Chruut & Lüüt – Heilende und giftige Kräuter im Ritterhaus Bubikon

Wir Menschen nutzen Kräuter seit tausenden von Jahren, denn sie bieten uns eine vielfältige Anwendungspalette: Wir schätzen sie als Heilkräuter, geniessen sie in unseren Speisen oder zur Förderung unseres Wohlbefindens, nutzen sie zum Färben oder als Gift.

Mich persönlich begeistert darüber hinaus die vielfältige Kulturgeschichte, die Kräuter erzählen. Wir finden sie in biblischen Texten, in Mythen, als Symbolträger in Bildnissen, als architektonische Elemente und auch in der zeitgenössischen Literatur und im Film.

Für die Ausstellung «Chruut & Lüüt – Die Bedeutung der Kräuter im Wandel der Zeit», die bis Oktober 2018 im Ritterhaus Bubikon zu sehen ist, konnte ich mich intensiv mit Kräutern und ihrer Kulturgeschichte beschäftigen.

Ausgangspunkt dieser Ausstellung ist der Epochen-Kräutergarten des Ritterhauses Bubikon. In diesem Museumsgarten zeigen wir, welche Kräuter in den Epochen Antike und Mittelalter als Heil-, Küchen- oder Wellnessmittel genutzt wurden, welche Pflanzen in der Neuzeit aus der Neuen Welt oder Afrika zu uns kamen und welche Kräuter wir heute bevorzugen.

Prägend für unsere heutige Kenntnis über Heilpflanzen ist die griechische Antike mit ihren Schriften. Doch möchte ich die Bedeutung von Kräutern nicht allein auf ihre Heilwirkung beschränken.

Vom Veilchen, auf das wir alljährlich im Frühling sehnsüchtig warten, berichtet die griechische Mythologie, dass eine Tochter des Gottes Atlas vom Sonnengott mit seinen Strahlen verfolgt wurde. Zu ihrer Rettung verwandelte Zeus sie in ein Veilchen, das, geschützt vor den Strahlen der Sonne, im Gebüsch des Waldes steht: bescheiden und wunderbar duftend. Im Mittelalter galt das Veilchen mit seinen blauen, herzförmigen, duftenden Blüten als Symbol der Bescheidenheit, insbesondere der Bescheidenheit Marias. Das Veilchen steht Seite an Seite mit Pfingstrose, Akelei, Madonnen-Lilie, Erdbeere, Gänseblümchen und einer Vielzahl anderer Pflanzen, die als Marienpflanzen oftmals mit der Gottesmutter Maria in Verbindung gebracht werden und künstlerischen Niederschlag fanden.

Die sommerlich leichte Köstlichkeit bestehend aus Tomate, Mozzarella und Basilikum lässt uns in der Regel an nichts Böses denken. Obwohl sich der Name Basilikum von «Basilisk» herleitet, fürchten wir diesen gefährlichsten aller Drachen nicht. Dabei galten Basilisken als furchtbar und schrecklich und allein ihr Blick konnte töten. Im Christentum galt der Basilisk ebenfalls als Inbild des Bösen und der Sünde, das aber von Christus überwunden wurde. So fand er auch Eingang in die christliche Ikonographie. Heute begegnen wir Basilisken zum Glück nur noch in Form von Brunnenfiguren, wie beispielsweise in Basel, oder der Literatur, wo bei Harry Potter der Basilisk nach wie vor das Böse symbolisiert.

Bei Harry Potter begegnen wir auch der hochgiftigen Alraune als eine mit menschlichen Zügen ausgestattete Zauberpflanze. Die in der Pflanze enthaltenen Alkaloide wirken halluzinogen und in einer zu hohen Dosis gar tödlich. Im Mittelalter war diese legendenumrankte, hochgiftige Pflanze eines der stärksten bekannten Scherzmittel. Ausserdem galt die Alraune als magische Pflanze und sie sollte halb Mensch, halb Pflanze sein, da ihre Wurzel oftmals in menschenähnlicher Gestalt wächst.

Das Beispiel der Alraune zeigt sowohl die Magie, die sich um Pflanzen bis heute rankt, sowie den schmalen Grat zwischen Heil- und Giftpflanze, der in allen Kulturen bekannt war und sowohl genutzt als auch missbraucht wurde.

Der bekannte Verführer Giacomo G. Casanova hat die Worte formuliert: „Gift in den Händen eines Weisen ist ein Heilmittel, ein Heilmittel in den Händen eines Toren ist Gift.“

Letztlich möchte ich aber das sinnliche Erlebnis, das sich im Epochen-Kräutergarten entfaltet, nicht missen: den süsslichen Duft des Mädesüss, den aromatischen Geruch des Rosmarins oder das Summen der Bienen, das Plätschern des Wassers im Brunnen und die Aussicht in die Alpen. Ich bin sicher, dass alle, die sich intensiv mit Kräutern beschäftigt haben, solche Erlebnisse genossen haben.

Eine besondere Freude ist, dass in dieser Ausstellung auch junge Besucher mit der Gartenkatze Pina durch die Welt der Düfte und Kräuter reisen können. Hippokrates, Hildegard von Bingen und ein Naturforscher begleiten diese Reise und letztlich schliesst eine alte Kräuterfrau den Bogen der Geschichte und empfiehlt ein uraltes Heilmittel gegen Halsschmerzen. Welches das wohl ist?

Es ist eindrucksvoll, wie eng und vielschichtig unser kultureller Bezug zu Pflanzen bis heute ist und ich lade herzlich ein, dies zu erleben.

Daniela Tracht, Kunst- und Kirchenhistorikerin, Museumsleiterin im Ritterhaus Bubikon. Mitglied der Kirchenpflege in der katholischen Kirchgemeinde Rüti.

 

 

 

Die Ausstellung «Chruut & Lüüt» ist bis zum 28. Oktober 2018 im Ritterhaus Bubikon zu sehen. Öffnungszeiten: Di – Fr 13 – 17 Uhr, Sa, So und Feiertage 10 – 17 Uhr. www.ritterhaus.ch

Destillieren – ein altes Verfahren
Am Samstag, 30. Juni können Besucher zwischen 12 und 16.30 Uhr zusehen, wie das alte Verfahren des Destilierens funktioniert. Das Verfahren erfuhr im 12. Jh. einen Aufschwung und konnte dann zunehmend wissenschaftlich und zur Herstellung von Medikamenten genutzt werden. Bekannt ist es auch im Zusammenhang mit der Alchemie, also der Suche nach der quinta essentia oder dem «Stein der Weisen». Um 15.00 kann eine öffentliche Familienführung durch die Ausstellung besucht werden.

 

 

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