Lebensmüden die Hand reichen – nicht das Gift.

Dürfen wir Sterbehilfe leisten? Wenn ja: Wo will man die Grenze zwischen tödlich verlaufenden Krankheiten und anderen schweren individuellen Leiden ziehen wie Depression, Schizophrenie oder Demenz? Endet es dann eben doch bei einer Hilfe für Lebensmüde allgemein sich umbringen zu lassen wann sie wollen? Oder: Wann sind Leiden und Kosten nicht mehr tragbar? Die Stimme der Kirche wird in dieser Diskussion gehört – Wenn sie sich denn pointiert dazu äussert. So geschehen anfangs Juli anlässlich einer Medienkonferenz in Bern. Neben Bischof Felix Gmür erhob die Zürcher Psychiatrieseelsorgerin Sabine Zgraggen ihre Stimme und rief dazu auf, den Lebensmüden die Hand zu reichen, nicht das Gift. Ihren Beitrag in unserem Blog.

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Todeswunsch fordert alle heraus

Die Situation in der Akutpsychiatrie, aber auch auf den Therapiestationen, ist von Lebenskrisen und chronischen Krankheitsverläufen gekennzeichnet. Der Wunsch, das Leben aktiv zu beenden, ist auf allen Altersstufen und in allen Lebenskrisen immer wieder ein Thema und kann sehr stark ins Bewusstsein drängen. Das fordert nicht nur das therapeutische Team heraus, sondern auch Familienangehörige, Freunde und die ganze Gesellschaft.

Als Seelsorgerin in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich bin ich für die Menschen da, die tagtäglich darum kämpfen, trotz ihrer schweren chronischen Leiden Sinn und Lebensqualität für sich zu finden! Und ich würdige an dieser Stelle, dass sie es dadurch auch für uns alle tun!

Jeder Suizid zieht Kreise

Die Trauer und Bestürzung, die ich jedes Mal erfahre, wenn sich ein Weggefährte dann doch das Leben nimmt, sind erschütternd, selbst wenn sie von Verständnis und Mitgefühl begleitet sind. Jeder Suizid zieht Kreise, egal wie gut er geplant, besprochen oder auch verheimlicht wurde.

Jeder Suizid ist ein symbolischer Akt. Fehlt das bewusste Aufarbeiten hinterher, haben sich die Zurückgebliebenen mit den lebensverneinenden Folgen auseinanderzusetzen.

Neues Tabu: Vieles endet unbesprochen

Was für den Einzelnen durchaus Sinn macht, stürzt Zurückbleibende in eine teilweise unfassbare Ratlosigkeit. Wir sind keine isolierten Individuen, auch wenn es sich so anfühlen mag. Wir sind soziale Wesen und voneinander abhängig. Alles Andere ist eine Illusion. In diesem Zusammenhang begegnen mir immer häufiger Menschen, die erzählen, dass der Vater, die Mutter, mittels Sterbehilfeorganisation dem Leben ein Ende gesetzt hat; Vieles endet hier unbesprochen. Es fehlte die Zeit. Ein neues Tabu.

Pessimistische Weltsicht schafft Misstrauen

Die Situation in der Alterspsychiatrie hat sich dahingehend verändert, dass beim Eintritt vermehrt Patientenverfügungen mitgebracht werden. Allgemein kommt einer dem Patientenwillen entsprechende Behandlung grosser Wert zu. Ein Misstrauen in die Ärzteschaft und in die Behandlungsteams ist aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung heraus unbegründet. Es wird sich nach bestem Wissen und Gewissen, gemeinsam mit den Angehörigen, für eine menschliche Behandlung und Begleitung eingesetzt. Die Ängste und das Misstrauen, das hierzu geschürt wird, verrät aus meiner Sicht eine pessimistische Weltsicht der kritisch gegenüber zu treten ist.

Genau hinschauen eröffnet neue Wege

Ich erlebe als Seelsorgerin auf der geschlossenen Altersabteilung durchaus, wie Demenz, Verwirrtheit und die biografischen Folgen des ureigenen Lebens geballt und auch tragisch zu Tage treten können. Ein erster Blick auf diese Schicksale liesse durchaus den Rückschluss zu, dass «ich selber so nicht enden möchte». Ich höre auch Menschen die sagen, ihr ganzes Leben wäre schon von Traurigkeit gekennzeichnet gewesen und: «jetzt wäre es doch genug». Menschen, die aussprechen, dass sie am liebsten schon gestorben wären.

Bei einem zweiten und dritten Blick, erlebe ich aber ebenso, wie sich ganz überraschend neue Konstellationen und Hilfestellungen ergeben können, jenseits aller Planung und Wertvorstellungen!

Da unterstützen sich zum Beispiel einander fremde und teilweise demente Menschen intuitiv gegenseitig. Im subjektiv und momenthaft stark aufscheinenden Leiden geschieht unerwartete Linderung. Nicht selten brechen Gemeinschaft, Humor und Lebensfreundlichkeit auf.

Ich erlebe es immer wieder, «wie der Tag auf – durchaus geheimnisvolle Weise – jeweils für sich selber sorgt» und auch das Personal von diesen kreativen Momenten lebt.

Wir alle können einander viel geben, indem wir das Leben gerade in seinem zerbrechlichsten und heillos aussehenden Wesen akzeptieren und sogar lieben lernen.

Dann geben wir Lebensmüden unsere Hand – nicht das Gift.

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Sabine Zgraggen, MA theol. ist Leiterin Katholische Klinikseelsorge an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich

Sabine.zgraggen@puk.zh.ch

 

 

 

 

 

Vom Durchhalten oder die Frage nach assistiertem Suizid

Zwei biografische Beispiele – anonymisiert und verfremdet – erzählen von realen Alltagserfahrungen in der Psychiatrieseelsorge. Sie zeigen das Dilemma in der Diskussion auf und laden zum Nachdenken ein:

Herr M. und die grosse Leere

Herr M. ist 52 und hat eine jugendliche Tochter in Ausbildung. Seit über 30 Jahren kämpft er mit schweren Depressionen, die schon seine Mutter während ihres Lebens niederdrückte. Seine Klinikaufenthalte werden länger, bis zu acht Monaten ging es das letzte Mal. Jeder Tag war schwarz und schwärzer. Zu erzählen gab es da nichts mehr. Keine Empfindungen, ausser diese Leere. Seine Ehe erlitt wegen der Belastungen Schiffbruch, auch wenn der Kontakt bis heute freundlich geblieben ist. Er hat keine Freunde mehr, ausser den Kontakten in der Klinik. Hier erfährt er Verständnis unter Gleichgesinnten. Die Tochter besucht ihn regelmässig. Sie hat sich, nach einigen labileren Phasen, für eine Ausbildung als Fachangestellte Gesundheit entschieden. Ihre hohe Sensibilität im Umgang mit Benachteiligten, ihre Feinfühligkeit und Reife, sticht in ihrem Umfeld hervor. Das Thema Suizid beschäftigt Herrn M. immer wieder. Er hat Angst vor den Momenten, in welchen er «eine Dummheit» begehen könnte. Bisher hat er mit schier unglaublicher Geduld durchgehalten. In den besseren Wochen ist er dankbar für sein Leben. Er möchte seiner Tochter ein Vorbild sein, gerade weil die Wahrscheinlichkeit besteht, dass auch sie an Depression erkranken könnte.

Was, wenn die Möglichkeit eines assistierten Suizides auch für Herrn M. in greifbare Nähe rückt?

Frau A. und ihr ausgebeutetes Leben

Frau A. möchte sterben. Sie ist gegen ihren Willen in der Klinik. Ihr ganzes Leben war traurig. Sexueller Missbrauch, Gewalt und als billige Arbeitskraft sei sie ausgenutzt worden. Sie ist 85. Ein Alkoholproblem hat sich zur Linderung der unangenehmen Gefühle dazu gesellt. Daheim droht die Verwahrlosung. In der Klinik erlebt sie nach einigen Wochen in voller Wucht ihre ernüchternde Realität. Sie betet, dass sie lieber gestern schon gestorben wäre. Während der Besuche und Gespräche gelingt es manchmal, sie von ihrem Fokus abzulenken. Beziehungen zu Mitpatienten und Personal können nach mehreren Monaten aufgebaut werden. Es gibt immer häufiger zwei oder drei Frauen, die mit ihr zusammen Lieder singen und plaudern möchten. Mittels Medikamenten wird der Leidensdruck geringer, geht aber nicht ganz weg. Wer sie ist oder gerne gewesen wäre, taucht in längeren Gesprächen auf. Es wird deutlich, dass die Spirale der eingeübten negativen Gedanken bei frühzeitiger Therapie vielleicht nicht chronisch geworden wäre. Manchmal leuchtet etwas von ihrer Lebenskraft auf, dann sieht sie viel jünger aus und lächelt verstohlen. Ihre Persönlichkeit kann hier, in diesem geschützten Rahmen, vielleicht erstmals seit Jahrzehnten, neu aufatmen. Es gab Zeiten, da hätte sie das Angebot für einen assistierten Suizid sofort angenommen. Heute sagt sie, dass sie «doch lieber darauf wartet, bis Gott sie endlich zu sich lässt». Bis dahin gefällt ihr manchmal das Leben.

Was, wenn der Leidens- und Kostendruck dazu führte, solchen Biografien die Chance zu nehmen, sich auch im hohen Alter nochmals anders zu erleben?

 

Dieses Kurzreferat wurde am Mediengespräch zum Thema Alterssuizid
am 01.07.2016 in Bern gehalten

Radio Maria war vor Ort präsent und hat mit einer Direktsendung von der Medienkonferenz berichtet

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