Allerheiligen: Jedes Leben ist heilig

Warum Allerheiligen daran erinnert, dass jede und jeder heilig ist – und was die Heiligen aus der Vergangenheit für die Zukunft bedeuten, darüber denkt Joseph Thali-Kernen in seinem Blogbeitrag nach. Der Theologe und Seelsorger engagiert sich für eine befreiende Rückgewinnung religiöser Zeichen im Jahreskalender.

Jedes Leben ist heilig

Allerheiligen ist für mich ein wichtiges Fest. Der Kern der Festbotschaft sagt mir, dass das Leben, jedes Leben, etwas Heiliges ist. Es gab und gibt zudem ganz konkrete Menschen, die über den kollektiven Durchschnitt hinaus heiligend wirkten.

Fragezeichen Heiligsprechung

Das Heiligsprechen durch die Instanzen der Kirche war bis heute immer wieder dem Geist oder Ungeist der Zeiten unterworfen. In den vergangenen Jahrzehnten wurden sehr viele Menschen von den römischen Instanzen heilig gesprochen. Es war nicht immer ganz klar, welche Interessen und auch Finanzmittel den Heiligsprechungsprozess beförderten. Für mich hatte es darunter auch solche, bei denen ich Fragezeichen setze und nicht überzeugt bin, ob es nun heiligend war, was sie sagten und taten.

Ich denke, dass es zu jeder Zeit sehr subjektive und den jeweiligen Interessenlagen entsprechende Gründe gab, diesen Prozess zu befördern. Also gab und gibt es, ganz im Sinn und Geist von Allerheiligen, heiliggesprochene und heilige Menschen:

  • Menschen, die im Herzen der Völker oder auch in meinem ganz persönlichen Herzen als Heilige gesehen und verehrt werden
  • Menschen, die uns und mich beeindruckt haben
  • Menschen, die nie in den Kanälen der weltweiten Öffentlichkeit erschienen.
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Joseph Thalis Buch zu den Festen im Jahreskalender

Der Name als Lebensprogramm

Jede Zeit hatte und hat ihre Lieblingsnamen und ihre Lieblingsheiligen. Namen, die uns die Eltern geben und die eingeschrieben werden in unsere Geburtsurkunde, ob nun heilig oder heiliggesprochen.

Für die Bibel sind Namen nicht einfach Schall und Rauch, sondern gehören 
unverzichtbar zur Würde des 
Menschen.

Viele hebräische
 und Namen anderer Herkunft haben eine 
innere Bedeutung, sind Versprechen oder besondere Zusagen. Die meisten Hintergründe und Bedeutungen sind heute aus 
dem kollektiven Gedächtnis 
verschwunden. Und doch möchte wohl niemand auf seinen
 Namen verzichten. Niemand
 möchte namenlos sein. Vielleicht möchte der eine oder die
 andere seinen Namen ändern,
 weil sein Name belastet ist oder einfach nicht gefällt.

Menschenverachtende Systeme machen namenlos

Aus diesem kulturellen und religiösen Hintergrund ist es auch klar, dass in vielen Menschen verachtenden Systemen den Menschen die Namen genommen wurden, um sie namenlos zu machen. Allen, die in die Konzentrationslager der Nationalsozialisten eingeliefert wurden, nahm man die Namen und sie bekamen eine Nummer eingebrannt. Ihr «Brand» war von da an eine anonyme Nummer. Gleiches geschah auch in der Pinochet-Diktatur und analogen Regimen.

Manchmal beschleicht mich die Frage, ob auch in unserer Zeit und Gesellschaft diese Nummerierung wieder Einzug hält? AHV-Nummer, Versicherungsnummer, Passnummer oder sogar nur noch ein Strichcode?

Niemand will eine Nummer sein, den sie nimmt mir das Person-Sein. Ich werde objektivierbar, verliere meine Würde und meine Subjektivität.

Helen und Margrit: Zwei Heilige aus dem Alltag

So möchte ich zum Schluss zwei Frauen einen öffentlichen und heiligen Namen geben. Beiden durfte ich begegnen, teils länger und teils nur in kurzen Sequenzen. Ich denke an Frau Helen Sprecher. Sie lebte, wohnte und arbeitete im Blindenheim Borna in Rothrist. Über viele Jahre habe ich sie besucht, immer am Samstagmorgen. Manchmal war auch meine jüngste Tochter Sarah, damals ein kleines Kind, dabei. Wir brachten der blinden Helen Sprecher die Krankenkommunion. Viele Gespräche haben wir geführt über das Leben, das Glück, das Leiden und das, was Halt geben kann. Helen Sprecher hat viel gelesen in der Blindenschrift und uns auch immer wieder vorgelesen. Ihr Sehen und ihre Weisheit hatten eine tiefe Wirkung auf mich, bis heute.

Die andere Frau habe ich in Rwanda getroffen: Frau Margrit Fuchs. Margrit hatte sich in hohem Alter aufgemacht, um sich in einem der ärmsten Länder «nützlich» zu machen. Ich erlebte sie als sehr gastfreundliche «Wirtin» in Kabgaye, Ruanda, und habe sie dann in der Schweiz noch einige Male getroffen. Mit 70 Jahren gründete sie ein Hilfswerk, das «Bureau Social de Gitarama», in einer rwandesischen Stadt. Margrit Fuchs blieb auch nach dem fürchterlichen Genozid 1995 in Rwanda. Ihr Sozialwerk geht weiter, obwohl sie 2007, nach dem 90. Geburtstag, bei einem Autounfall ums Leben kam.

Wenn wir aus heutiger Sicht über Menschen reden, die heilig lebten, dann reden wir von Vergangenem und hoffen mit den Heiligen für die Zukunft.

Wir glauben nicht nur an vergangene Wunder, sondern hoffen auf Wunder in der Jetztzeit, damit alle Zukunft haben.

Und so gestalten wir die Gegenwart, damit wir und vor allem unsere Kinder und alle Kinder der Welt Zukunft haben.

msp_05Joseph Thali-Kernen, Theologe und em. Gemeindeleiter. Die Widmung in seinem Buch“JedeR ist Königin“ lautet: „Unseren und meinen Kindern. damit sie und ihre Kinder Zukunft haben, gestalten wir mit ihnen die Gegenwart.“

 

Joseph Thali, JedeR ist Königin. Befreiende Rückgewinnung religiöser Zeichen im Jahreskalender

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