Papst will von der Jugend lernen!

Papst Franziskus will anlässlich der Weltbischofssynode 2018 Jugendliche anhören und beteiligen. „Das ist doch normal, oder?“ wird sich manch einer fragen. Leider nicht ganz normal. Sondern fast schon eine Revolution.

Frank Ortolf ist Leiter der Jugendseelsorge Zürich und verfolgt genau, was in der Kirche zum Thema Jugend läuft. So schaut er genau hin, was das bedeutet, wenn Papst Franziskus eine Bischofssynode zum Thema Jugend ankündigt – und macht sich hier im Blog seine Gedanken dazu:

Unspektakulärer Titel mit Sprengkraft

Letzten Freitag, 13. Januar, stellte der Vatikan die Vorbereitungsdokumente für die Weltbischofssynode 2018 vor. Das Motto der Synode: „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungspastoral“. Den Titel finde ich nicht sonderlich gelungen oder spektakulär. Gleichwohl: es steckt viel Sprengkraft drin. Wer aufgrund des Titels vermutet, Papst Franziskus ginge es in erster Linie darum, die Jugendlichen mit Glaubenswahrheiten zu belehren und Priesternachwuchs zu generieren, der irrt!

Beteiligung, nicht Belehrung

Franziskus will junge Menschen an der Synode beteiligen: „Wir können nicht an ein Morgen denken, ohne dass wir ihnen (der Jugend) eine wirkliche Teilhabe als Träger der Veränderung und des Wandels anbieten.“ Papst Franziskus will Jugendliche zwar nicht direkt als Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Synode einladen, aber er will im Vorfeld die Meinungen der Jugendlichen einholen. Deswegen startet Franziskus, wie schon im Vorfeld der Familiensynode, am ersten März eine neue weltweite Online-Umfrage.

Die Jugendlichen und ihre Ansichten stehen im Mittelpunkt

Neben der Beteiligungsform ist für mich aber viel entscheidender, dass Papst Franziskus eine besondere Perspektive einnimmt.

  1. Er betrachtet den jungen Menschen als Quelle der Ideen und des Glaubens und will unterschiedliche – auch kritische – Glaubensäusserungen hören„Auch die Kirche möchte auf eure Stimme hören, auf eure Sensibilität, auf euren Glauben, ja auch auf eure Zweifel und eure Kritik.“
  2. Er begreift die Jugendlichen nicht als Objekt der Seelsorge! Franziskus gibt zu verstehen, dass er die Jugend als „Protagonisten“ sieht, die ein Recht haben, die Kirche voranzutreiben und Veränderungen zu lancieren: „Wenn wir wollen, dass in der Gesellschaft oder in der Gemeinschaft der Christen etwas Neues geschieht, müssen wir Raum schaffen, damit neue Menschen handeln können“.

Kirchliche Jugendarbeit ist Wegbegleitung junger Menschen

Franziskus weiss, dass junge Menschen gut begleitet werden müssen: „In die Welt der Jugendlichen hinauszugehen, erfordert die Bereitschaft, Zeit mit ihnen zu verbringen, ihre Geschichten, ihre Freuden und Hoffnungen, ihre Trauer und Angst anzuhören“

Kürzlich war ich als Gast-Dozent in einem Seminar tätig. Es ging um das Thema Jugendpastoral. Ich erklärte die theologische Grundhaltung und weitere Grundprinzipien der kirchlichen Jugendarbeit in der Deutschschweiz. Konsterniert musste ich feststellen, dass es einigen angehenden Priestern in der Jugendarbeit lediglich um die Vermittlung der Glaubenslehren geht. Jugendliche sollen zur Kirche kommen, nicht die Kirche zu den Jugendlichen gehen.

Kirchliche Jugendarbeit ist aber in erster Linie Wegbegleitung junger Menschen. Jugendarbeitende und Jugendseelsorgende haben die Aufgabe, die Lebenswirklichkeit und die Anliegen der jungen Menschen in den Fokus ihrer Arbeit zu stellen. Dies auf der Grundlage einer wertschätzenden Haltung und eines Miteinanders auf Augenhöhe.

Mystagogie als theologische Grundhaltung

Einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Rahner, trug dazu bei, dass der Begriff der Mystagogie eine Renaissance erlebte. Rahner sagte: „Gott hat in jedem Menschen eine Beziehung zu ihm (Gott) angelegt; dieses Geheimnis gilt es zu entdecken. Die Selbstentdeckung/Selbsterfahrung führt so auch zur Entdeckung der Beziehung zu Gott“.

Papst Franziskus handelt mit seinem Vorhaben und mit seiner Herangehensweise an die Weltbischofssynode nach der mystagogischen Grundhaltung der kirchlichen Jugendarbeit, die sich direkt an den Jugendlichen orientiert. Denn er

  • anerkennt und wertschätzt die Jugendlichen als eigenständige Persönlichkeit
  • will die Lebenswelt Jugendlicher ernst nehmen und für sie Freiräume und Experimentierfelder schaffen
  • stellt fest, dass Jugendarbeit zeitintensive Beziehungsarbeit ist.

Ich bin überzeugt, dass die Haltung unseres Papstes eine ernst gemeinte Einladung an die Jugend der Welt ist, sich einzubringen. Ja, ich glaube, Franziskus will wirklich von der Jugend lernen.

Und er richtet gleichzeitig auch einen wichtigen Appell an uns hauptberuflich Jugendarbeitenden und Seelsorgenden:

Orientiert euch an der Jugend und seid Wegbegleiter für junge Menschen!

Das bestärkt mich und meine vielen Kolleginnen und Kollegen in der Deutschschweiz, die auf unterschiedlichen Ebenen kirchliche Jugendarbeit betreiben:

Franziskus ist mit uns auf einer Wellenlänge!

Frank Ortolf_Foto: Christoph Wider

Frank Ortolf_Foto: Christoph Wider

 

Frank Ortolf  leitet seit August 2013 die Jugendseelsorge Zürich. Der Sozialpädagoge mit theologischer Zusatzausbildung war vorher für Jugendarbeit im Erzbistum Freiburg zuständig.

 

 

Quellen und weiterführende Infos:

Klarsicht: Hilfsmittel zu Themen der Kirchlichen Jugendarbeit. Herausgeber: Verein Deutschschweizer Jugendseelsorgerinnen und Jugendseelsorger

https://www.kath.ch/newsd/papst-an-jugendliche-mischt-euch-ein

http://katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/hort-auf-die-jugend

http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/kirche-nimmt-jugendliche-in-den-blick

 

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