Den Blick auf die Welt schärfen

Oft fehlen uns die Worte angesichts der Missstände und Ungerechtigkeiten der Welt. Die mediale Bilderflut ist überwältigend, erschreckend und hinterlässt ein Gefühl der Hilflosigkeit; und – seien wir ehrlich – wir alle verspüren hin und wieder das Bedürfnis wegzuschauen, einen ruhigen Ort zu finden, fernab vom lauten Getöse, den Gräueln und Schandtaten der Welt. Gerade aus diesem Grund glaubt Sascha Lara Bleuler, Direktorin Human Rights Film Festival Zurich fest an die Kraft des Kinos und schreibt für unseren Blog.

Geschichten packen und berühren

Ich glaube an das aufwühlende Potential von eindrücklichen Filmen, die uns entgegen aller inneren Widerstände zum Hinschauen bewegen. Geschichten und Lebenswelten, die uns packen, wachrütteln und letztendlich tief berühren. Auch brauchen wir inspirierende Gespräche, um das Gesehene zu verdauen, zu kontextualisieren, in Frage zu stellen und zu ergänzen. Mit dem Human Rights Film Festival will ich versuchen mit einer differenzierten Filmauswahl und Debatten rund um das Thema Menschenrechte beiden Notwendigkeiten gerecht zu werden.

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Sascha Lara Bleuler, Direktorin Human Rights Film Festival Zurich

Können Filme die Welt verändern?

Es mutet naiv an zu denken, dass Filme die Welt verändern können. Doch sei uns ein bisschen Hoffnung und Naivität erlaubt in dieser, von gesellschaftlichen Umwälzungen geprägten Zeit.

Gebeutelt von einem Jahr verstörender Entwicklungen und einer Medienflut, die uns kaum durchatmen lässt, sehnen wir uns nach etwas Ordnung, nach Durch- und Weitblick und differenzierten Sichtweisen.

Unsere Filmauswahl möchte dies bieten. Das Human Rights Film Festival Zurich will sich als Begegnungsort etablieren, wo alljährlich – zeitlich nahe dem Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember – starke und eigenwillige Filme gezeigt werden.

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Ich wurde ein paar Mal gefragt, ob dieses Festival durch seinen thematischen Fokus denn nicht allzu bedrückend sei. Obwohl ich zugegeben nicht selten weinen musste beim Vorvisionieren der Filme, möchte ich dem entgegenhalten: Nein, ganz und gar nicht.

Die zwanzig Spiel- und Dokumentarfilme der diesjährigen Ausgabe erzählen von Kämpfern und Hoffnungsträgern und davon, dass Widerstand gegen willkürliche und strukturelle Gewalt schmerzhaft, aber auch kreativ und lustvoll sein kann.

Das Festival ist ein Plädoyer für die Menschlichkeit und ein Versuch, durch die Kraft des Kinos den Widrigkeiten der Welt etwas entgegenzusetzen. Es muss heftig geträumt werden, bevor sich der Fokus ändert, das Verschwommene deutlich wird und die Wahrnehmung sich verschiebt.

Wie es die Heldin unseres Eröffnungsfilms Divines tut. Vor der grauen Kulisse der Pariser Vorstädte strampelt sich Dounia von gesellschaftlichen Einschränkungen frei, indem sie vor ihrem geistigen Auge das Auto ihrer Träume heraufbeschwört – bis auch wir von ihrer Vision erfüllt sind und die Haare im Fahrtwind flattern fühlen.

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Kinosaal als kulturelle Verpflichtung

Auch wünsche ich mir ein Festival nicht nur für die „ohnehin Überzeugten“, sondern dass unsere Themen das Denkvermögen jedes einzelnen anregen und uns daran erinnern, unsere politische Verantwortung wahrzunehmen.

Filme gemeinsam im Kinosaal und nicht einsam vor dem Laptop erlebbar zu machen, halte ich nach wie vor für eine kulturelle Verpflichtung.

Sehen. Hören. Reden. Handeln

Sehen wir hinein, in aufregende, manchmal Angst einflössende Lebenswelten, hören wir hin bei leidenschaftlichen Diskussionen und reden wir mit. Nehmen wir – ganz im kämpferischen Sinne von Max Frisch – unsere politische und gesellschaftliche Verantwortung des kritischen Bürgers wahr und vermählen wir sie mit unserer Leidenschaft für die siebte Kunst.

Ich wünsche ein erhellendes Festival,

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Sascha Lara Bleuler
Direktorin Human Rights Film Festival Zurich

director@humanrightsfilmfestival.ch

 

 

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