Mediensonntag: Von Rockern und heiligem Rest

Clemens Studer ist Politik- und Medienberater.

Medienberater Clemens Studer über Lügenpresse und alternative Fakten.

Postfaktisches Zeitalter», «filter bubble», «hater» «Lügenpresse», «Fakenews», «alternative Fakten», – alles Begriffe, die in den vergangenen Monaten und Jahren in einer breiten Öffentlichkeit angekommen sind. Und alle haben sie mit der neuen und der nicht mehr ganz so neuen Medienrealität zu tun.

In den vergangenen Jahrzehnten hatten aufgeklärte Gesellschaften ein klares Medienbild: Zeitungen, Radio und TV berichten über Dinge, die sind. Sie wählen die Themen aus, gewichten und ordnen ein. Unabhängig, als sogenannte vierte Gewalt im Staat. Natürlich war auch dieses Ideal bereits ein Trugbild. Medien waren nie so neutral und unabhängig, wie sie taten. Kommerzielle Interessen auf der einen Seite, ideologische Haltungen auf der anderen beeinflussten Auswahl, Inhalt und Stossrichtung. Das war so lange kein wirkliches Problem, als dass mit einer gewissen Medienkompetenz die Einflussnahmen und Haltungen erkannt oder erahnt werden konnten – auch bei den sogenannten Forumszeitungen, den Nachfolgerinnen der Parteipresse.

Und dann kam das Internet. Eine technologische Revolution, ein Sturm, der ganze Branchen flachlegte und weitere flachlegen wird. Zuerst und bisher am heftigsten hat es die beiden M’s erwischt – Musik und Medien. Während die Musikindustrie unterdessen ein neues Geschäftsmodell gefunden hat, suchen die traditionellen Medienhäuser immer noch – und zunehmend hektisch.

Die Medienindustrie befindet sich in einem perfekten Sturm. Wegbrechende Einnahmen aus dem Leser- und dem Werbemarkt versucht man mit Sparmassnahmen bei den Redaktionen zu kompensieren. Die Qualität wird schlechter, noch weniger Leute wollen dafür bezahlen und die Werbeeinnahmen sinken mit der Reichweite. Gleichzeitig ist der Einstieg in den Medienmarkt dank der Digitalisierung immer leichter geworden. Und in den sogenannten sozialen Medien kann sich jeder längst seine eigene Informationswelt basteln – wer will auch gänzlich an traditionellen Medienmarken vorbei.

Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Nicht viel Gutes, wie es scheint. Die Fragmentierung bis hin zur Vereinzelung, die der Neoliberalismus seit 30 Jahren vorantreibt, wird durch die Digitalisierung weiter beschleunigt. Die schöne Idee der Internet-Schwärmer von der transparenten, grenzenlosen und egalitären neuen Info-Zeit entpuppt sich als das, was sie immer war: eine Illusion.

Was hat das alles mit der Kirche zu tun?

In einer Welt, in der scheinbar alles wahr ist – auch das Gegenteil, ist Glaubwürdigkeit zentral. Und da hat die Kirche einen grossen Erfahrungsschatz. Seit 2000 Jahren ringt sie darum, zu definieren, was des Glaubens würdig ist. Es ist ja nicht so, dass dies – besonders auf der Ebene der Organisation – immer in gleichem Mass geglückt wäre. Aber immerhin: Über all die Jahrhunderte lief es öfter besser als schlechter.

Was kann man daraus für die Gegenwart lernen?

In Zeiten der Unsicherheit und des «anything goes» ist Haltung und Orientierung gefragt. Dieses Bedürfnis wird aktuell nur allzu oft in den unterschiedlichsten Ländern und leider auch in der Kirche von «starken Männern» befriedigt, die pöbelnd und geistig brandschatzend durch die politische und mediale Landschaft fegen.

Wer laut ist und für eine steile These, wenn nicht seine Seele, dann doch seine Redlichkeit verkauft, bekommt Aufmerksamkeit. Ganz so, wie früher auf dem Pausenplatz jene «bösen Buben», die nicht hinter, sondern vor den Büschen rauchten und abends im Ausgang dem Abwart die Autopneus zerstachen. Man schaute nur so lange – durchaus ein bisschen fasziniert – auf die Rüpel, bis man erkannte, was sie motivierte: die grosse pubertäre Unsicherheit, die Angst, vom Leben widerlegt zu werden.

Es mag verführerisch scheinen, mit fundamentalistischen Positionen auf andere Fundamentalisten zu reagieren. Aber: Hasspredigten von Katholiken sind sowenig katholisch wie «der Islam» terroristisch. Menschen in herausfordernden persönlichen Situationen auszuschliessen, widerspricht dem Evangelium. Die «reine Lehre» kann eine ziemlich schmutzige Sache sein.

Vor allem aber: Eine solche Kirche verabschiedet sich aus der gesellschaftlichen Relevanz. Das Konzept des heiligen Rests entspricht dem «1%»-Button auf den Rocker-Kutten. Für beide gilt gleichermassen: Man ist einen Moment interessant, aber dann aus dem Spiel.

Die Aufgabe der Kirche ist es, hier eine andere Art von Lösung anzubieten, die menschenfreundlich ist. Sie hat ein wunderbares Drehbuch dafür. Es heisst Evangelium. Und es ist allen zu verkünden, nicht nur den 100-Prozentigen vom «heiligen Rest».

Denn um in der Lebensrealität der Menschen anzukommen, muss die Kirche offen sein und hinhören. Oder wie es Papst Franziskus sagt: «Da sind keine zwei verschiedenen Ohren, eines für Gott und eines für die Wirklichkeit.»

 

Priester und Gläubige müssen ihre «filter bubble» verlassen. Eine Kirche, die sich in ihre Blase zurückzieht, kann den «Puls der Zeit» (noch einmal Franziskus) nicht spüren. Und die Kirchenmenschen müssen klar reden, dürfen sich nicht von verirrten Begriffen verwirren lassen.

Beachten wir doch Matthäus 5,37: «Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen». Denn das ist nicht die Aufforderung zur Holzschnitt-Rhetorik, sondern ein Plädoyer für Wahrhaftigkeit in der Kommunikation. Lassen wir uns das berühmte «Sagen, was ist» nicht von jenen vergällen, die es missbrauchen, um Unsinn zu verbreiten.

Vier Beispiele:

  • «Lügenpresse» ist ein anti-demokratischer Kampfbegriff und war das Lieblingswort von Nazi-Propagandaminister Goebbels;
  • «Fakenews» und «alternative Fakten» sind schlicht «erfundene Geschichten»;
  • «postfaktisch» ist einfach Unsinn. Es gibt nicht Wahres, das nach der Wahrheit kommt.
  • Und nein, die Geflohenen in der Schweiz bekommen von der Caritas kein Smartphone geschenkt.

Das wäre schon mal ein guter Anfang. Es macht die Kirche glaubwürdig – und des Glaubens würdig.

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