Inklusion und Kirche – Ein Widerspruch?

„Inklusion hat nichts mit mir und uns zu tun, denn ich habe Gottseidank keine Behinderung. Ich kenne auch niemand näher, der behindert ist. Schön, wenn ihr euch „um diese Leute“ kümmert.“ Diese Aussage ist mir während meiner Tätigkeit bei der Behindertenseelsorge schon mehrfach begegnet, auch und gerade in kirchlichen Kreisen.

Ja, schön, dass wir Themen, die wir als unbequem empfinden, auslagern können und hoffentlich nie damit konfrontiert werden. Aber war da nicht auch ein gesellschaftlicher Auftrag, den wir als Kirche haben?

Und plötzlich trifft es mich

Ich wage zwei Herangehensweisen, die den Blick über den Tellerrand hinaus anregen wollen. Wie wär es damit?

  • vielleicht springt mein Sohn morgen vor ein Auto,
  • vielleicht deuten meine Augenschmerzen auf eine nahende Erblindung hin.
  • vielleicht erkrankt mein Mann in den nächsten 5 Jahren an einer Depression
  • vielleicht wird mein Vater einen Schlaganfall bekommen und auf einen Rollstuhl angewiesen sein.

4% der Behinderungen sind angeboren, 96% der Behinderungen sind im Laufe des Lebens entstanden, durch Unfälle oder Krankheit. Ich möchte zu keiner Schwarzmalerei motivieren und doch lohnt der Gedanke, sich für einen Moment in die mögliche Welt von Menschen mit einer Behinderung einzufühlen.

Hindernis Türe_FOTO_Arnold Landtwing

Hindernis Türe_FOTO_Arnold Landtwing

Unnötige Sorgen oder neue Bedürfnisse?

  • Wie müsste die Welt dann aussehen, dass ich sie trotzdem als lebenswert empfinde und ein gutes Leben darin führen könnte?
  • Hätte ich andere Bedürfnisse in Bezug auf ÖV und Nutzung von Räumlichkeiten?
  • Wie würde ich mir wünschen, dass mein Umfeld auf die veränderten Umstände reagiert?
  • Könnte ich meine Spiritualität weiter leben?
  • Hätte ich vielleicht sogar ein grösseres Bedürfnis nach Zugehörigkeit zur Kirche, zu meiner Pfarrei?

Nun könnten Sie sagen, all das ist bis jetzt nicht eingetreten und warum soll ich mir unnötige Sorgen machen. Es geht nicht darum, sich Sorgen zu machen, sondern zu bedenken, dass sich plötzlich aus Veränderungen andere Bedürfnisse ergeben können.

Wir haben alle unsere Grenzen

Und so ganz ohne Behinderung sind wir ja alle nicht unterwegs:

  • Mein räumlicher Orientierungssinn entspricht dem Frauenklischee. Einmal ausgesetzt, bedarf ich der breiten Unterstützung von freundlichen Menschen, die mir auch um die fünfte Ecke noch den Weg weisen.
  • Meine Kollegin ist notorische Zuspätkommerin.
  • Mein Studienkollege bekommt einen roten Ausschlag im Gesicht, sobald er vor einer Gruppe reden soll.
  • Seine Freundin hat unzählige Ängste, was ihrer Tochter alles passieren könnte und hält sie davon ab, für sie wichtige Erfahrungen zu machen.

Werte ich durch diese „kleinen“ Behinderungen nun Frauen und Männer mit „grösseren“ Behinderungen ab? Wann sind Behinderungen klein und wann sind sie gross? Fühlen sich Menschen mit einer „grösseren“ Behinderung ernst genommen, wenn ich mit meinen kleinen Nöten komme? Oder empfinden manche ihre Behinderung gar nicht als einschränkend, weil damit auch Gaben verbunden sind?

Ich wünsche mir, dass diese Überlegungen gar nicht so wichtig sind. Viel lieber betone ich das Verbindende als das, was uns trennt. Wir alle haben Schwächen und Stärken, manche sind sichtbar, manche weniger. Und alle versuchen wir, ein möglichst gutes Leben zu führen.

Wichtiger ist für mich geworden, was ich dazu beitragen kann, dass jeder einen guten Platz in dieser Gesellschaft und auch in dieser Kirche, in seiner Pfarrei bekommt.

Die Botschaft Jesu basiert seit so vielen Jahrhunderten (neben dem vielen Unheil, welche ihre Interpretation angerichtet hat und leider immer noch anrichtet) auf dem Satz:

Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.

So einfach die Aussage, ohne wenn und aber, so schwer fällt uns seine Umsetzung. Jesus hatte wohl ein besonderes Interesse an Menschen, die irgendwie anders waren. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Unterschiedlichkeit der Menschen etwas Wertvolles für unsere Kirche ist –  eine andere Wahrnehmung, eine besondere Sicht auf die Dinge, auf das, was das Leben ausmacht, auf das, was uns im Innersten bewegt und zusammenhält.

Du bist gemeint_FOTO_Arnold Landtwing

Du bist gemeint_FOTO_Arnold Landtwing

Unser Auftrag: Position beziehen!

Wir haben einen Auftrag von Seiten der Kirche uns zu positionieren, einzusetzen, zu engagieren, damit alle Menschen einen lebenswerten Platz in dieser Gesellschaft bekommen. Dabei ist es nicht so wichtig, ob die verschiedenen Frauen und Männer einen Platz in der Kirche wollen. Dass sie Platz nehmen könnten, ist wesentlich. Damit dies gelingt, brauchen wir in den Pfarreien vor Ort Menschen, die sich offen für die Begegnung von Menschen in ihrer Verschiedenheit engagieren. Waren dies bisher Beauftragte für Behindertenfragen, nehmen wir sie neu als Inklusionsbeauftragte stärker für die Inklusion in die Verantwortung. Inklusion als gleichberechtigte Teilhabe und Teilgabe aller Menschen, auch am kirchlichen Leben.

Am Freitag, 18. September, wollen wir uns an einer Weiterbildungsveranstaltung mit Inklusionsbeauftragten aus den Pfarreien und allen Interessierten weiter mit dem Thema Inklusion beschäftigen. Wir hören von Erfahrungen aus der Evangelischen Landeskirche Baden/Deutschland und begründen unser Bedürfnis nach einer Namensänderung vom Beauftragten für Behindertenfragen hin zum Inklusionsbeauftragten.

Wir heissen alle  am Thema Interessierten herzlich willkommen!

Weitere Infos und Anmeldung unter www.behindertenseelsorge.ch

 

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