Flüchtlinge: Alltag und Verantwortung im Tal lassen

Mit dem Sessellift luftig in die Höhe schweben, Alltag und Verantwortung im Tal lassen: Dieses wunderbare Gefühl erlebten für eine kurze Zeit Shadia, Ragda und Aisha.* Die Kinder wurden während dessen von den Vätern und Freiwilligen im Tal betreut.

Drei mit ihren Familien in die Schweiz geflüchtete Mütter tauschen sich aus. Foto: zVg

Drei mit ihren Familien in die Schweiz geflüchtete Mütter tauschen sich aus. Foto: zVg

Shadia, Ragda und Aisha sind drei Mütter, die mit ihren Familien in die Schweiz geflüchtet sind und im Kanton Zürich ein neues Zuhause gefunden haben. Sie verbrachten zusammen mit 27 anderen Flüchtlingsfamilien eine Ferienwoche in Churwalden.

«Ab in die Berge». Unter diesem Motto stand die Ferienwoche. «Highlights» waren der Ausflug mit der Sesselbahn auf den Pradatschier und ein Spaziergang zum Heidsee. Auch der Besuch der Kirche in Churwalden mit Orgelkonzert und der Besuch der Kathedrale in Chur mit Stadtbummel durch die Altstadt stiess bei den Erwachsenen auf grosses Interesse. Die Kinder genossen vor allem das Kinderprogramm und den grossen Spielplatz rund um die Unterkunft Pradotel.

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Neben Ausflügen boten die sechs Tage auch Raum für persönliche Begegnungen, für Gespräche und Austausch. Die Familien haben auf unterschiedlichen Fluchtwegen die Schweiz erreicht und im Kanton Zürich ein neues Zuhause gefunden.

Nour* aus Syrien war wochenlang mit ihren Kindern unterwegs, per Boot, mit Zug und Bus und einen grossen Teil zu Fuss bevor sie vor sieben Monaten die Schweiz erreichten. Auf einem Spaziergang zeigt sie auf ihre Schuhe: Mit einem Lächeln sagt sie: «Diese Schuhe habe ich in der Türkei gekauft, sie haben mich durch verschiedene Länder getragen.»

Von der eigenen Kultur, vom eigenen Hintergrund erzählen: Das war auch für mich als Mit-Leitende und Programm-Verantwortliche des ökumenischen Projekts spannend … und gar nicht immer so einfach. Warum spazieren wir rund um den See wenn es auch einen kürzeren Weg gibt? Warum gehen wir zu Fuss auf einen Berg? Wie erziehen wir unsere Kinder? Warum leben so viele Leute allein?

Aisha lebt seit neun Monaten mit ihrer Familie im Kanton Zürich. Ihr Asyl-Gesuch wurde angenommen und die Familie erhielt den Flüchtlingsstatus. Aisha und ihr Ehemann verständigen sich schon sehr gut auf Deutsch. Das Meiste haben sie im Gratis-Deutsch-Unterricht in der Autonomen Schule gelernt und sich im Selbststudium beigebracht. Aisha sagt: «Was wir jetzt brauchen, um besser Deutsch zu lernen, ist Kontakt.»

Miteinander reden, einander kennen- und schätzen lernen. Das passierte bei vielen Erwachsenen während der Woche bei den gemeinsamen Aktivitäten, sei es bei den Ausflügen, beim gemeinsamen Aufräumen und Putzen (nach Ämtliplan), beim Deutsch-Unterricht am Vormittag oder durch die neu geschlossenen Freundschaften der Kinder.

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Zurück im Alltag

Ich habe in dieser Ferien-Woche keine Zeitung oder online-news gelesen, keinen Blog oder tweet angeschaut. Zurück im Alltag wird mir erneut deutlich bewusst, dass das Wort Flüchtlinge meist im Plural in aller Munde und in jeder Zeitung ist.

Es wird öffentlich darüber debattiert, was Flüchtlinge nun alles brauchen, dürfen, müssen, sollten – oder eben auch nicht. Gleichzeitig erscheint die Gruppe von Menschen, die dieses Wort beschreiben will, immer homogener.

Aber Flüchtling zu sein ist keine Identität, es ist ein Zustand. Dahinter stehen Menschen, unterschiedliche Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Mit einem Recht auf Normalität und dem Recht als Person wahrgenommen zu werden. Unterstützen wir diese Menschen, damit sie Wurzel fassen können. Respektieren wir ihren Mut und ihre Kraft. Viele Pfarreien und Kirchgemeinden engagieren sich mit Begegnungscafés, Treffpunkten und anderen Aktivitäten. Das ist ein guter Schritt in die richtige Richtung.

Wie Aisha sagte: «Was wir jetzt brauchen, ist Kontakt.»

* Namen geändert

Text: Priska Alldis
Bilder: zVg

Priska Alldis. FOTO WIDER

Priska Alldis. Foto: Christoph Wider

Priska Alldis
Leiterin der Fachstelle Flüchtlinge bei Caritas Zürich seit 2016

 

 

 

 

 

Die Ferienwoche für Flüchtlinge wurde organisiert von der reformierten Landeskirche Kanton Zürich in Zusammenarbeit mit der Caritas Zürich/Fachstelle Flüchtlinge und dem solinetz. Freiwillige engagierten sich für die Leitung, die Gestaltung des Programms und in der Küche. Finanziert wurde die Woche durch Spenden und Sponsoring. Kirchgemeinden und Pfarreien übernahmen die Teilnehmer-Beiträge. 2017 ist wieder eine Ferienwoche geplant.

 

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