Über Trump, White Trash und gutes Leben

Anlässlich des Dreikönigsanlasses der Körperschaft* fragte sich Synodalratspräsident Benno Schnüriger, was Kirche und Staat zu gelingendem Leben aller beitragen können und müssen. 

Das Jahr 2016 hat uns auf der internationalen Bühne einiges an Stoff zum Nachdenken und somit zum Diskutieren geboten. Vor allem die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten liess viel Druckerschwärze fliessen. Gestolpert bin ich über ein Interview im Tages-Anzeiger vom 21. Dezember mit Hans Ulrich Gumbrecht, einem Deutschen, der in Deutschland Romanistik, Germanistik, Philosophie und Soziologie studiert, seit langem in den USA lebt und heute als Professor für Komparatistik an der Universität Stanford lehrt. Also ein Mann mit einer eindrucksvollen Vita. Seine Kernthese lässt sich so zusammenfassen: Es geht darum, eine Vision des gelungenen Lebens zu entwickeln, die auch der «White Trash» teilt. Nun führte Gumbrecht im Interview folgendes aus:

«Es ist eine Herausforderung, auch und gerade für uns Intellektuelle, herauszufinden, was ein gutes Leben für den abschätzig bezeichneten «White Trash» bedeutet, der nicht notwendiger Weise unglücklich oder verarmt ist.»

Zwei Aussagen hebe ich heraus:

  1. Es sind also die Intellektuellen, welche den Weg vorzeigen sollen und
  2. der Staat soll nicht ins Privatleben eingreifen.

Zum zweiten Mal stolperte ich gleichentags in der NZZ über den Artikel von Heinz Bude, Professor für Soziologie an der Uni Kassel. Er setzt sich mit dem Populismus auseinander. Ich kann folgende Kurzformel für «Populismus» anbieten:

«Die Wählerinnen und Wähler der populistischen Parteien mühen sich ab, legen sich krumm und kommen doch auf keinen grünen Zweig. Diesen Leuten ist klar, dass die auf der Piazza ausbaden müssen, was die in den Palazzi sich über die Welt von morgen ausgedacht und zurechtgelegt haben. Populistische Politik definiert sich auf diese Weise als Politik der 99% «da unten» auf der Piazza die gegen die Arroganz des einen Prozents «da oben» in den Palazzi rebellieren.»

Der Staat hat die Gesamtheit im Blick 

Die soeben beschriebenen Phänomene sind politische, denn es geht um Wahlen und Kompetenzzuteilung.

Letztlich aber geht es um die Beantwortung der Frage: «Was soll denn dieser Staat leisten?»

Zu Beginn der BRD formulierte das Konrad Adenauer wie folgt: «Das Streben nach Linderung der Not, nach sozialer Gerechtigkeit, wird der oberste Leitstern bei unserer gesamten Arbeit sein».

Im Schweizerischen Staatsrecht wird der minimale Staatszweck vielfach in etwa wie folgt umschrieben: «Gewährleistung von Rechtsfrieden und Rechtssicherheit und Sicherung des Wohlergehens des Staatsvolkes.»

Beide Definitionen stellen die Gerechtigkeit (Rechtsfrieden) und die Sicherung des Wohlergehens (Linderung von Not, Chancengleichheit und Grundlage für wirtschaftliches Fortkommen) für das gesamte Staatsvolk ins Zentrum. Oder etwas pointiert ausgedrückt: Adressat staatlichen Handelns ist die gesamte Bevölkerung und nicht der Einzelne. Es geht um den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Sowohl Gumbrecht als auch Bude verlangen aber vom Staat weit mehr als das. Gumbrecht verlangt vom Staat ausdrücklich, dass er eine Vision des gelungenen Lebens entwickle, die auch der «White Trash» teile. Die von Bude erwähnte Bevölkerung verlangt vom Staat ebenfalls, dass er ihre Mühen abnehme, so dass auch sie auf einen grünen Zweig kämen.

Einzelfallgerechtigkeit ist nicht gefragt. Meiner Meinung nach, versprechen aber beide Autoren genau das. Der Staat soll dem Einzelnen einen Lebensentwurf der gelingt entwickeln, er soll der Einzelnen ihre täglichen Mühen abnehmen. Der Staat kann diesen Ansprüchen nie, wirklich nie gerecht werden – ausser er sei totalitär!

Die Kirche schaut auf den Einzelnen

Interessant ist das Rezept (ich rede bewusst in der Einzahl), das viele Autoren als Ausweg propagieren:

  • Judith Butler; Philosophin und Philologin meint, dass das Leben in einer schlechten Welt eine Lebensbedingung sei und die Aufgabe demnach darin bestehe, Handlungen solidarisch mit anderen zu entwickeln, die – wenn auch nur im Kleinen – eine bessere Welt ermöglichen.
  • Der bereits mehrfach erwähnte Bude führt aus, Orientierung könne es nur in Fühlungnahme mit den Menschen, mit denen man zu tun hat, und im Blick auf eine Gesellschaft die auf der Suche nach einer Deutung ihrer Lage ist, geben.
  • Thomas Wallimann und Josef Grosse Kracht schliessen ihren Beitrag in der Tribüne der NZZ vom 22. Dezember mit den Worten: „Eine Welt, in der es allen gut geht, lässt sich nicht mit Theorien, sondern nur mit Einfühlungsvermögen und Beziehungsarbeit schaffen. Darum ist Barmherzigkeit so bedeutsam.“
  • Schliesslich noch Lytta Basset, eine Theologin in der Romandie, welche es auf den Punkt bringt:

    Ich glaube an einen horizontalen Gott, ein Gott der durch die anderen Menschen wirkt. Wir hören einander nicht genug zu. Dabei wäre das gerade in der heutigen Zeit so wichtig, wo sich Verunsicherung und Angst breitmachen angesichts der vielen Herausforderungen. Und wo so viele Leute das Gefühl haben, zu kurz zu kommen, nicht ernst genommen zu werden

Gumbrecht hat mich mit seiner Aussage, dass der Staat eine Vision des gelungenen Lebens zu entwickeln habe, am Narrenbeinli getroffen. Nein, das hat der Staat tatsächlich nicht zu tun, er kann und darf es auch nicht. Andernfalls wird er totalitär.

Die Katholische Kirche im Kanton Zürich ist selbst zwischen zwei Rechtssysteme eingezwängt, das kanonische und das staatliche.  Aber es wäre Land in Sicht, wenn wir uns auf vermehrt auf die Präambel der Kirchenordnung besinnen würden: «Im Vertrauen auf Gott und in der Absicht, im Kanton Voraussetzungen für eine lebendige Kirche zum Wohl der Menschen zu schaffen.»

Der Staat kann die Not der Menschen lindern, die Kirche aber muss das Wohl aller Menschen im Fokus haben. Die Kirche strebt also das grösste gemeinsame Vielfache an. Das kann sie beitragen:

  • im Kleinen solidarisch sein mit anderen
  • Fühlung aufzunehmen mit den Menschen, mit denen man zu tun hat
  • mit Einfühlungsvermögen Beziehungsarbeit zu schaffen, barmherzig sein
  • einander zuhören, denn nur so kann Gott durch uns auf anderen Menschen wirken.

Ich danke allen, die sich in der Kirche engagieren und ich wünsche uns allen, dass wir uns weniger mit Strukturen beschäftigen (kirchlichen und staatskirchenrechtlichen), sondern mit unserem Auftrag, mit den Menschen Wege zu einem gelingenden Leben zu suchen.

*Rund um den Dreikönigstag lädt der Synodalrat alle Bereichsleiter und deren Partnerinnen oder Partner ein. Dabei wendet sich traditioneller Weise der Präsident oder die Vizepräsidentin der Körperschaft an die Anwesenden. Für den 13. Januar 2017 entfaltete Benno Schnüriger aus aktuellem Anlass grundlegende Gedanken zu Staat, Politik und Kirche.

Ein Kommentar zu “Über Trump, White Trash und gutes Leben

  1. Zeno Cavigelli schrieb am :

    Die Hobbymathematiker sollten sich Gedanken machen über das erwähnte „grösste gemeinsame Vielfache“, das die Kirche laut Text anstreben sollte ;-)

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