Im Asylzentrum unterwegs mit dem Seelsorger

Wie das manchmal so ist: Seit einigen Tagen weiss ich, dass ich einen Nachmittag mit dem katholischen Seelsorger ins Durchgangszentrum Juch in Altstetten darf, schon scheint mir das Thema überall präsent: In der Zeitung, in den Kindernachrichten „Logo“, die ich mit meiner Tochter schaue. Eine Meldung über einen in der Limmat ertrunkenen Asylbewerber, der auch im Juch gewohnt hat… der internationale Flüchtlingstag war Ende Juni, den Generalvikar Annen in Zürich mit eindringlichen Worten eröffnete. Und die Meldungen werden nicht weniger.

Flüchtlinge sind die Asylbewerber von morgen

Die Thematik geht uns alle an. Das weiss auch die Katholische Kirche im Kanton Zürich und hat bereits im März 2013 – als bekannt wurde, dass in Zürich ein sogenanntes Testzentrum eröffnet werden soll – Geld für eine ökumenische Seelsorge vor Ort gesprochen. Diese Seelsorge begann mit der Eröffnung des Zentrums im Januar 2014.

Ich muss zugeben: So dicht war ich noch nie an der Thematik der Flüchtlinge, als ich mich auf den Weg in das Durchgangszentrum mache. Vom Bahnhof Altstetten nur einen kurzen Fussweg entfernt, liegt es alles andere als idyllisch. Eingepfercht zwischen grossen Gleis-Anlagen, dem Autobahnzubringer und einer grossen Metallbauhalle ist es einfach nur laut. Die Häuser sind ehemalige Arbeiterunterkünfte aus den 60er Jahren – das sieht man ihnen trotz einiger Renovierungsversuche auch an.1-IMG_4403

Eine erste Beklemmung schleicht sich ein, die herzliche Begrüssung durch Jaime Armas, der hier mit einer 30-Prozent-Stelle Seelsorge leistet, kann diese nicht ganz vertreiben. „Ich mache hier Seelsorge durch Gespräche“, erklärt der Theologe und Sozialarbeiter und führt mich über das Gelände. „Hier wohnen rund 300 Menschen, die meisten sind unter 30 Jahre alt und männlich“. Das ist mir auch schon aufgefallen: Alle sind noch so jung, gehen lächelnd und sich begrüssend über die Gelände, sie sehen fast gelöst aus… Ist das so?

„Viele sind froh hier erstmal in Sicherheit zu sein. Sie sind durch die Wüste oder über das Meer gekommen, kommen hier im Winter ohne Schuhe und Jacke an. Das verstehen wir hier gar nicht, was es bedeutet, nichts zu essen und keine Kleider zu haben.“

Die Lippen lächeln, das Herz weint

Und Jaime Armas bestätigt, dass die vielen Menschen hauptsächlich aus Eritrea und Nigeria einfach „lächelnd“ durchs Leben gehen. „ Erst in längeren Gesprächen öffnen sie sich, können weinen oder von schlimmen Erlebnissen auf ihrer Flucht erzählen. Ich gehe auf die Menschen zu, wenn ich sehe, dass es ihnen schlecht geht.“ Einen Raum dafür gibt es derzeit nicht, er ist aber fest eingeplant. „Ich hänge hier genauso ab, wie die Bewohnerinnen und Bewohner auch“, lacht Armas. „Man begegnet sich einfach“. Bei den Töggelikästen, am Fussballfeld, unter den Bäumen, an der Kaffeemaschine, im Fitnessraum…1-IMG_4396

Das scheint für die Seelsorge zu funktionieren. Bei unserem Rundgang spricht der Seelsorger viele Menschen an, wirft ihnen die gelernten Brocken der Sprache Tigrinja zu, die viele der Menschen aus Eritrea sprechen. Einige antworten mit einem lustigen: „Alles gut?“ – gelernt im Deutschunterricht bei Freiwilligen. So auch die jungen Frau aus Eritrea, ich nenne sie hier jetzt Abeba.  Sie ist seit vier Wochen im Durchgangzentrum, ganz alleine, 20 Jahre alt, erzählt schüchtern von einer abenteuerlichen Reise in einem überfüllten Bus und davon, dass sie zu Hause die Schule abgeschlossen hat. Sie lächelt mich an, zeigt ihre Einkäufe aus der Migros und stellt mir als Frau eine dringliche Frage in sehr gutem Englisch: Ob ich wisse, wo sie Haaröl bekommen kann. Die jungen afrikanischen Frauen glätten ihre Haare, das strapaziert diese – also muss Haaröl her. Wir unterhalten uns kurz, dann zieht sie weiter – aber ein Foto machen darf ich noch. Und wo sie Haaröl bekommt, weiss sie nun auch – in der Migros.

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Der Seelsorger verspricht, sie beim Einkauf zu begleiten. Das mache er häufiger, bewusst das Gelände verlassen. Irgendwo ein Cola trinken. Gerade muslimische Männer würden sich schwer öffnen, hätten Angst ihr Gesicht zu verlieren. Erst recht im Asylzentrum Juch, wo es nicht gerade viel Privatsphäre gibt.

„Ich habe viele schlimme Geschichten gehört. Menschen, die nicht in ihrem Beruf arbeiten durften, lange im Gefängnis waren, sich auf der Flucht prostituieren müssen. Manchmal würde ich gern pragmatischer helfen, aber den meisten kann ich nur sagen: Lernt so schnell wie möglich Deutsch.“

Man sieht dem Armas das Bedauern darüber an, aber er weiss nur zu gut, in welchem System er sich bewegt.

„Zum Glück sind alle, die hier arbeiten, sehr kompetent und freundlich, häufig haben sie selbst einen Migrationshintergrund, können viele Sprachen – das ist schon viel wert.“ Das erste Mal fällt der Begriff „Menschwürde“.

Menschenwürde und Alltag

Das Durchgangszentrum ist eigens dafür angelegt, die Verfahren der Asylbewerber zu beschleunigen. So gehört der Gang zur Rechtsberatung an der Förrlibuckstrasse für die meisten Asylbewerbenden zum Alltag. Und schon kommt Gabriel , 37, auf uns zu. „You journalist?“ fragt er und zeigt auf meine Kamera. Wir setzen uns und schon fängt der Nigerianer aufgeregt an, auf Jaime und mich einzureden. In einem schnellen, für ungeübte Ohren schwer verständlichen Englisch redet Emmanuel von Gerechtigkeit, Freiheit, Vorurteilen und einem kleinen Job, den er sich in der Schweiz wünscht. Und von Begegnungen in Zürich: als er den von einem anderen Fahrgast liegengelassenen Rucksack zum Tramchauffeur brachte und dieser nicht glauben wollte, dass er nichts daraus genommen hatte. Von einer Polizeikontrolle an der Langstrasse, bei der einem anderen Bewohner des Zentrums gewaltsam der Mund geöffnet wurde. Immer wieder sagt er:

„We don`t give up! Wir geben nicht auf!“ und „Don`t judge! Urteilt nicht über uns!“

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Das ist ganz schön schwer. Jaime Armas erklärt mir später, dass der junge Mann wahrscheinlich gerade in der Rechtsberatung eine für ihn negative Auskunft erhalten habe und deswegen sehr aufgeregt sei. Genaue Fragen danach will Gabriel aber nicht beantworten. Armas erklärt später:

„Ich weiss, dass die Anwälte in der Rechtsberatung genau überlegen, wann sich ein Rekurs lohnt und wann nicht. Der Frust der Asylbewerbenden bleibt dann oft bei mir und meinen reformierten Kollegen Marcel Cavallo.“

Der Nachmittag ist wie im Flug vergangen, inzwischen wird wieder Fussball gespielt. Der Freiwillige, der Trommelworkshops anbietet, schlendert vorbei. Drei herzige Kinder zwischen drei und sechs Jahren streiten um ein rosa Fahrrad und um ein Trotti. Schon das ungefähr dreijährige Mädchen kurvt routiniert zwischen den Baracken auf der Hauptstrasse am Eingang umher. „Wir wollen zeigen, dass die Kirche sich interessiert,“ sagt Jaime Armas. „Das ist ein Zeichen der Solidarität und der Nächstenliebe.“

Allerdings: Wenn dann wieder einer der Bewohner unangekündigt früh um 5 Uhr abgeholt wird, um ausgeschafft zu werden, stellt sich auch der Seelsorgende wiederum die Frage nach der Menschenwürde. Er zuckt die Schultern – ein wenig enttäuscht und resigniert aber auch hoffnungsvoll, hat er doch festgestellt, dass die Gesellschaft inzwischen auch das Flüchtlingsproblem als eines ansieht, das alle angeht. Und etwas anderes hat er mit den offenen Augen und Ohren schon festgestellt:

„Die Hoffnung auf ein besseres Leben verliert keiner hier, egal ob er oder sie an Allah oder Gott glaubt“.

 

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