Wenn der Geist die Freiwilligen [ver-]treibt

Eine im Privat- wie im Berufsleben voll engagierte Frau, die dennoch eine Idee verfolgt, Kirche attraktiver zu machen. Die Reaktionen des Sozialarbeiters und Pfarrers: amüsant und doch erschreckend. Denn wie nicht selten im richtigen (kirchlichen) Leben zeigte sich, wer wirklich kompetent ist im Umgang mit Menschen. Es ist leichter, Menschen zu umgehen als mit ihnen umzugehen.

Pikantes Thema, speziell gewürzt

Ein pikantes Thema für eine Weiterbildung, gekonnt aufgenommen und mit eingestreuten Prisen, speziell gewürzt vom Eidgenössischen Improvisationstheater.

Die Kommission Freiwillige des kantonalen Seelsorgerats Zürich hatte mit ihrer Themensetzung für die Weiterbildung 2016 ein Gespür für Fragen aus der Praxis. Unterhaltsam und tiefgründig stellten die beiden Schauspieler (Bettina Wyer und Julian Schlack) Szenen aus dem Leben einer Freiwilligen in der Pfarreiarbeit dar.

wenn-er-geist-freiwillige-vertreibt_foto_oliver-wupper-schweers-4

Das Spiel der beiden legte den Finger auf den wunden Punkt der Freiwilligenarbeit:

  • Sind Hauptamtliche nur dafür da, Freiwilligen Jobs anzubieten?
  • Ist es auch möglich, zusammen neue Projekte zu entwickeln?
  • Ist Raum vorhanden, um gemeinsame Herzensanliegen zu erspüren?
  • Gibt es Verantwortliche für Freiwilligenarbeit mit genügend Zeit und Empathie?
  • Sprechen wir die gleiche Sprache?

Gott Vater und die Heilige Geistin zwischen Ratlosigkeit und Resignation

Besonders unterhaltsam und dennoch nachdenklich stimmend war das Szenenspiel zwischen Gottvater und der Heiligen Geistin:

Er ratlos ob der Gleichgültigkeit der Menschheit gegenüber seiner Weltanschauung und Schöpfung, sie fast schon resigniert, weil sich die Menschen kaum noch inspirieren lassen.

Die Szene führte vor Augen, wie ein beziehungsreicher Gott an Grenzen stösst, die ihm die Freiheit der Menschen setzt.

Traum des Zweiten Vatikanischen Konzils

In dem sich anschliessenden Input durch Mitglieder der Kommission Freiwillige wurde – daran anknüpfend – der Traum des Zweiten Vatikanischen Konzils in Erinnerung gerufen.

Ingrid Thurner hat die Berufung des Samuel (1 Samuel 3) auf die Berufung der Laien übertragen, mündend in der Vision:

„Die Laien wuchsen über sich hinaus und wurden immer mehr. Der Herr war mit ihnen und liess sein Wort Menschen in Priestern und Laien!“ (Quelle: Exuperantius Nr. 6. Seite 5)

Papst Franziskus hakt nach

Papst Franziskus träumt dies auch, wenn er in seiner Enzyklika Evangelii Gaudium (Nr. 120) schreibt, dass jede und jeder Getaufte, unabhängig von Funktion und Bildungsniveau, die Evangelisierung aktiv mitgestalten sollte – und dies auch darf! Und im Juni 2014 ergänzte er in einer Ansprache an Laien in Caserta: „Auf eure Kreativität kommt es an!“

Freizeitverhalten hat sich rasant und markant verändert

Papst Franziskus sagt aber auch: Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee (Evangelii Gaudium Nr. 231). Diese Wirklichkeit zeigt beispielsweise der Freizeitmonitor 2016 auf.

In den vergangenen fünf Jahren hat sich das Freizeitverhalten rasant und eklatant verändert: nicht mehr nur knapp die Hälfte aller Befragten surfen – wie 2011 – mindestens einmal pro Woche im Internet, sondern nun 75.5% – Tendenz zunehmend.

Die mobile Erreichbarkeit und Zugänglichkeit ins Netz sind auch ‹Geister›, die Freiwillige vertreiben. „Schweizer/innen sind in der Freizeit am liebsten allein“, kommentierte 20Minuten diesen neuen Freizeitmonitor.

screeenshot-20-min

Es lässt aufhorchen, wenn dadurch auch gemessen wird, dass soziale Kontaktpflege (mit Freunden und sogar der Familie) im gleichen Zeitraum um ca. 30% zurückgegangen ist.

Die Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen

Diese Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen, wenn es um die Frage Freiwilligenarbeit und um die Suche nach (neuen) Freiwilligen geht, aber nicht daran verzweifeln oder gar resignieren – so die Ermutigung des Abends.

In Gesprächsgruppen wurde schnell klar:

  • Es gibt nach wie vor das gelingende, erfüllende und Zufriedenheit stiftende Freiwilligenengagement!

  • Viele Aktionen und Projekte belegen: es ist keine verschwindende Minderheit, die sich heute noch und immer wieder für andere einsetzt wie beispielsweise für Flüchtlinge, über alle Konfessions- und Religionsgrenzen hinaus.

  • Und es lassen sich immer wieder – auch neue – Freiwillige finden, wenn sie persönlich angesprochen werden, wenn ihr Talent und ihre Herzensanliegen wahr- und ernstgenommen wird, wenn sie in ihrem Engagement nicht allein gelassen werden usw.

wenn-er-geist-freiwillige-vertreibt_foto_oliver-wupper-schweers-6

An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen

Die achtzehn Teilnehmenden (es hätten ein paar mehr sein dürfen) waren sich einig: Freiwillige brauchen Hauptamtliche – und umgekehrt! Wesentlich ist, in welchem Geist man kooperiert. Ist es der Geist, den das Konzil oder Papst Franziskus beschwört – der Geist des Miteinanders und der gegenseitigen Ergänzung? Oder ist es der Geist der Überzeugung, nur selbst alles richtig und rechtmässig machen zu können? Wer so denkt, hat es nicht einfacher, sondern eher stressiger. Und das Fazit ist dann nicht selten recht mässig! Ein sich selbst überfordernder, hektischer und ruheloser Menschen schafft es nur schwer, Verbündete zu finden und zu motivieren.

Es bleibt also eine ganz persönliche Frage, ob mein Geist (andere) Freiwillige treibt oder vertreibt: ob ich selbst die Offenheit habe gegenüber anderen Ideen, die emotionale Kompetenz, auf Menschen zuzugehen ohne sie zu überrennen, und ob ich mir die Zeit nehme, Beziehungen zu pflegen und wachsen zu lassen.

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!“, sagte schon Jesus in Matthäus 7, 16. Dieser Satz gilt sicher nicht nur in Bezug auf Pharisäer…

 

Antworten