Chancen der offenen kirchlichen Jugendarbeit

Die offene kirchliche Jugendarbeit unterstützt Ju­gendliche und junge Menschen in der Sinnstiftung und Lebensgestaltung. Als Nebeneffekt ergibt sich ein neues Bild von Kirche für die Jugendlichen. Diese Chance gilt es zu packen und die Vorteile zu nutzen.

von Stefan Ritz

Die Kinder und später die Jugendlichen nehmen die Kirche meistens über den Religionsunterricht wahr und werden durch die Katechetinnen und Katecheten geprägt. Diese sind meist in der Rolle der Lehrperson, die Wissen vermitteln. Später treffen die Jugendlichen dieselben Personen oft in der offenen kirchlichen Jugendarbeit an – etwa bei einem gemein­samen Projekt, beispielsweise einer Disco.

Disco für Kinder

Dies, weil die gleichen Personen vielfach in den zwei bis drei Arbeitsfeldern der Jugendpastoral arbeiten. Wenn der kirchliche Jugendarbeiter dann als Aufsichtsperson dabei ist, kann es vorkommen, dass die Jugendlichen seine An­wesenheit nicht verstehen, schliesslich findet die Disco in der Freizeit statt.

Herausfordernde Doppelrolle

Die Jugendlichen zeigen ihre Irritation vielfach in ihrer Aussprache oder ihrem Verhalten. Denn sie nehmen die kirchlichen Jugendarbeitenden noch in ihrer Rolle als Lehrperson wahr. Kirchliche Jugendarbeitende sind somit laufend mit ihrer Doppelrolle konfrontiert. In persönlichen Gesprächen mit langjährigen kirchlichen Jugendarbeiterinnen und -arbeitern hat sich gezeigt, dass diese Rollenbilder überwunden werden können. Entscheidend dabei ist, dass die Jugendlichen die Chance bekommen, die verantwortlichen Personen in der Freizeit persönlich zu erleben. Der Unterschied der verschiedenen Rollen wird so erleb- und greifbar. Anschliessend können tragbare Kontakte und Beziehungsarbeit entstehen.

Die kirchlichen Jugendarbeiterinnen und -arbeiter wiederum, müssen diese unterschiedlichen Rollen bewusst differenzieren und sich der jeweiligen Situation entsprechend verhalten. So kann bei einer mehrjäh­rigen Jugendarbeit in derselben Pfarrei ein tragfähiger Kontakt für weitere Aktionen oder Projekte entstehen.

CC by M M

 Knackpunkte beachten

Viele Kirchgemeinden im Kanton Zürich unterstützen die Förderung der offenen und verbandlichen Jugend­arbeit in der Kirche. Als Projektleiter der Projektstelle «Förderung von kirchlicher Jugendarbeit in Pfarreien» werde ich von der Kirchenpflege oder von Seelsorge-Teams zu unterschiedlichen Anliegen und Fragestellungen eingeladen. Ich werde häufig gebeten, einen fachlichen Input einzubringen. Vielfach geht es um Fragen die Struktur- und Organisationsaufgaben der Pfarrei oder der Kirchgemeinde betreffen wie z.B. Pensum, Stellenausschrieb, Kosten, Einbindung in das Seelsorgeteam, Ausbildungen etc.

Damit einige Knackpunkte der offenen kirchlichen Jugendarbeit entsprechend beachtet werden, müssen folgende Fragen gestellt werden:

  • Haben Jugendliche und Kinder in der heutigen Zeit noch Raum für sich? Wo können sie sein, ohne weggeschickt zu werden?

  • Finden wir eine qualifizierte professionelle Jugendar­beiterin für die Pfarrei?

  • Hat der kirchliche Jugendarbeiter die nötigen Arbeitsmittel für die Umsetzung seiner Projekte?

  • Wie können wir eine Teilzeitstelle mit mindestens 50 Prozent Pensum finanzieren?

  • Wohin entwickelt sich die Pfarrei in den nächsten fünf Jahren?

Veränderter Stellenwert

Die Kirchgemeinden sind sich der Zukunft be­wusst und investieren in alle drei Arbeitsfelder der Jugendpastoral. Die offene kirchliche Jugendarbeit hat jedoch den schwierigsten Stand. Viele Jugendtreffs wurden von den Kirchen gegründet und später an Vereine oder die Gemeinden übergeben. Zurzeit ziehen sich Pfarreien aus verschiedenen Gründen aus der offenen kirchlichen Jugendarbeit zurück und konzentrieren sich auf den Oberstufenunterricht oder die Firmung. Einerseits ist es sehr schwierig, gutes Personal mit entsprechender Ausbildung und persönlicher Eignung für die Arbeit mit Jugendlichen zu finden. Anderseits müssen die Pfarreien ebenfalls die beiden Arbeitsfelder Religionsunterricht und Firmung abdecken. Alle drei Aktionsfelder sind etwa im Kanton Zürich nicht im Unterricht der Volksschule eingebun­den. Dadurch wird von den Kindern und Jugendlichen bereits viel Freizeit und Freiwilligkeit (ein)gefordert.

Begleitung junger Menschen

Die Arbeit als Seelsorgerin oder Seelsorger hat in der Kirche eine klare Priorität und ist im Selbstverständnis, bezie­hungsweise in der Berufshaltung, sichtbar.

Gerade die Angebote der offenen kirchlichen Jugendarbeit bieten vielfach die Möglichkeit, kleine Gruppen oder einzelne Jugendliche über längere Zeit zu begleiten und damit seelsorgerische Aufgaben umzusetzen. Denn die kirchlichen Jugendarbeiter können sich der Zielgruppe ohne Zeitdruck widmen und ihre Anliegen aufnehmen.

Gleichzeitig wird die Gemeinschaft und das Gruppenerlebnis gefördert, etwa durch Jugend­reisen oder gemeinsame Weekends. Durch diese Aktivitäten erleben die Jugendlichen die kirchlichen Jugendarbei­terinnen und können Vertrauen zu ihnen aufbauen. Die erwähnte Problematik der Doppelrolle schwindet und tiefere Gespräche sind möglich.

Gerade in der Pubertät haben Jugendliche immer wieder Fragen nach dem Sinn des Lebens oder wie sie ihr zukünftiges Leben gestalten sollen. In dieser Persönlichkeitsentwicklung kann die offene kirchliche Jugendarbeit einen wichtigen Teil dazu beitragen, dass Jugendliche sich in ihren Fragen und Anliegen ernst genommen fühlen.

Eine weitere Ressource der offenen kirchlichen Jugendarbeit ist, dass sie praktisch keinen Leistungsdruck ausüben muss. Die Zielgruppe erlebt Momente der Ruhe und Pausen.

Durch Erlebnisse in der Gruppe oder beim Einzelnen ergeben sich neue Möglichkeiten und dies zeigt sich darin, dass die Jugendlichen eigene Ideen entwickeln und umsetzen wollen. In dieser Situation wechselt der kirchliche Jugendar­beiter in die Rolle als Coach und Begleiter. Er hilft dabei, die eigenen Visionen der Zielgruppe umzusetzen.

1-Glaskubus in der Pfarrei Uster - Juni 2015Im Projekt «Glaskubus», habe ich erlebt, dass Jugendliche beispielsweise in einem Hip Hop- Kurs, während eines Cupcake- oder DJ-Workshops neue Fähigkeiten erlernt haben, die sie dann in eigenen Projekten umsetzen. Neben den neu erlernten Kompetenzen besteht die Chance, dass sich das Bild der offenen kirchlichen Jugendarbeit verändert und der Knackpunkt der Doppelrolle überwunden wird. Diese neue Basis gilt es anzustreben und die Chance zu nutzen, ein neues Bild der offenen kirchlichen Jugendarbeit zu kreieren.

Mitarbeiter Jugendseelsorge Zürich

 

Stefan Ritz beantwortet gern Fragen zum Thema.

Stefan.Ritz@jugendseelsorge.ch

 

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