein Wort aus dem Koran zu rezitieren, war ich da. Und am nächsten Tag geht es weiter mit ganz praktischen Fragen: Wer macht die Totenwaschung? Wer hält und leitet das Totengebet? Warum kann der Verstorbene nicht hier begraben werden? Wer organisiert die Überführung ins Heimatland?

So viele Fragen sind zu beantworten. Mein Einsatz ist noch lange nicht zu Ende.

Imam Muris Begovic beim Tag der offenen Tür in der Moschee

Muslimische Seelsorge in Zürich: Kanton, katholische und reformierte Kirchen und VIOZ ziehen am gleichen Strick

Zusammen mit der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) und mit Unterstützung der reformierten und katholischen Kirche hat der Kanton eine Trägerschaft gegründet, die die muslimische Seelsorge bereitstellt. Damit soll für die gegen 100‘000 im Kanton lebenden Einwohnerinnen und Einwohner muslimischen Glaubens der Zugang zu Notfall- oder Spitalseelsorge ermöglicht werden. Medienmitteilung und Medienkonferenz des Kantons finden Sie hier.

In einem Interview mit der NZZ erzählte er von seinem Engagement und wie man dem Extremismus entgegenwirken will.

Imam und Muris Begovic_Foto: kathch

Muris Begovic Imam und Islamwissenschaftler. Er leitet das Projekt Qualitätssicherung der Muslimischen Seelsorge in öffentlichen Institutionen im Kanton Zürich und ist Geschäftsstellenleiter der Vereinigung der islamischen Organisationen Zürich (VIOZ).

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