Sprechende Steine machen Kirche erlebbar

 «Living Stones» nennt sich das Projekt, bei dem junge Erwachsene Passanten durch Kirchen führen, wie seit gut einem Jahr in der Luzerner Jesuitenkirche. Marco Schmid will die Erfahrung von Luzern nach Zürich bringen, wo Kirchenführungen u.a. im Gross- und Fraumünster geplant sind.

Steine zum Sprechen bringen

Living Stones – lebendige Steine – sind besondere Kirchenführungen: Junge, christliche Guides begleiten Gäste auf kunstgeschichtlichen Touren. (hier ein Bericht auf kath.ch aus Luzern) Wir wollen die Steine der Kirche zum Sprechen bringen. Beim Eintritt der Kirche werden die Besucher zu einer gratis Kirchenführung eingeladen. Meist bekommen wir zu hören «Kirchenführung? Gern, aber in zehn Minuten muss ich weiter.» Dann entwickelt sich ein Gespräch über Kunst und Glaube, über Gott und die Welt. Steine haben eine lebendige Geschichte zu erzählen und bringen die Betrachter zum Sinnieren. Genauso „lebendig“ sind wir Guides mit unserer eigenen Geschichte. Dieses Zusammenspiel von menschlichem Wort und gespeichertem Wort der Steine ist faszinierend – und plötzlich haben Menschen Zeit, die eigentlich nur en passant die Kirche aufsuchen wollten.

Marco Schmid, Pastoralassistent in St. Anton Zürich Foto: Vera Rüttimann

Tabuthema Glaube

Man redet in der Schweiz nicht gern über den Glauben. Outet man sich als Christ, gar als kirchlich, hat man schnell den Stempel eines verknorzten, altmodischen Menschen. Living Stones will aber gerade über Religion und Glauben reden. Die Annäherung hingegen läuft über ein Kunstwerk, die Architektur, eine Bibelszene. Das ist viel einfacher, als Gnade, Sünde, Vergebung oder gar Gott zu thematisieren.

Den Glauben ins Spiel bringen

Tatsächlich hatten wir in Luzern zunächst Zweifel, ob unsere Führungen nicht aufdringlich sind. Die Bedenken waren grundlos. Ob Ansässige oder Reisende, Christen, Andersgläubige oder Atheisten – die Angesprochenen zeigen sich sehr interessiert und beginnen, von sich zu erzählen. Vor kurzem stiess ich in der Jesuitenkirche auf zwei junge Iranerinnen. Sie stellten Frage nach Frage, etwa was der grosse Stein vorne zu bedeuten habe – der Altar – und was die Empore mit der engen Treppe – die Kanzel. So kamen wir in einen tiefen interreligiösen Dialog. Das Projekt Living Stones offenbart eine wunderbare Willkommenskultur. Wir geben der Kirche ein menschliches Gesicht, ein Lächeln. Eine grosse Chance in Zeiten, in denen einerseits die Kirchen während Gottesdienstzeiten weniger Besucher anziehen und andererseits kunstgeschichtlich interessante Bauten einen Besucheransturm erleben, der mancherorts nur noch mit einem Ticketsystem geordnet werden kann.

Ein ökumenisches Projekt

Die Idee „Living Stones“ wurde vom Jesuiten Jean-Paul Hernández, Hochschulseelsorger in Bologna, gegründet, und baut auf der ignatianischen Spiritualität auf. Für Living Stones ist es daher etwas Neues in reformierten Kirchen, wie dem Frau- und Grossmünster, Kirchenführungen anzubieten. Das Begleitteam Living Stones Zürich wurde daher von Anfang an ökumenisch mit Vertretern der reformierten, katholischen und christ-katholischen Kirche zusammengestellt. Gesucht werden nun junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren für die Living Stones Gruppe Zürich. Interessierte können am 18. September um 18.00 Uhr in der Augustinerkirche und am 5. Oktober um 17.00 Uhr im Grossmünster Living Stones Führungen erleben und bei einem anschliessenden Abendessen nähere Informationen erhalten. (Anmeldung bis am Vorabend an marcodschmid@yahoo.com)

«Guide for Art and Spirituality»

Ein Living Stones zu werden ist unkompliziert. Kunsthistorisches und theologisches Wissen bringen wir bei. Was die Guides fachlich erzählen, muss stimmen. Sonst lassen wir ihnen grosse Freiheit. Ich sage jeweils: «Brennt für das, was ihr erzählt.» Ganz im Sinne von Papst Franziskus. Der Pontifex, übrigens auch er ein Jesuit, betont immer wieder, dass man sich mit seinem Glauben nicht einschliessen, sondern sich öffnen und in Dialog kommen soll – mit Gleichgesinnten, mit Andersgläubigen, mit Andersdenkenden.

Living Stones in der Schweiz und Europa

Dank dem Netzwerk der Jesuiten gibt es mittlerweile Living Stoner in 30 europäischen Städten, viele davon in Italien, wo es tolle Basiliken zuhauf gibt, wie Ravenna, Rom und Mailand. In der Schweiz sind wir bisher seit gut einem Jahr in Luzern in der Jesuitenkirche. In Fribourg in der Kathedrale und in St. Gallen im Dom haben sich bereits Gruppen gebildet, die sich noch auf die ersten Kirchenführungen vorbereiten. Und ebenso in Lausanne kann bald eine Gruppe heranwachsen, wo eine ETH-Doktorandin und ehemalige Living Stonerin in Bologna Führungen in der Lausanner Kathedrale, ebenfalls ein reformiertes Gotteshaus, anbieten möchte.

Zur Person

Der Theologe und Jurist Marco Schmid ist Mitglied des Teams urbaneKirche Zürich und Student an der Hochschule Luzern für Design und Kunst.

 

 

Über diesen Beitrag

  Abgelegt unter Entdeckungen

Antworten