Kirche muss Jungen zuhören und vertrauen

jenseits-Leiter Michael Mann zu gelingendem Kontakt mit Jungen.

Als am Anfang dieses Jahrzehntes der Versuch unternommen wurde, einen schicken Namen für eine Kirche für junge Erwachsene in Zürich zu finden, wurde eines schnell klar: Kirche ist aus Sicht von vielen jungen Leuten völlig «jenseits.» Mit andern Worten: «total daneben». Kirche ist ein Ort und eine Institution, mit der man ungefähr so viel zu tun haben will, wie mit den Zeugen Jehovas. Nämlich nichts.

Sätze wie «Da muss man zum Lachen in den Keller gehen.», drücken das aus.

Nach neun Jahren schulischem Religionsunterricht sind einem grossen Teil der Jugendlichen die Lust auf Religion vergangen. Analog trifft dasselbe allerdings auf Mathe, Hochdeutsch oder Chemie zu.  Was läuft falsch? Trifft der alte Konflikt von Wissenschaft und Religion, die beide um die Deutungshoheit ringen, im Schulischen Religionsunterricht nicht ständig aufeinander?  Hat Religion als «Nebenfach» überhaupt eine Chance?

Poetry Slam: Volles Haus im Bogen 12 des Viadukts in Zürich zur Botschaft Barmherzigkeit

Ein wenig stolz auf Änderungen

Generation Golf hat in der Kirche vieles verändert: Frauen leiten Gemeinden, Theologen predigen in Eucharistiefeiern. Die Ökumene hat sich etabliert. Die Logik des Lebens ist, dass die Jungen etwas verändern. Dieser Status Quo reicht den Jugendlichen von heute – Generation Y und Z – nicht mehr. Wieso dürfen Frauen nicht Eucharistie feiern? Wieso müssen Gottesdienste mit Orgelmusik gefeiert werden? Wieso gehen Katholiken und Protestanten getrennt in die Kirche – sind doch beides Christen? Das alles erscheint aus ihrer Sicht «völlig unlogisch» und «total veraltet».

Ich selber bin schon ein wenig stolz auf all die Änderungen der letzten 20 Jahre. Für junge Menschen ist das alles selbstverständlich, sie wollen weiter.

Und die Frage ist berechtigt: Wo finden heute noch Wandel in der Kirche statt? Wandel, der nicht die 60- und 40-Jährigen interessiert, sondern die 20-Jährigen? Was die 20- und 30-Jährigen wandeln wollen, wissen wir nicht einmal! Wir stecken immer noch fest im Konflikt der 1970er und 80er Jahre. Päpstliche Papiere wie Amoris Laetitia sind der beste Beweis dafür.

Velo-Segnung im Bogen 12

Jeder und jedem ihre/seine eigene Edition

Die Ökumene hat Generation Golf viel Kraft gekostet, heute ist es selbstverständlich, dass reformierte und katholische Christen heiraten. Für die Jugend wäre es nur normal, wenn religiöse Rituale für alle Religionen offen sind. Schliesslich betonen ja alle, es gibt nur einen Gott. Sie macht das aus ihrer Sicht sinnvollste: Sie sucht sich die Bausteine und Baumaterialien aus den verschiedenen Religionen zusammen und machen ihre ganz eigne Edition. myReligion ist das Schlagwort. mySpirit.

Was bei Kirchen nach Synkretismus riecht, ist schlichtweg die Art und Weise, wie die Jugend gross geworden sind: In allen Lebensbereichen wählen sie sich aus der Überfülle an Angeboten genau ihr Ding aus: ihre Musik, ihre Sportart, ihr individuell konfiguriertes Auto, ihre Lieblings-Apps.

Kann eine Kirche darauf reagieren? Was passiert, wenn sie es nicht tut?

Junge Menschen und Spiritualität

Wenn Amt und Menschlichkeit auseinander fallen

Jugendliche und junge Erwachsene sind froh, dass sie in der Schweiz leben und nicht im Iran. Sie haben ein feines Gespür für Freiheit. Wieso sollten sie dann an eine hierarchische katholische Kirche glauben. Das widerspricht allem, was sie für sinnvoll, wahr und gut halten. Ein Bischof regiert auf Lebenszeit und schreibt auch noch vor, was sie glauben sollen. Gegen Jesus haben die wenigsten etwas – im Gegenteil. Aber Papst, Bischof, Priester – Männer, die Frauen als nicht gleichwertig behandeln, sind total jenseits ihres Weltbildes. Vor allem wenn Amt und Menschlichkeit auseinander fallen. Organisationen jeglicher Art sind ihnen suspekt, weil Menschen dort immer wieder Sachzwängen ausgeliefert sind und ihre eigene Überzeugung hinten anstellen müssen. Aber gerade bei der Kirche ist das fatal: Wer, wenn nicht der Seelsorger, muss zu 100 Prozent das Gewissen sprechen lassen.

Emotionalität und Gefühl im jenseits

Design, Emotionalität und Sprache

Junge Menschen sind zudem vom neuen Design angezogen. Sie surfen im Netz auf ihrem Smartphone. Lieben Bilder und Gefühle. Pfarreiseiten sind Bleiwüsten. Dabei könnte man kirchliche Inhalte sehr gut emotional verpacken, da Kirche ja hoch emotionale Inhalte zu bieten hat. Dazu fällt mir noch was ein: Die Sprache der Kirche tut ihr übriges.

«Kannst Du mir das dechiffrieren?», fragte ein junger Erwachsener.

Die Aussagen der Kirche sind in eine Sprache gekleidet, die junge Erwachsene nicht mehr verstehen. Fatalerweise wird uns im jenseits gerade dann, wenn es gelingt zeitgemäss zu sprechen, unterstellt, wir seien nicht mehr christlich. Hier treffen die Kirchenbilder aus den 1950er Jahren, der 1980er Jahren und denen von heute aufeinander.

Zuhören, Dialog und Vertrauen in die Jungen

Mal Hand aufs Herz:

Haben wir die Jugendlichen je gefragt, was sie brauchen und was sie nicht brauchen?

Poetry Slam im Jenseits zur Botschaft Barmherzigkeit

Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass Jugendliche und junge Erwachsene aufatmen, wenn sie zu jungen Projekten der Kirche kommen, die wirklich anders sind. «Endlich nehmt ihr uns ernst.», sagte einer, als in einer grossen Stadtkirche zu zeitgemässer Musik getanzt wurde. «Bei Euch haben wir sonst immer das Gefühl, wir sind nicht gut genug.»
Es stimmt mich nachdenklich, wenn Kirche dieses Gefühl vermittelt: So wie ihr Jugendlichen seid, seid ihr nicht gut genug! Ihr kommt nicht in die Kirche, Ihr sitzt nicht still auf der Kirchenbank und hört nicht andächtig zu. Im jenseits IM VIADUKT bekommen wir täglich ein ganz anderes Feedback:

«So muss Kirche sein!» Offen, kreativ, laut und leise, man kann mitbestimmen, spirituelle Experimente, Coaching, Nachhaltigkeit und ganz viel Wandel und ganz viel Freiheit.

Und wie schafft dies die Kirche nachhaltig? Durch Zuhören, Dialog und Vertrauen in die Jungen. Wie sagte doch einst der Heilige Benedikt: Die wirklich wichtigen Dinge sollen von den Jüngsten in der Gemeinschaft entschieden werden. Um alles weniger Wichtige können sich getrost die Älteren kümmern. In diesem Sinne macht die nächste Bischofssynode Hoffnung. Thema ist der Dialog mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Michael Mann im Bogen 12 des jenseits

Michael Mann, Leiter jenseits IM VIADUKT seit 2015. Er studierte Theologie in Bonn und Berkeley, Kalifornien. Seit 2003 arbeitet er in der katholischen Kirche in der Schweiz. Er war administrativer Leiter und Prediger in der Klosterpfarrei Einsiedeln, leitete in St. Gallen safranblau, ein kirchliches Vorzeigeprojekt, in dem Ethik, Event und Erlebnis erfolgreich zusammenspielen. jenseits IM VIADUKT wird von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich getragen.

Bilder
Tolis Fragoudis (Titelbild)
Fiona Knecht (alle anderen Bilder)

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