„Wir haben alle die gleiche Bibel“

Reformationsbotschafter Christoph Sigrist begrüsste gestern, 22. Juni, die katholische Synode im Zürcher Rathaus. Wir dokumentieren die schriftliche Fassung seiner Ansprache. 

Hier stehe ich, und kann nicht anders: Ich überbringe Ihnen als Botschafter für die Feiern 500 Jahre Reformation in diesem Jahr offiziell die Grussbotschaft mit dem Worten Huldrich Zwinglis:

Welches ist Christi Kilch? Die sin Wort hört. Wo ist die Kilch? Durch das ganze Erdrich hin. Wer ist sie? Alle Gleubigen. Wer kennt sie? Gott.‘

Weil Gott alle Gläubigen kennt, können wir Reformierten in den nächsten Jahren 500 Jahre Zürcher Reformation in der Linie des Leutpriesters am Grossmünster nur in ökumenischer Verbundenheit feiern.

Das liegt schon am Kirchenraum selber: Das Grossmünster hat verschiedene Deutungszuschreibungen. Sie ist die Kirche unserer Stadtheiligen Felix und Regula, den Patronen unserer orthodoxen Schwestern und Brüder. Sie ist die Mutterkirche der Schweizer Reformation. Sie ist Symbol von Zürich und gehört zum Eigentum des Kantons. Sie ist Ort politischer Versammlungen, früher der Tagsatzungen in der Helvetik, heute der 1. August-Feier der Stadt, wenn es regnet… und sie wird zum interreligiösen Gebetsraum am Freitag und Samstag mit unseren muslimischen und jüdischen Schwestern und Brüder.

Interreligiöse Begegnung mit dem Dalai Lama im Oktober 2016.

Der ökumenische Geist weht durch Zürich

Dieser ökumenische Geist weht, wo er will hier in Zürich, ich möchte Sie an drei Wirkungen dieses heiligen, ökumenischen Geistes erinnern.

  1. Ich wuchs in der Enge als reformierter Bube auf. Die Obdachlosen von Pfarrer Sieber wie auch meine jüdischen Freunde waren mir bewusster als die katholischen Mitschülerinnen und Schüler. Ich wuchs als reformierte Mehrheit in der reformierten Stadt auf. Heute ist es anders. Sie bilden die katholische Mehrheit in der Stadt Zürich, ich bin zur Minderheit der Christen geworden, und wir beide Konfessionen sind Teil eines Konglomerat von vielen religiösen Gemeinschaften in unserer Gesellschaft. 500 Jahre Reformation feiern heisst deshalb in ökumenischer Verbundenheit, das Christsein in unserer pluralen Gesellschaft neu zu buchstabieren und lesbar zu machen. Hören auf Gottes Wort ist nicht mehr ein konfessioneller Auftrag, sondern christliche Vision und Mission.
  2. Nicht erst seit 1980, wo am 8. Juni das Kirchengesetz mit dem „Gesetz über das katholische Kirchenwesen“ erweitert, das Instrument der katholischen Synode als Pendant zur reformierten Synode vom Volk angenommen und eingeführt wurde, ist unser gemeinsamer ökumenischer Weg erfolgreich. Im Bereich der Diakonie mit der Bahnhofkirche, Flughafenpfarramt, Sihlcity, der Seelsorge in Spitälern, Gefängnissen und Heimen wie auch im Bundeszentrum für Asylsuchende, sowie der ökumenischen Ausrichtung in der Obdachlosenarbeit in der Stadtmission und in vielen Pfarreien und Kirchgemeinden geht es nicht mehr anders. Kirchesein ist Ökumene. Im Bereich der Bildung haben wir mit der Doppelhelix von teaching about religion und teaching in to Religion vor 10 Jahren ein Modell miteinander entwickelt, das europaweit Beachtung findet.

    Kreuzweg am Karfreitag 2017 durch Zürich

    Und im Bereich des gottesdienstlichen Feierns findet schon mehr als 20 Jahre der ökumenische Kreuzweg mit 1000 Besuchenden in unserer Altstadt unter Beteiligung auch der christkatholischen Kirchgemeinde, unseren orthodoxen und freikirchlichen Schwestern und Brüder statt. Der ökumenische Hirtenbrief von 1998 war Fanal für den gemeinsamen Weg, auf dem wir nie das Ziel aus den Augen verlieren, dass Papst Franziskus immer wieder uns allen ins Herzen schreiben will: Einheit in der Verschiedenheit. Das gemeinsame Feiern der Eucharistie, des Abendmahls bleibt unser Ziel, auch hier in Zürich. Und ich danke Ihnen sehr für all das, was wir gemeinsam in unserem Kanton und unserer Stadt erreicht haben.

  3. Sie halten Ihre Synode der katholischen Kirche hier im Rathaus, wir halten unsere reformierte Synode am gleichen Ort. Ich leite zweimal im Jahr das Spendenparlament vom sogenannten Bock aus, das integrative Projekte debattiert, diskutiert und über sie entscheidet. Was uns verbindet, ist der Raum der politischen Auseinandersetzung und zivilgesellschaftlichen Mitwirkung unserer Gesellschaft. Dem zürcherisch geprägten Protestantismus und Katholizismus ist die politische Dimension der Bibel und des Evangeliums in die DNA eingeschrieben. Wir beide gestalten Kirche im Ratshaus und bekennen beide: Christsein gehört in den politischen Raum. Deshalb hat Huldrich Zwingli mit der Reform der Kirche die Gesellschaft transformiert. Das Erbe davon tragen wir beide, die reformierte und die katholische Kirche in die Zukunft.

Die plurale, religiöse Gesellschaft, die Früchte unserer ökumenischen Arbeit sowie die politische Einbettung prägt unser beider Kirchesein und Christsein in Zürich. Deshalb beginnt mit diesem Tag der ökumenische Brückenschlag, der uns nach der Synode zur Helferei und in das Mysterienspiel im Grossmünster führt und zu Zürcher Disputationen über relevante Themen unseres Christseins. Am 11. Juli abends in der Liebfrauen Pfarrei zum Thema: Zürcher Katholizismus, mit Generalvikar Josef Annen, Kirchenratspräsident Michel Müller, Nationalrätin Barbara Schmid-Federer und ehemalige Kirchenrätin Irene Gysel.

Wir schlagen die Brücke zueinander, bauen gemeinsam an unserer Kirche und stehen so in der Nachfolge Jesu Christi und unserer Mütter und Väter, auch Huldrich Zwingli mit seinem Satz in der Sakristei des Grossmünsters: Tut um Gottes willen etwas Tapferes.

Worauf warten wir noch? Packen wir an, es gibt viel zu tun und noch mehr zu feiern!

Pfr. Christoph Sigrist, Reformationsbotschafter

Hier finden Sie alle Termine der von den Zürcher Kirchen veranstalteten und organisierten „Brückenschläge“.

 

Antworten