Gehört der Islam zur Schweiz?

An dieser Frage entzündet sich die Schweiz. Dabei ist die Frage doppelt falsch und führt zu dummen Antworten, meint die neue Nationalrätin Irène Kälin (Grüne). Mit ihr zieht erstmals eine Religionswissenschaftlerin und Islamspezialistin ins eidgenössische Parlament ein. Gestern in Bern vereidigt, heute schon in unserm Blog.

Erstens kann man nicht darüber befinden, ob etwas dazugehört, das längst da ist. Selbstverständlich gehören unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger dazu. Sie sind längst Teil der Schweiz.

Zweitens gibt es DEN Islam nicht. Religionen sind niemals ein Singular und entstehen letztlich erst durch die Menschen, welche eine Religion leben. Das Phänomen Islam ist plural und heterogen wie alle religiösen Phänomene.

Die Politik bringt uns in Teufels Küche

Seit Jahren macht die SVP polemische Politik auf dem Rücken von Minderheiten, die Muslime eignen sich dazu besonders. Denn seit auch Alice Schwarzer den Islam als den Quell des patriarchalen Übels identifiziert hat und sich Journalisten wie Frank A. Meyer zu selbsternannten Islamkritikern im Namen der Frauenrechte gemausert haben, verhärten sich die Vorurteile gegen Muslime. Auch die CVP ist unter der Federführung von Gerhard Pfister auf den islamophoben Zug aufgesprungen und hat im Zuge einer ausgrenzenden Wertedebatte befunden, dass der Islam nicht zur Schweiz gehöre.

Nun erhebt zwar der Parteipräsident der SP die Gegenstimme. Mit einer Roadmap für einen Schweizer Islam wirbt er für die Anerkennung des Islams. Das ist zunächst  erfreulich und gleicht einem Befreiungsschlag. Aber bei genauem Hinsehen wird mir auch da etwas flau in der Magengrube.

Was soll ein Schweizer Islam sein? Offenbar hat es etwas mit einer modernen Auslegung des Korans zu tun. Nun, es wäre mir neu, dass der religionsneutrale Staat den Inhalt oder die Auslegung einer Religion vorwegnimmt.

Wenn ich darüber nachdenke, was ein Schweizer Islam sein soll, dann bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten, es sei denn, die SP will uns wirklich in Teufels Küche schicken. Entweder handelt es sich beim Schweizer Islam um den Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS), denn einen schweizerischeren Islam kann ich mir kaum vorstellen als einer, der von Schweizer Konvertiten gepredigt wird. Eine andere Möglichkeit ist, dass mit dem Schweizer Islam das gemeint ist, was hier lebende Muslime als ihren Glauben praktizieren und leben, die Vielfalt des Islams in der Schweiz. Nur braucht es dann keine Roadmap, denn diese Vielfalt ist schon Realität.

Nun, die Debatte um den Islam scheint verrannt. Entweder werden die Muslime missbraucht, um diskriminierende Ausgrenzungspolitik zu betreiben, oder sie werden als Gegenspieler einer vermeintlichen christlichen Kultur dargestellt. Der angekündigte Befreiungsschlag der SP, der auf den ersten Blick so gut tönt, lässt bei genauem Hinsehen daran zweifeln, ob wir damit nicht die religiöse Neutralität unseres Staates aufs Spiel setzen.

Man stelle sich nur vor, wir müssten ein Schweizer Christentum definieren. Wäre das dann die Hetze des katholischen Bischofs Huonder gegen Geschlechtergerechtigkeit, oder eher der Kampf für Gerechtigkeit des reformierten Pfarrers Sieber oder doch die christkatholische Kirche, die auf Schweizer Boden gewachsen ist?

Wir kennen ein gutschweizerisches Rezept

Dabei sollten wir als Schweiz, von jeher ein Land der Minderheiten, wissen, wie wir als Land von Minderheiten zusammenleben. Mit der öffentlich-rechtlichen Anerkennung haben wir dazu ein Instrument, das sich in der Vergangenheit bewährt hat. Mit der Anerkennung – so unpassend der Name sein mag, da Anerkennung nichts ist, worum man ersuchen müssen sollte – wurde im Zuge des Sonderbundkriegs das friedliche Zusammenleben zwischen Katholiken und Protestanten gesichert. Mit der Anerkennung wurde später in einigen Kantonen der jüdischen Gemeinschaft ein Platz in der Gesellschaft zugestanden. Ich sehe keinen Grund, das Modell der Kooperation zwischen Staat und Religion nicht auf weitere religiöse Traditionen auszudehnen.

Einfach gesagt gehört der Islam zur Schweiz und es bleibt zu hoffen, dass er in seiner Vielfalt Anerkennung findet. Man stelle sich vor, man würde den christlichen Denominationen sagen, sie müssten sich auf eine einzige Schweizer Version des Christentums festlegen!

Selbstverständlich liegt es an uns, Regeln zu definieren, die eine Religionsgemeinschaft, so sie anerkannt werden will, erfüllen muss, so wie wir das bei den bereits anerkannten Religionsgemeinschaften auch gemacht haben. Das hat mit der Auslegung des Korans aber genauso wenig zu tun, wie mit der Lesart der Bibel. Ein freiheitlicher Staat muss es aushalten, dass jemand seine Religion so interpretiert, dass eine Frau aus religiöser Überzeugung ein Kopftuch, eine Perücke oder eine Haube trägt.

Transparenz und Rechtsstaatlichkeit stehen nicht im Widerspruch zu einer orthodoxen Auslegung religiöser Quellen – und das gilt für alle religiösen Traditionen gleichermassen.

Irène Kälin (30) aus Lenzburg AG sitzt seit gestern für die Grünen im eidgenössischen Parlament. Die studierte Religionswissenschaftlerin und Islamexpertin ersetzt dort den zurückgetretenen Jonas Fricker.

 

Ein Kommentar zu “Gehört der Islam zur Schweiz?

  1. Das Rezept „öffentlich-rechtliche Anerkennung“ stammt aus einer Zeit, in der „man“ öffentlich entweder der katholischen, christkatholischen, reformierten oder jüdischen Gemeinde anzugehören hatte.
    Heutzutage betrachten laut Ergebnissen der Religionswissenschaft die meisten Menschen Religion als Privatsache. Lediglich 10-15 Prozent identifizieren sich mit religiösen Institutionen – und das quer durch alle religiösen Bekenntnisse.
    In dieser Zeit weitere religiöse Institutionen öffentlich-rechtlich zu anerkennen (und ihnen womöglich noch entscheidende Integrationskraft zuzuschreiben), ist anachronistisch.

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