Krankheit als Spiegel der Gesellschaft

„Faul, mühsam, unattraktiv“:  So hart fallen unsere Urteile aus, wenn jemand aus der Rolle fällt und in unserer Angeber-Gesellschaft die hohen Erwartungen nicht erfüllen kann. Dass sich dahinter auch seelische Erkrankungen verbergen, setzte kürzlich eine Kampagne der Sozialversicherungsanstalt SVA plakativ ins Bild.

SVA-Kampagne_twoface

Tabuthema Psychische Erkrankung

Da schauen uns knallige Gesichter an. Wer jedoch genauer hinsieht, erkennt, dass das Lachen gar kein echtes Lachen ist und alles Bunte nur die Schattenseiten überdeckt. Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (OBSAN) geht im Bericht 2016 davon aus, dass 18 von 100 BewohnernInnen der Schweiz von relevanten psychischen Erkrankungen betroffen sind. 30% haben depressive Symptome. Doch darüber sprechen wollen wir nicht. Ein ungeschriebenes Gesetz lautet: Du hast fit, dynamisch und sexy zu sein.

Der altbekannte Satz, dass ein Indianer keinen Schmerz kennt, lautet in der heutigen Zeit: Dein Selfie kennt keinen Schmerz!

Verdrängen kommt teuer zu stehen

Je mehr eine Gesellschaft seelischen Krankheiten aus ihrer Mitte verdrängen will, umso drastischer zeigen sie sich allerdings am Rande: in den überfüllten psychiatrischen Kliniken, Kriseninterventionszentren, Entzugsstationen und Frauenhäusern.

Vielfach melden sich seelische Krankheiten auch als somatische Erkrankungen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, bei denen keine Schmerztablette mehr hilft und auch die teuersten Abklärungen ins Leere laufen.

Psychische Erkrankungen überdecken das wahre Gesicht

Die Kampagne der SVA «Psychische Erkrankungen überdecken das wahre Gesicht», trifft voll ins Schwarze! Die Kampagne ruft ins Bewusstsein, dass wir einerseits unser „wahres Gesicht“ voreinander verbergen und überspielen, andererseits uns aber danach sehnen, diese Krankheiten zu überwinden, um unserem ursprünglicheren Wesen wieder näher zu kommen. Wir alle wollen doch fröhlich und frei von Leiden durch das Leben gehen!

Die Botschaft des Glaubens

Jeder Mensch hat eine wunderschöne, gewollte und auf Heil ausgerichtete Seele: Das ist die Botschaft des Glaubens. Der Trost und Weg, der darin verheissen ist, sollte Ausdruck mitmenschlicher Zuwendung aller sein und nicht nur ein besonderer Auftrag der kirchlichen Angestellten.

Der Anteil psychiatrischer Krankheiten nimmt beständig zu und führt zu steigenden IV-Kosten. Die SVA will mit ihrem eindrücklichen Plakatauftritt einen Beitrag zum Senken dieser Kosten leisten. Die Erkenntnis hat sich durchgesetzt, dass Prävention wortwörtlich not-wendig ist und nicht nur die Versicherungen entlastet, sondern auch zu mehr Lebensqualität für alle führt.

Krankheit als Spiegel für die Gesellschaft

Darüber hinaus möchten sich Menschen mit seelischen Leiden als einen respektierten Teil dieser pulsierenden Gesellschaft verstehen. Sie wollen ernstgenommen sein – und nicht mittels Diagnosen stigmatisiert und ausgegrenzt werden. Sie möchten ihre Leiden einer Lach- und Spass-Gesellschaft als Spiegel vorhalten.

Die bunten Werbegesichter der SVA Zürich halten uns den Spiegel vor: Und, wie geht es DIR eigentlich wirklich?

 

Sabine Zgraggen ist Psychiatrieseelsorgerin und stellvertretende Dienststellenleiterin Spital- und Klinikseelsorge Zürich. Seit 2005 arbeitet sie als Psychiatrieseelsorgerin und leitet  das katholische Seelsorgeteam der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich. In ihrem Erstberuf war sie als Pflegeexpertin während 10 Jahren auf einer Intensiv-Überwachungsstation tätig.

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