Entdeckungsreise und Lückentext zum Bettag

Vor etwa zwei Jahren fragte die Theologieprofessorin Eva-Maria Faber (Chur) an, ob ich bereit wäre, mit ihr zusammen ein Buch über den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag herauszugeben.

Eva-Maria Faber. Foto: Arnold Landtwing

Sie habe zu diesem Feiertag einen Artikel geschrieben – und habe dabei entdeckt, dass dieser Tag für das Verhältnis von Kirche und Staat, Religion und Politik höchst interessant sei.

Mein Interesse war sofort geweckt – denn ich hatte mich zuvor nie näher mit diesem Feiertag befasst und verband damit vor allem Erinnerungen an meine Kindheit. Damals fand ich diesen Ruhetag, an dem wir nicht einmal draussen spielen durften, eher bedrückend. In guter Erinnerung hatte ich nur Bettage bei den welschen Verwandten. Am Jeûne fédéral  gab es jeweils Zwetschgenkuchen, den ich sehr mochte, und der anschliessende Montag war auch noch frei.

Buchvernissage im Zürcher Rathaus: Muris Begovic, Daniel Kosch, Jacqueline Fehr, Eva-Maria Faber, Béatrice Métraux, Noam Hertig, Cornelia Camichel Bromeis (v.l.n.r.). Bild: Arnold Landtwing

 

Die Konzeption des Buches, die Arbeit am eigenen Artikel zur religionsrechtlichen Bedeutung des Feiertags im Kontext individualisierter Religionsfreiheit und die Lektüre der eintreffenden Beiträge der fast 30 Autoren und Autorinnen wurden zur Entdeckungsreise. Diese Reise führte

  • von biblischen Traditionen bis zu heutigen Formen, solche Dank-, Buss- und Bettage zu feiern;

  • von der Institutionalisierung des Bettags als Ausdruck des Verbindenden in Zeiten konfessioneller Konflikte zu seiner immer häufiger ökumenischen und interreligiösen Gestaltung;

  • von staatlichen Gesetzgebungen zur Sicherung der Ruhe und Würde des Feiertags zu aktiven und kreativen Formen der Zusammenarbeit zwischen anerkannten Kirchen, anderen Religionsgemeinschaften und staatlichen Autoritäten zur Gestaltung dieses Tages als Beitrag zur Integration und zum gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt;

  • von der Erinnerung an wenig inspirierende Bettags-Hirtenbriefe zur Entdeckung, dass der Feiertag heute genutzt wird, um den Dialog zwischen Kirche und Politik auch im Gottesdienst zu thematisieren oder brennende Fragen zu Migration oder Bedrohung des Klimas aufzugreifen.

Doch je weiter wir mit der Suche nach Autorinnen und Autoren und mit der Lektüre der Beiträge vorankamen, desto deutlicher wurde, dass selbst ein mit fast 30 Beiträgen und 340 Seiten recht umfangreiches Buch ein «Lückentext» bleiben würde:

  • Von den vielfältigen kantonalen Traditionen kommen nur einige exemplarisch zur Sprache.

  • Was Dank, Busse und Gebet für das Christentum und für die anderen in der Schweiz vertretenen Religionsgemeinschaften bedeuten, könnte noch umfassender und tiefer ausgelotet werden.

  • Ein Beitrag zur Frage, was Schriftstellerinnen oder andere Kulturschaffende zum Bettag im 21. Jahrhundert zu sagen haben, fehlt, weil alle Angefragten absagten.

  • Der Tessin bzw. die italienischsprachige Schweiz kommt nicht den Blick.

 

Von Entdeckungsreise samt der verbleibenden Lücken bleiben vor allem folgende Eindrücke:

  • Der Bettag ist interessanter und lebendiger als sein Ruf. Und er taugt auch für die heutige, von religiöser Vielfalt geprägte Zeit, zumal er daran erinnert, dass religiöse Überzeugungen zwar ein Konfliktpotenzial haben, aber für die überwiegende Zahl von Gläubigen unterschiedlichster Religionen eine Ressource für die gute Gestaltung des Lebens und des Zusammenlebens sind.

  • Der gesellschaftliche Wandel hat zur Folge, dass staatliche Gebote und Verbote zur Sicherung von «angemessener Ruhe und Würde» dem Bettag keinen Dienst mehr erweisen. Spiritualität und religiöse Vollzüge müssen den Geist der Freiheit und der Freiwilligkeit atmen, wenn sie glaubwürdig und zukunftsfähig sein wollen. Das stellt alle Kirchen und Religionsgemeinschaften vor grosse Herausforderungen – nicht nur am Bettag.

  • Der Bettag erinnert daran, dass Staat und Gesellschaft von Kirchen und Religionsgemeinschaften nicht nur erwarten, dass sie sich sozial nützlich machen und Leistungen erbringen. Die sozialdemokratische Regierungsrätin Jacqueline Fehr meint, vielleicht sei der tiefere Sinn des Bettags, «vereint zu sein im Bemühen, sich einem grösseren Ganzen anzuvertrauen. Seine eigene Kleinheit zu erleben und sich dabei gleichwohl aufgehoben zu fühlen.»

 

 

 

 

Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ), anlässlich der Buchvernissage im Zürcher Rathaus.

 

 

 

 

 

 

Eva-Maria Faber/Daniel Kosch (Hg.), Dem Bettag eine Zukunft bereiten. Geschichte, Aktualität und Potenzial eines Feiertags. Theologischer Verlag Zürich 2017.

 

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