Wo ist in der Kirche Platz für Junge?

Das «Chile Festival» vom Wochenende will Impulse setzen für eine junge Kirche. Jugendarbeiter Simon Brechbühler über austretende Jugend, gescheite Papiere und Rückbesinnung auf Begleitung statt Belehrung.

Die Jugend flieht vor der Kirche! Sie rennt uns seit Jahren regelrecht davon. Im Gegensatz zur reformierten Kirche kann die katholische Kirche die Austrittszahlen durch die Zuwanderung katholischer Migranten und Migrantinnen noch kaschieren. Unter dem Strich lässt sich jedoch die Massenabwanderung junger Menschen aus der Kirche nicht schönreden. Aber anscheinend schmerzen die täglichen Austritte die Kirche noch nicht genügend, um sich wirklich Gedanken zur eigenen Rolle in der heutigen Gesellschaft zu machen.

Tatsache ist: Viele Kirchen sind leer. Die Jugend erreichen wir nicht. Naht uns etwa das Ende der Kirche?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich bin weder Religionssoziologe noch Theologe. Was mir allerdings am Herzen liegt und worin ich meine Berufung als Sozialarbeitender sehe, sind junge Menschen. Der Mensch an sich. Seine Interessen. Seine Wünsche. Seine Neugier. Seine Sehnsucht. Aber auch seine Ängste. Und sein Bedürfnis nach Gesellschaft, Bestätigung und Zugehörigkeit. Die Kirche ist aufgerufen, aber sie hört den jungen Menschen nicht zu. Sie nimmt sie nicht ernst. Sie hat keinen Platz für sie in der Kirche. Und wenn, dann nicht in der ersten Reihe.

Gelehrte Papiere, in Rom während der Jugendsynode verfasst, sind schön und gut. Allerdings bin ich überzeugt davon, dass diese kaum Relevanz für junge Menschen in Zürich haben. Kirchliche Strukturfragen interessieren 99,9 % der Zürcher Bevölkerung unter 35 Jahren nicht.

Kirche muss mit Inhalten überzeugen. Sie muss Themen aufgreifen, welche Junge interessieren und nahe an ihrer Lebenswelt sind.

Denn: Junge Menschen suchen ihre Rolle in der Gesellschaft, haben Fragen zu ethischen Werten oder zu Beziehungsthemen. Gerade bei diesen Themen erreicht die Kirche junge Menschen nicht. Die Kirche sollte die Selbstbestimmung der Menschen akzeptieren, fördern und nicht diese durch ein antiquiertes Machtgehabe untergraben. Menschen sollen in der Kirche leben können. Sich entfalten können. Statt (junge) Menschen erziehen zu wollen, sollten wir uns nach meiner festen Überzeugung darauf besinnen, sie zu begleiten.

Das ist auch der Ansatz bei uns in der täglichen Arbeit im AKJ Zürich-Stadt:  Wir laden ein, bedingungslos Teil einer Gemeinschaft zu sein. Wir laden ein zur Veränderung. Wir laden ein zum Neudenken. Wir laden ein zur Diversität in der katholischen Kirche. Die Jugend soll nicht in ein bestehendes System hineingepresst, sondern als junge Generation selber wachsen und gestalten können.

Ein Beispiel dafür ist das bevorstehende «Chile Festival» in Zürich vom kommenden Wochenende. Ein überkonfessionelles Festival an fünf Standorten in der ganzen Stadt. Kirche zeigt sich hier anders als gewohnt, mit Überraschungen. Das «Chile Festival» möchte ein Versuchslabor sein, das Impulse setzt. Impulse, die dringend notwendig sind.

Es kann nicht mehr so weitergehen wie bisher. Ich wünsche mir, dass wir als Kirche Menschen – nicht nur die Jungen – auf Augenhöhe begegnen. Ich wünsche mir eine christliche Gemeinde in der Stadt Zürich, welche als moderne und fortschrittliche Kirche in die Zukunft geht und Mut zeigt, anders als graue Vorgaben zu sein.

Wir alleine können die Kirche nicht verändern, aber wir können Menschen einladen, dies gemeinsam mit uns zu tun.

Wo stehen Sie? Sind Sie mit dabei?

 

Simon Brechbühler ist ausgebildeter Sozialarbeiter und leitet die Animationsstelle kirchliche Jugendarbeit (AKJ) in Zürich.

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